Berufsbildung
Trotz offener Lehrstellen besteht keine Garantie auf Ausbildungsplatz

Der im Vorjahr eingesetzte Trend setzt sich fort: Es gibt mehr Lehrstellen als angehende Lernende. «Das Pendel hat auf die andere Seite umgeschlagen», erklärt Renato Delfini, Leiter der Berufs- und Studienberatung im Kanton Solothurn.

Franz Schaible
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Anspruchsvolle Polymechaniker-Berufslehrstellen bleiben mangels «Qualität» der Bewerber offen.

Anspruchsvolle Polymechaniker-Berufslehrstellen bleiben mangels «Qualität» der Bewerber offen.

Oliver Menge

Es mehrten sich besorgte Rückmeldungen von Ausbildungsbetrieben, dass sie Mühe hätten, ihre Lehrstellen qualifiziert zu besetzen. Allerdings ist die Situation, zumindest im Kanton Solothurn, noch nicht dramatisch. Anfang August werden rund 2300 Jugendliche ihre ersten Schritte ins Berufsleben unternehmen, wie Delfini aufgrund von vorliegenden Zahlen schätzt. Das sind in etwa gleich viele wie im Vorjahr mit 2331 angehenden Berufsleuten. Auch die Zahl der laufenden Lehrverhältnisse wird mit rund 6500 (Vorjahr: 6515) stabil bleiben.

Bei einem ebenso unveränderten Angebot von rund 2400 Lehrstellen werden also deren rund 100 nicht besetzt werden können. Dabei handle es sich, so Delfini, vorwiegend um Berufe aus dem gewerblich-handwerklichen Umfeld, die oftmals nicht dem Berufswunsch von Jugendlichen entsprechen. «Die Tendenz hin zu Dienstleistungsberufen ist ungebrochen und auch ein Zeichen des gesellschaftlichen Wertewandels. Alles strebt hin zu den sogenannten ‹white collar›-Berufen.»

Offene Top-Lehrstellen

Ein Blick auf die Internet-Plattform Lehrstellennachweis (Lena) mit den offenen Stellen bestätigt diese Aussage. Angebote für eine Lehre etwa als Kaufmann gibt es keine. So meldet die Baloise Bank SoBa, die insgesamt 19 Lernende und zwei Trainees ausbildet, dass alle sechs Lehrstellen mit Beginn August besetzt sind. «Es ist generell nicht schwieriger geworden, die Ausbildungsplätze zu besetzen», sagt Kommunikationsleiter Marco Sauser. Das meldet auch die Uhrwerkherstellerin ETA in Grenchen. «Aber die optimale Besetzung der Lehrstellen bleibt eine grosse Herausforderung», erklärt Reto Kohli, Leiter Ausbildung. Die Swatch-Tochter ist einer der grössten Berufsausbildner in der Region. Auf August bietet ETA 70 Lehrstellen in 16 verschiedenen Berufen an, die voraussichtlich alle besetzt werden können. Insgesamt beschäftigt ETA an allen Standorten rund 180 Lernende.

Offensichtlich können aber nicht alle anspruchsvollen Ausbildungsplätze adäquat besetzt werden. Nur wenige Wochen vor Lehrbeginn sind auf Lena Stellen für Polymechaniker, Elektroinstallateure oder Konstrukteure offen. Oliver Frei, Inhaber und Geschäftsführer der Jura Garage in Bettlach, berichtet, dass es bei der Stellenbesetzung für die zweijährige Lehre als Automobil-Assistent und der dreijährigen Lehre als Automobilfachmann jeweils kaum grosse Schwierigkeiten gebe. Anders sehe es bei der sehr anspruchsvollen 4-jährigen Berufslehre als Automobil-Mechatroniker aus, fährt Frei fort, der auch im Vorstand der Solothurner Sektion des Auto Gewerbe Verbandes Schweiz (AGVS) sitzt. «Die Anforderungen sind hoch und steigen stetig. Dort gibt es durchaus Nachwuchssorgen.» Das Interesse an den Berufen im Autogewerbe sei zwar vorhanden. «Aber die Bewerbungen von Jugendlichen mit einem gut gefüllten Schulsack nehmen ab.» Vielfach fehle das Basis-Wissen, insbesondere in der Mathematik. Der mittelgrosse Garagebetrieb mit 15 Angestellten bildet jeweils zwei Lernende aus.

Drang hin zum Gymnasium hält an

Christoph Bärtschi bestätigt diese Aussagen und verweist zudem auf den Trend hin zur gymnasialen Ausbildung auf Kosten der Berufslehre. Der Personalchef des Elektrowerkzeugherstellers Scintilla in Zuchwil, mit 48 Lernenden ein grosser Ausbildungsbetrieb, konnte auf August eine Polymechaniker-Lehrstelle nicht besetzen. «Wir stellen fest, dass sich die Bewerber teilweise überschätzen oder die Anforderungen unterschätzen», meldet Bärtschi. «Die Suche nach geeigneten Kandidaten für anspruchsvolle vierjährige Lehren dauert heute tendenziell länger als noch vor ein paar Jahren», ergänzt Kohli von der ETA. Einerseits liege das am Rekrutierungsprozess, andererseits prüften auch die Jugendlichen ihre potenziellen Arbeitgeber genau. Eine Zusage erfolge nicht mehr auf das erstbeste Angebot hin, sondern die Schüler befinden sich meist bei mehreren Firmen im Auswahlverfahren. «Das fördert aber auch die Ausbildungsqualität der Firmen.»

Warnung vor falscher Sicherheit

Renato Delfini warnt angesichts des Wechsels vom Lehrstellen- zum Lehrlingsmangel vor falschen Schlussfolgerungen. Es sei nicht so, dass es schwer Vermittelbaren leichter falle, einen Ausbildungsplatz zu finden. «Leistungsschwache, sozial auffällige oder generell Jugendliche mit verschiedenen Defiziten haben weiterhin sehr schwere Startbedingungen und hohe Hürden zu überwinden.» Denn die Anforderungen seien auf allen Ebenen gestiegen. Und die Lehrbetriebe liessen eher eine Lehrstelle unbesetzt, als dass sie diese «auf Biegen und Brechen besetzen.» «Alles andere wäre sowohl für den Betrieb, den Lernenden wie für sein Umfeld keine gute Lösung», ergänzt Garagier Oliver Frei.

Letztlich droht auch ein Abbau des Lehrstellenangebotes. «Wenn wir die Lehrstellen mehrmals nicht besetzen können, kann dies allenfalls zu einem Verlust des Ausbildungsplatzes führen», sagt Scintilla-Personalchef Bärtschi.