«Drogenseminar»

Trotz Massenrausch nach Drogenseminar gibt's kein Berufsverbot für den Schüler von Samuel Widmer

Durch Hallozinogene gabs einen Massenrausch. (Symbolbild)

Durch Hallozinogene gabs einen Massenrausch. (Symbolbild)

Auf Bewährung verurteilt wird ein deutscher Psychotherapeut, dem ein Seminar mit bewusstseinserweiternden Drogen aus dem Ruder lief. Er hatte Verbindung zur Solothurner Kirschblütengemeinschaft.

7 Notärzte und 160 Rettungskräfte mussten im September 2015 ausrücken, als im deutschen Handeloh ein Seminar mit bewusstseinserweiternden Drogen aus dem Ruder lief. 27 teils nackte Teilnehmer mussten betreut werden. Sie litten unter Wahnvorstellungen, Krämpfen oder Atemnot.

Am Mittwoch nun endete in Stade der Prozess gegen den Psychotherapeuten Stefan S., der für den «Massenrausch» verantwortlich ist. Die Zweite Grosse Strafkammer des Stader Landgerichts hat ihn zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und drei Monaten verurteilt. Das Überraschende an dem Urteil: Es wurde kein Berufsverbot ausgesprochen. Allerdings muss der Angeklagte mit einem Verfahren der Psychotherapeutenkammer rechnen.

Schüler von Samuel Widmer

Deutschlandweit und auch in der Schweiz war über die Beziehung des Angeklagten zu dem im Januar verstorbenen Schweizer Psychotherapeuten Samuel Widmer und dessen Kirschblütengemeinschaft in Lüsslingen-Nennigkofen berichtet worden. Stefan S. bezeichnet sich selbst als Schüler Widmers, der mit der in Deutschland nicht zugelassenen Methode der Psycholyse arbeitet.

Zu Beginn seiner Urteilsbegründung stellte der Vorsitzende Richter Berend Appelkamp fest: «Hier ging es nicht um Herrn Widmer oder irgendwelche Heilmethoden und Gesinnungen. Sondern es ging schlicht und ergreifend um Drogendelikte.» Angeklagt war der Psychotherapeut wegen Besitzes und Überlassens von Betäubungsmitteln. Das ist unstrittig. Der Angeklagte war voll geständig. Er hatte für das erste Septemberwochenende 2015 zu seinem Seminar «Reise durch unser Energiesystem» in die Lüneburger Heide geladen. Es endete eben mit dem Einsatz der 160 Rettungskräfte. Wie sich später herausstellte, war die zur Verfügung gestellte synthetische Droge 2 C-E mit «Bromo-Dragonfly» verunreinigt, einer hochpotenten halluzinogenen Substanz. Während der Einnahme des 2 C-E will Stefan S. mit seiner Frau spazieren gegangen sein. Betroffene sagten im Verfahren nicht aus. Sie nahmen von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch, da sie sich hätten selbst belasten können.
Knackpunkt bei der rechtlichen Bewertung war, ob Stefan S. Betäubungsmittel in nicht geringer Menge mitgebracht hatte und damit nun mit einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr rechnen musste. Unter anderem hatte der Psychologe LSD, 2 C-E und das Amphetamin MDMA dabei. Bei LSD liegt in der deutschen Rechtsprechung die Grenze zu einer nicht geringen Menge bei 6 Milligramm. Gefunden wurden 6,071 Milligramm; also knapp darüber. Die Staatsanwaltschaft wertete alle vorhandenen Drogen als einen Fundus, der die geringe Menge somit deutlich überschritt. Verteidiger Rüdiger Deckers plädierte dafür, den Besitz der unterschiedlichen Drogen getrennt zu betrachten, da sie zu verschiedenen Zeiten erworben wurden – die Substanz 2 C-E ein Jahr bevor sie in Deutschland verboten wurde.

Keine Wiederholungsgefahr

Das Gericht folgte dem Ansatz der Staatsanwaltschaft. Es handle sich um eine Tat und der Angeklagte habe es in Kauf genommen, eine nicht geringe Menge mit sich zu führen. Dahingehend habe er vorsätzlich gehandelt, so Appelkamp. Bei der Bewertung der Tat habe sehr viel Entlastendes für den Angeklagten gesprochen, so der Vorsitzende: das bisher straffreie Leben, das umfassende Geständnis, die erheblichen beruflichen Auswirkungen, der persönliche wirtschaftliche Schaden, die hohen Kosten, die bereits erfolgte Wiedergutmachung. Dagegen wögen aber die beiden Straftaten in Tateinheit zu schwer. Daher könne das Geschehen nicht als minderschwerer Fall bewertet werden. Auch damit folgte die Kammer der Staatsanwaltschaft. Ein Berufsverbot, wie Staatsanwalt Christian Laustetter gefordert hatte, sprach das Gericht allerdings nicht aus. «Eine Wiederholungsgefahr können wir nicht feststellen», so der Vorsitzende. «Auch wenn der Angeklagte hier eine gewisse Überzeugung kundgetan hat, liegt kein konkretes Wissen vor, dass er schon einmal so gehandelt hat.»

Zum Schluss sprach Richter Appelkamp deutliche Worte zu Stefan S., der am Tag des Urteils 53 Jahre wurde. Er hatte behauptet, wenn Drogen legalisiert und damit kontrolliert würden, wären Drogen wie Bromo-Dragonfly gar nicht auf dem Markt. «Wenn Sie hier Straffreiheit fordern, begeben Sie sich auf glattes Eis. Das muss ich deutlich sagen», wies ihn Appelkamp zurecht. Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig. Der Staatsanwalt wollte vorerst keine Erklärung abgeben, ob er Rechtsmittel einlegen wird.

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