Tote Rinder von Boningen

Trotz Entlastung für Veterinärdienst bleiben offene Fragen

Sie stellten sich der Presse: Kantonstierärztin Doris Bürgi, der externe Experte Michael Hässig und Peter Studer, der Chef des kantonalen Rechtsdienstes.

Die verwaltungsinternen Untersuchung hat ergeben, dass das Veterinäramt im Fall Boningen richtig gehandelt hat. Dennoch bleiben offene Fragen. Kritik wird laut, denn im Vorfeld gab es Hinweise aus der Nachbarschaft.

«Der Veterinärdienst des Kantons Solothurn hat bei der Bearbeitung des Tierschutzfalles in Boningen die gesetzlichen und die übergeordneten Vorgaben eingehalten.» So beginnt die Medienmitteilung, die der Rechtsdienst des Volkswirtschaftsdepartements anlässlich der Medienkonferenz zum Abschluss der verwaltungsinternen Untersuchung verteilte. Und weiter: «Der Tierschutzfall hätte auch mit engmaschigeren Kontrollen nicht verhindert werden können.»

Diese nüchterne juristische Formulierung beantwortete aber nicht alle Fragen, die man sich nach dem Tierdrama vom vergangenen Mai in Boningen stellen musste, als auf einem Bauernhof nicht weniger als 16 Kühe elendiglich verendet waren. Kantonsrat Felix Lang, der die Medienkonferenz besuchte, ist jedenfalls gar nicht zufrieden. Er bezeichnet den Bericht des Rechtsdienstes als «inhaltlich korrekt, aber tendenziell als Verteidigungsschrift für das Veterinäramt verfasst.»

Fall Boningen: Veterinärdienst hat richtig reagiert

Fall Boningen: Veterinärdienst hat richtig reagiert

Im Mai 2016 fand die Polizei auf einem Hof in Boningen (SO) 16 tote Rinder. Der Abschlussbericht zeigt: Der Veterinärdienst hat korrekt gehandelt.

«In bäuerlichen Kreisen kann man sich schlicht nicht vorstellen, dass es nur drei Monate vor dem Drama keine Vorzeichen gegeben hat», sagte Lang, der früher selber in Rohr Milchkühe hielt und bis vor kurzem Präsident des Vereins der Nordwestschweizer Biobauern war. «Das Veterinäramt hat zu wenig unternommen, obwohl es im Vorfeld deutliche Hinweise aus der Nachbarschaft gegeben hatte.»

Keine schriftliche Meldung

Rechtlich betrachtet habe das Veterinäramt alles richtig gemacht, sagte Peter Studer, Departementssekretär und Chef des Rechtsdienstes. Dass auf die telefonische Meldung von Missständen Anfang Februar keine Kontrolle erfolgte, sei normale Praxis. «Der Veterinärdienst hat eine schriftliche Meldung unter Nennung der Mängel eingefordert. Diese ist nicht eingetroffen.» Es gebe immer wieder Denunzianten, die einen Bauern unbegründet anschwärzten. «Man kann nicht einfach ständig herumschnüffeln. Die Tierhalter werden genügend oft kontrolliert und haben ein Recht auf Privatsphäre», sagte Studer.

«Zudem hat der Bund den Betrieb zur Überprüfung der Subventionszahlungen am 24. Februar kontrolliert und es gab nichts zu beanstanden. Da wäre eine weitere Kontrolle durch das Veterinäramt unverhältnismässig gewesen», sagte Studer. Es dränge sich keine grundsätzliche Änderung des heute geltenden, risikobasierten Systems auf. Danach werden sämtliche Tierhalter alle vier Jahre kontrolliert. «Wenn ein wesentlicher Mangel festgestellt wird, gibt es bereits nach einem Jahr eine Zwischenkontrolle.»

Gewisse Lehren werde man aus dem Fall ziehen. «Die Behebung kleinere Mängel werden in Zukunft vom Tierarzt überprüft», sagte Studer. Die Vollzugsmeldung des Bauern werde nicht mehr genügen. «Nach der dritten Beanstandung wird der Fall nicht mehr geschlossen, dann muss man von einem systemischen Problem ausgehen.» Einfacher gesagt: Erst wenn ein Tierhalter dreimal negativ registriert worden ist, kommt er in die Risikoliste des Kantons.

«Es war kein Vorzeigebetrieb»

Als Experte wurde Michael Hässig beigezogen, der als Professor für Veterinärmedizin an der Universität Zürich arbeitet. «Man hätte diese Entwicklung nicht erkennen können», entlastete auch Hässig das Solothurner Veterinäramt. Als Todesursache vermutet der Fachmann eine Vergiftung durch das Nervengas Botulinum Neurotoxin C/D, das bei der Verwesung entstehen kann und von dem Spuren im Stall nachgewiesen werden konnten. «Eine einzige tote Maus im Silo kann eine ganze Tonne Futter so vergiften, dass die Kühe daran sterben. Das ist auch schon in Top-Betrieben passiert.»

Im Interview nach der Medienkonferenz relativierte der beigezogene Experte die Aussagen. «Es war klar, dass es sich nicht um einen Vorzeigebetrieb gehandelt hat. Vielleicht wäre es in einem solchen Fall auch möglich, dass ein Veterinär nach einer telefonischen Meldung unbürokratisch einen freundschaftlichen Besuch macht, ohne dass man gleich eine Kontrolle anordnet.»

An der Medienkonferenz wurde auch darüber informiert, dass nach den zwölf toten Kühen im Stall noch die Skelette von vier weiteren, komplett verwesten Tieren im Miststock gefunden wurden. Diese Kühe hatte der Bauern offenbar schon vor Februar 2016 dort vergraben.

Auf die Frage, wie es denn möglich ist, dass ein Bauer den Tod von vier Kühen vor dem Veterinärdienst verbergen kann, sagte Kantonstierärztin Doris Bürgi: «Die Rindviehhalter registrieren die Daten selber. Die Kontrolle der Einträge in der Tierdatenbank ist sehr komplex. Wenn ein Bauer nichts meldet, muss das nicht bedeuten, dass etwas falsch läuft.»

«Man müsste nur die Tiere zählen»

Kantonsrat Felix Lang sagt es dezidiert: «Dieser Bauer hat seit dem 14. Oktober 2014 die Tierdatenbank nicht mehr abgeglichen. Bei der Kontrolle vom 24. Februar 2016 hätte man also nur die Tiere zählen müssen. Es fehlten vier Kühe und man hätte auf den Verdacht kommen müssen, dass es auf diesem Bauernhof ein riesiges Problem gibt.»

Er will sich nun auf der politischen Ebene dafür einsetzen, dass die Lehren aus dem Fall ins Risikomanagement des Veterinäramts einfliessen. «Wenn es ein Bauer zulässt, dass es bei einer Kuh zu Pantoffelklauen kommt, dann wirkt das wie eine schmerzhafte Folter auf das Tier. Ein solcher Hof muss in Zukunft sofort in die höchste Risikogruppe eingeteilt werden.»

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