Coronavirus

Trotz Isolation gefeiert: Kanton sieht keinen Fehler beim Contact Tracing – 21-Jährige denkt über Klage nach

Beschwerde abgewiesen: Corona-Ignorantin hätte Isolation nicht früher beenden dürfen

Beschwerde abgewiesen: Corona-Ignorantin hätte Isolation nicht früher beenden dürfen

Weil eine junge Grenchnerin trotz einem positiven Corona-Test in den Ausgang ging, wurde sie von der Behörde angezeigt. Die 21-Jährige wehrte sich daraufhin gegen die Vorwürfe und behauptete, dass das Contact Tracing Team ihr erlaubt hätte, früher aus der Isolation zu gehen. Der Kanton hat die Vorwürfe untersucht und weist die Aufsichtsbeschwerde ab.

Die 21-jährige Frau, die Ende Juni 2020 eine angeordnete Isolation missachtete und an Partys in Grenchen feierte, war durch das Contact Tracing-Team korrekt informiert worden. Das Departement des Innern weist die betreffende Aufsichtsbeschwerde ab.

Anfang Juli blickte die Schweiz nach Grenchen. Zumindest so lange, wie es die hektische Nachrichtenlage in Zeiten von Corona erlaubte. Grund dafür war eine junge Frau aus der Stadt. Sie hatte am 27. Juni eine Party im Grenchner Parktheater und eine weitere Veranstaltung besucht, obwohl sie an Covid-19 erkrankt war und eigentlich noch hätte daheim bleiben sollen.

Der kantonsärztliche Dienst hatte eine Isolation bis am 1. Juli angeordnet. Fast 300 Personen mussten wegen des fraglichen Ausgangs vorsichtshalber in Quarantäne gehen.

Kanton sieht keine Fehler im Contact Tracing Team

Warum die junge Frau die Party besucht hat, ist seither ein Streitpunkt zwischen ihr und dem Kanton. Die junge Frau ging im Juli via ihren Anwalt an die Öffentlichkeit und erklärte, sie sei von einer Person aus dem Contact-Tracing-Team falsch informiert worden. Mündlich habe man ihr bestätigt, dass ihre Isolation bereits am 26. Juni ende. Ihr Anwalt Andreas Kummer reichte deshalb eine Aufsichtsbeschwerde beim Departement des Innern ein.

Am Dienstag gab der Kanton nun in einer Mitteilung bekannt, dass er die Aufsichtsbeschwerde der Frau zurückweist. «Das Departement des Innern hat den Fall geprüft und hält als Ergebnis seiner Abklärungen fest, dass dem Contact Tracing-Team kein Fehlverhalten anzulasten ist», so der Kanton in der Mitteilung. Der Kantonsärztliche Dienst habe am 23. Juni verbindlich eine Isolation bis zum 1. Juli angeordnet.

Am 24. Juni habe sich die junge Frau beim Contact Tracing Team gemeldet und angegeben, bereits wieder gesund zu sein. Die ersten Krankheitssymptome seien bereits am 16. Juni aufgetreten, so die junge Frau laut dem Kanton im Gespräch mit dem Contact Tracing Team. «Die Person stellt sich nun auf den Standpunkt, sie sei dahingehend informiert worden, dass die Isolation bei dieser Ausgangslage bereits am 26. Juni 2020 ende», so der Kanton weiter.

Nur mündlich kommuniziert

Die junge Frau sagt also, sie sei vom Contact Tracing Team mündlich darüber informiert worden, dass ihre Isolation am 26. Juni ende. Dem widerspricht der Kanton, und beruft sich auf die Qualitätsvorgaben, nach denen das Contact Tracing Team arbeitet. Diese sehen vor, «während der regelmässigen Telefonkontakte mit isolierten Personen wesentliche Auffälligkeiten, Neuerungen und Ereignisse stets in Form von Gesprächsnotizen zu dokumentieren», so der Kanton.

Eine solche Notiz sei anlässlich des Gesprächs mit der jungen Frau aber nicht erstellt worden, so die Behörde weiter. «Aufgrund der standardisierten Prozesse innerhalb des Contact Tracing-Teams kann somit ausgeschlossen werden, dass der betroffenen Person ein früheres Isolationsende mündlich bestätigt wurde».

Dazu kommt laut der Mitteilung, dass die Dauer der Isolation nur nach Rücksprache mit einer Ärztin oder einem Arzt des kantonsärztlichen Dienstes angepasst werden könne. Eine neue Anordnung müsse anschliessend zwingend per Mail bestätigt werden, was im Falle der jungen Frau aber nicht passiert sei. Die Telefongespräche zwischen dem Contact Tracing Team und Personen, die mit Covid-19 in Kontakt gekommen sind, werden nicht aufgezeichnet.

Nach dem Kanton verschickte auch Andreas Kummer, der Anwalt der jungen Frau, eine Medienmitteilung. Darin zeigt er sich unzufrieden mit dem Entscheid der Behörde. «Der Hauptvorwurf ist damit nicht beseitigt, dass das frühere Ende der Isolationsdauer durch die zuständige Mitarbeiterin mündlich mitgeteilt worden ist», so Kummer in der Mitteilung. Und er übt Kritik am Contact Tracing: «Die fehlende Protokollierung weist zudem auf ein Versäumnis der zuständigen Behörde hin».

Partygängerin überlegt sich zu klagen

Weiter erhebt Kummer neue Vorwürfe gegen den Kanton. So sei dieser dafür verantwortlich, dass der Name seiner Mandantin an die Öffentlichkeit gelangt war. Wer daran die Schuld trage, ist laut dem Anwalt noch Gegenstand von Ermittlungen. «Möglicherweise hat es mit dem Gesundheitsamt und dem Kantonsärztlichen Dienst nichts zu tun», schreibt Kummer.

Seine Mandantin sei dadurch aber in ihrer Persönlichkeit verletzt worden: «Meine Mandantin wurde öffentlich vorverurteilt und dem Rufmord ausgesetzt», so Kummer. Unter anderem wurde die junge Frau von verschiedenen News-Plattformen als «Super-Spreaderin» oder als «Corona-Ignorantin» bezeichnet. «Das ist die Grundlage für eine Genugtuung und Schadenersatz», so Kummer weiter.

Und noch aus einem weiteren Grund behalte sich seine Mandantin vor, eine Schadenersatzklage gegen den Kanton Solothurn einzureichen. «Die fehlerhafte oder zumindest missverständliche Auskunft der Behörde war der Auslöser für die Massenquarantäne. Sollte meine Mandantin auf Schadenersatz eingeklagt werden, wird sie den Kanton dafür zur Verantwortung ziehen», schreibt Kummer.

Noch über den Fall entscheiden muss die Staatsanwaltschaft. Diese hat die Ermittlungen aufgenommen, nachdem der Kanton eine Strafanzeige gegen die Frau eingereicht hat. Der Grenchnerin droht eine Busse von mehreren tausend Franken.

Autor

Rebekka Balzarini

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