Obergericht

Trotz Schädelbrüchen: Heute sind Opfer und Täter dicke Freunde

Der Tatort: Vor dem «Terminus» in Olten kam es zur Schlägerei.

Der Tatort: Vor dem «Terminus» in Olten kam es zur Schlägerei.

Die Schlägerei vor dem Terminus in Olten liegt schon drei Jahre zurück, beschäftigt aber die Justiz noch heute.

4.20 Uhr: Es war eine lange Nacht, für die meisten ausserdem eine feuchtfröhliche. Vor einigen Minuten schloss das «Terminus» in Olten seine Türen, die letzten Besucher versammeln sich auf dem Trottoir vor dem Restaurant. Sven M.*, seine Freundin und ein Kollege gehören zu dieser Gruppe. Auch der Kosovare Amir L.*, der Serbe Bojan C.* und einer ihrer Kollegen halten sich dort auf. Nach einer verbalen Auseinandersetzung kommt es plötzlich zur Schlägerei zwischen Sven und Bojan. Amir geht dazwischen, seinen eigenen Aussagen zufolge will er den Streit schlichten.

Mehrere Personen beobachten, dass ein zweiter Mann ebenfalls auf Sven einhaut – niemand vermag den «Täter» aber zu erkennen. Sven fällt zu Boden. Bojan tritt auf ihn ein. Auch der zweite Mann tritt zu. Sven zieht sich mehrere Schädelbrüche im Gesichtsbereich, eine Nasenbeinfraktur und zwei Riss-Quetsch-Wunden im Gesicht zu. Der Vorfall geschah am 25. April 2011.

Aussage gegen Aussage

Rund zweieinhalb Jahre später musste sich das Amtsgericht Olten-Gösgen mit den Vorfällen beschäftigen. Es war wie so oft bei Gerichtsverhandlungen: Aussage gegen Aussage. Die eine Gruppe behauptete, Sven habe den Streit begonnen, die andere belastete Bojan; einmal war Sven ohnmächtig, dann wieder nicht; anschliessend kassierte er mehrere Tritte in Bauch- und Kopfbereich, aber eigentlich war es nur ein Tritt in den Bauchbereich.

Schliesslich soll auch Amir auf Sven eingeschlagen haben, während dieser weiterhin behauptete, er habe schlichten wollen. Das Amtsgericht entschied sich am 11. Dezember 2013, Bojan C.* und Amir L.* wegen versuchter schwerer Körperverletzung, Raufhandels und unterschiedlich schwerer Verstösse gegen das Strassenverkehrsgesetz (SVG) zu verurteilen.

Für Bojan bedeutete dies eine Freiheitsstrafe von 24 Monaten bedingt und für Amir eine teilbedingte Freiheitsstrafe von 28 Monaten (acht Monate unbedingt). Da die beiden das Urteil nicht akzeptieren wollten, legten sie Berufung ein. Auch Staatsanwalt Lukas Büttiker war mit dem Urteil nicht zufrieden und erhob Anschlussberufung.

Plötzlich Freunde?

Oliver Wächter, amtlicher Verteidiger von Bojan C., überraschte während der gestrigen Verhandlung vor Obergericht mit einer schriftlichen Erklärung von Sven M. Er gab diese zu den Akten und sagte: «Sven will meinem Mandanten nichts Böses, er hat ihm verziehen.» Vorsitzender Hans-Peter Marti wollte von Bojan mehr dazu wissen. «Ich habe eine gute Zeit mit ihm. Wir haben beide eingesehen, dass das alles ein grosser Fehler war, und es tut uns leid.» Marti las darauf aus der eingereichten Erklärung vor: «Wir haben uns ausgesprochen. Die erlebten Verletzungen sind verheilt. Ich bitte Sie, ihn nicht zu bestrafen, allein das Verfahren hat ihn sehr belastet.» Marti wollte wissen, ob diese Erklärung von Sven aus gekommen sei. Bojan bejahte. «Er hat mir den Brief lediglich zum Lesen gegeben.»

Höhere Strafe oder Freisprüche?

Staatsanwalt Lukas Büttiker sprach am Anfang seines Plädoyers davon, dass er die Schuldsprüche für Amir L. und Bojan C. für richtig halte. «Nur sind von mir aus gesehen die Sanktionen zu milde ausgefallen.» Was er damit meinte, zeigte sich bei seinen Erklärungen zur Strafzumessung. Dabei sprach er beispielsweise davon, dass Bojan C. in einen Blutrausch verfallen sei. Um Amir L. zu belasten, zitierte Büttiker einen Zeugen, der zur Tatzeit gerade aufs «Terminus» zulief. «Aus nächster Nähe hat dieser Mann gesehen, wie eine Person Schläge kassierte, zu Boden ging und zwei Personen weiter auf ihn eintraten.»

Auf Fotos habe dieser Mann dann Amir L. als «zweiten Täter» identifiziert. Er forderte für Bojan C. eine teilbedingte Freiheitsstrafe von 28 Monaten (14 unbedingt; bei Probezeit von drei Jahren) und für Amir L. eine teilbedingte Freiheitsstrafe von 26 Monaten (13 unbedingt; bei Probezeit von zwei Jahren).

Verteidiger Wächter sprach davon, dass alle Beteiligten – ausser seinem Mandanten Bojan C. – einer Gruppe angehörten und sich alle gegenseitig entlasteten. «Die Strafuntersuchung wurde lausig geführt.» Viele Einvernahmen seien nicht zulasten seines Mandanten verwertbar, weil unter anderem das Konfrontationsrecht und das Beteiligungsrecht verletzt worden seien.

Am Schluss blieben dann nur noch einige Aussagen übrig und diese seien nicht hart genug für eine Verurteilung. Das erstinstanzliche Urteil bezeichnete er als «willkürlich». «Man hat das Gefühl, jemand müsse für die Schlägerei zur Rechenschaft gezogen werden und die zwei Beschuldigten bieten sich dafür an.» Das sei aber einem Rechtsstaat unwürdig. «Mein Mandant ist darum freizusprechen.»

Auch David Gibor, der amtliche Verteidiger von Amir L., forderte einen Freispruch. Gleich wie sein Vorredner stellte auch er sich auf den Standpunkt, dass mehrfach die Verfahrensregeln verletzt worden und die meisten Einvernahmen unverwertbar seien. Zudem bezeichnete er die Urteilsbegründung als oberflächlich und fehlerhaft. Dann verteidigte er seinen Mandanten mit den Worten: «Er versuchte die beiden zu trennen, er hat weder getreten noch geschlagen.» Die Beschreibungen der Zeugen würden zudem vor allem auf den dritten Anwesenden der Tatnacht passen, den Kollegen von Amir L. und Bojan C. «Die Vorinstanz hat meinen Mandanten willkürlich an dessen Stelle gesetzt», so Gibor. Das Urteil wird heute Donnerstag erwartet.

* Namen von der Redaktion geändert.

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