Amtsgericht Olten-Gösgen
Über 50 Mal an Elfjähriger vergangen — Stiefvater kommt vor Gericht

Ein Kenianer hat seine Stieftochter während dreier Jahren missbraucht. Nun musste er sich am Donnerstag vor dem Amtsgericht Olten-Gösgen verantworten.

Rahel Bühler
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Geschenke und mehr Freiheiten Diese «Gegenleistung» erhielt das Mädchen vom Täter. (Symbolbild)

Geschenke und mehr Freiheiten Diese «Gegenleistung» erhielt das Mädchen vom Täter. (Symbolbild)

Sandra Ardizzone

Das Amtsgericht Olten-Gösgen musste sich gestern Donnerstag mit einem besonders schweren Delikt befassen. Deshalb wurde vonseiten des Opfers beantragt, die Öffentlichkeit vom Verfahren auszuschliessen. Das Gericht sah diese Forderung als ungerechtfertigt an. Mehrfache Vergewaltigung, mehrfache sexuelle Nötigung, mehrfache Schändung, mehrfache sexuelle Handlungen mit Kindern und Gefährdung des Lebens lauten die wesentlichen der insgesamt 14 Anklagepunkte.

Ein heute 41-jähriger Mann mit kenianischer Staatsbürgerschaft hat die Tochter seiner damaligen Lebenspartnerin in einem Zeitrahmen von drei Jahren sexuell missbraucht. Das Mädchen war zum Zeitpunkt der ersten Übergriffe elf Jahre alt.

Kennen gelernt haben sie sich im Sommer 2011, als beide im gleichen Wohnblock lebten. Das Mädchen mit bosnischer Herkunft stellte den Beschuldigten ihrer Mutter vor, und zwischen ihnen beiden entwickelte sich eine Liebesbeziehung. Er verliess seine Schweizer Ehefrau und zog zum Opfer und ihrer Mutter, die kurze Zeit später schwanger wurde.

Intensität der Übergriffe nahm zu

Zum gleichen Zeitpunkt begannen die Übergriffe. In einem Abstand von ungefähr zwei Wochen soll sich der Kenianer vaginal als auch anal am Mädchen vergangen haben. Das sind mindestens 51 Mal. Die Übergriffe haben sowohl in der Wohnung der Familie im Kanton Baselland als auch in einem Auto und einem Lastwagen stattgefunden. Manchmal manchmal schlief das Mädchen sogar. Quasi als Gegenleistung erhielt es Geld, ein Handy oder mehr Freiheiten als in der Obhut der strengen Mutter.

Die Geschehnisse überschlugen sich an einem Nachmittag im August 2015. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Mutter bereits vom 41-Jährigen getrennt. Er verabreichte dem Opfer K.O.-Tropfen und verging sich anschliessend in seiner Oltner Wohnung zwei Mal an ihr. Auch nahm er das Geschehen mit seiner Handykamera auf. Aufgrund der Tropfen erbrach sich das Mädchen mehrmals. Der Beschuldigte liess trotzdem nicht von ihr ab. Laut Staatsanwaltschaft stellt dies eine Gefährdung des Lebens dar, da das Mädchen an ihrem eigenen Erbrochenen hätte ersticken können. Diese Vorkommnisse veranlassten das Mädchen später dazu, eine

Strafanzeige einzureichen.

Der in schwarzer Kleidung, Handschellen, Fussfesseln und Polizeigewahrsam vorgeführte Beschuldigte bestritt die Anklagepunkte nicht. Seiner Schuld ist er sich aber nicht vollständig bewusst. «In seiner Vorstellung hat sich eine Liebesbeziehung entwickelt», wird sein amtlicher Verteidiger später berichten. Auch der vorgeladene psychiatrische Gutachter attestiert dem Angeschuldigten eine «gestörte Sexualpräferenz». Der Beschuldigte sagte aus, dass die sexuellen Kontakte einvernehmlich waren und zum Teil auch von ihr ausgingen.

Das Mädchen wuchs ohne Vater auf und sah im heute 41-Jährigen den Ersatz dafür. Sie liess die Vorgänge über sich ergehen, weil sie fürchtete, ihre Vaterfigur und seine Liebe zu verlieren. Ausserdem wollte sie nicht, dass ihr jüngerer Bruder ohne seinen Vater aufwachsen muss. Zudem drohte der Angeklagte damit, die psychisch angeschlagene Mutter zu verlassen.

16,5 Jahre gefordert

Der vorbestrafte Angeklagte war auch sonst kein Kind von Traurigkeit. Er hatte diverse Affären, konsumierte Kokain und befand sich in einer On-Off-Beziehung mit der Kindsmutter. Auch gab später eine weitere Frau an, vom Beschuldigten geschändet worden zu sein.
Die Staatsanwältin forderte in ihrem einstündigen Plädoyer einen Schuldspruch in den meisten Punkten der Anklageschrift. Einzig vom Vorwurf der oralen Befriedigung sah sie ab. «Der Beschuldigte handelte skrupel-, hemmungs- und gefühllos.» Wegen seinem grausamen Vorgehen forderte sie eine Freiheitsstrafe von 16,5 Jahren und eine ambulante Therapie. Zudem eine Geldstrafe und eine Busse.

Die Verteidigerin des Opfers, Susanna Marti, forderte eine Genugtuung von 70'000 Franken für ihre heute 17-jährige Mandantin, die am Prozess nicht zugegen war. «Der Beschuldigte hat das Vertrauen und die schwierigen Familienverhältnisse schamlos ausgenutzt», erklärte sie in ihrem Plädoyer.

Der Verteidiger hatte ob solch gravierenden Anschuldigungen einen schweren Stand: Auch er musste für seinen Mandanten in den meisten Punkten einen Schuldspruch fordern. Den Vorsatz der grausamen Vergewaltigung sah er jedoch nicht als erwiesen. Er plädierte auf mehrfache Schändung und mehrfache sexuelle Handlungen mit einem Kind und forderte 4,5 Jahre und eine ambulante Therapie. Über die Höhe der Genugtuung solle das Gericht entscheiden. Der Angeklagte selbst will keine Therapie machen, wenn nicht sichergestellt ist, dass er nicht nach Kenia abgeschoben werde. Das Urteil wird am 7. Mai mündlich eröffnet.