Begleitetes Wohnen
Trotz Behinderung alleine wohnen: Wie Nicole Zaugg ihr Leben in den Griff bekommt

Im Kanton Solothurn leben dank dem Angebot «Begleitetes Wohnen» von Pro Infirmis rund 35 Personen trotz ihrer Behinderung in den eigenen vier Wänden. Eine davon ist die 33-jährige Nicole Zaugg. Sie wird einmal pro Woche unterstützt durch eine Mitarbeiterin von Pro Infirmis.

Elisabeth Seifert
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Nicole Zaugg (links) mit Lisa Ingold, ihrer Beraterin in lebenspraktischen Fragen.

Nicole Zaugg (links) mit Lisa Ingold, ihrer Beraterin in lebenspraktischen Fragen.

Hansjörg Sahli

Wir sitzen am Esstisch. Nicole Zaugg serviert Guetzli, die sie extra für spontane Besucher eingekauft hat. «Ich bin ein Schoggimonster», gesteht sie lachend. Die Atmosphäre ist entspannt. Die Sonne taucht das Wohnzimmer an jenem frühen Nachmittag in ein helles angenehmes Licht.

Wenn sie spricht, schaut sie immer wieder mal zu Lisa Ingold, die neben ihr sitzt. Man spürt den Respekt, den die beiden Frauen voreinander haben. Sie sagen sich gegenseitig Sie, obwohl sie sich seit zwei Jahren kennen, einmal die Woche während einer Stunde schaut Lisa Ingold bei Nicole Zaugg vorbei. Sie versteht sich als eine Art Beraterin. «Begleitetes Wohnen» heisst das im Fachjargon von «Pro Infirmis» (siehe Kasten unten).

Ordnung hilft Stress vermeiden

Lisa Ingold spricht nicht viel. Nicole Zaugg lässt aber immer wieder durchblicken, wie sehr ihr die Beratung durch Lisa Ingold hilft, ihr Leben selbstständig zu meistern. «Ich habe extreme Fortschritte gemacht.» Es ist vor allem die Ordnung im Haushalt, mit der sie lange Zeit nicht klar gekommen ist. «Meine psychischen Probleme haben es mir schwer gemacht, den Überblick zu behalten.»

Während sie früher in allen Zimmern gleichzeitig versuchte, das Chaos zu bewältigen, geht sie jetzt systematisch vor. «Ich fange mit einer Baustelle an und bleibe dran, bis sie bewältigt ist, dann kommt die nächste dran». Eine Strategie, die ihr dabei hilft, Stress zu vermeiden und ihre Psyche im Gleichgewicht zu halten. «Man muss einfach immer dran bleiben», weiss sie heute. Manchmal ist sie sogar fast etwas perfektionistisch geworden. «Man darf sehen, dass hier gewohnt wird.» Auch das musste sie lernen.

Zuerst in ihrem Zimmer in einer Wohngemeinschaft und seit einem Jahr in der eigenen Dreizimmerwohnung. Ihre Begleitperson Lisa Ingold lernte Nicole Zaugg kennen, als sie nach einem psychischen Zusammenbruch und einem Klinikaufenthalt ihr weiteres Leben planen musste. Neben der Ordnung unterstützt Lisa Ingold, die sich als Frau mit Lebenserfahrung bezeichnet, sie auch bei den Finanzen. «Ich bin ein wenig naiv im Umgang mit Menschen», meint Nicole Zaugg. «Wenn mir irgendjemand ein Produkt als besonders toll anpreist, unterschreibe ich einen Vertrag.» In einem solchen Fall ist dann Lisa Ingold zur Stelle und leitet alles in die Wege, um den Vertrag wieder rückgängig zu machen.

Während unserem Gespräch wandert ihr Blick oft zu Queeny. Das Spaniel-Weibchen der Rasse Cavalier King Charles, wie Nicole Zaugg erklärt, liegt ruhig am Boden, und scheint aufmerksam zuzuhören wie ihr Frauchen von ihrem Leben erzählt. «Sie ist fünf Jahre und zwei Monate alt», sagt Nicole Zaugg – und beinahe so lang gehören die beiden zusammen. Queeny hat einen wesentlichen Anteil daran, dass sie sich nicht mehr so einsam fühlt. «Ich zerquetsche sie fast mit meiner Liebe», sagt sie und kommt in Fahrt, wenn sie von den Erlebnissen mit Queeny erzählt, die für sie viel mehr ist als ein Hund. «Sie ist fast wie ein Kind, das keine Gefahr sieht, und darauf angewiesen ist, dass ich sie schütze.»

Die Einsamkeit machte Nicole Zaugg zu schaffen, seit sie mit 26 von zu Hause ausgezogen ist. «Mittlerweile habe ich gelernt, positiv zu denken.» Und Lisa Ingold stellt fest, dass auch ihr Selbstvertrauen gewachsen sei. «Ich weiss, dass ich mich bei Entscheidungen auf mein Bauchgefühl verlassen kann», meint Nicole Zaugg.

Ein prägendes Erlebnis

Das zu lernen, war kein einfacher Prozess. Viele Entscheidungen in ihrem bisherigen jungen Leben sind von anderen Menschen getroffen worden. «Ich bin sehr dankbar für diese Hilfe, aber ich musste lernen, für mich selbst Verantwortung zu übernehmen.» Enttäuschend war für sie, dass ihr Traum, Polizistin zu werden, aufgrund ihrer Lernbehinderung nicht in Erfüllung gehen konnte. Sie absolvierte die Heilpädagogischen Sonderschule und machte im Anschluss daran eine hauswirtschaftliche Ausbildung.

Immer wieder bekam sie zu hören «das kannst Du nicht». Auch wenn solche Bemerkungen oft nicht böse gemeint waren, nagten sie dennoch an ihrem Selbstbewusstsein, bis hin zur Verzweiflung. Als es wieder einmal soweit war und eine unbekannte Stimme sie dazu aufforderte, ihr Leben zu beenden, spürte sie die Gegenwart ihrer älteren verstorbenen Schwester. Sie gab ihr den Mut, weiterzumachen. Nicole Zaugg: «Ich möchte mein Bestes geben und an mir arbeiten, damit sie stolz auf mich sein kann.»

«Ich habe bis jetzt mehr erreicht, als ich mir zugetraut hätte», sagt sie. Nach etlichen Jahren in einer Behindertenwerkstätte hat sie jetzt eine 50-Prozent-Stelle im ersten Arbeitsmarkt gefunden, im Reinigungsteam des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes. Das Geld, das sie verdient, macht sie stolz. Ihren Spass hat sie auch an den Kindern, die wild herumtollen. «Irgendwann möchte ich selber eine Familie haben,» meint sie, «aber erst dann, wenn ich mein Leben wirklich im Griff habe».

Bis es so weit ist, sorgt sie sich um Queeny, besucht ihre Mutter und trifft sich hin und da mit Freundinnen. Von der Gesellschaft wünscht sie sich mehr Anerkennung für Menschen, «die anders sind». Aus der Sorge heraus, sich zu blamieren, zieht sie sich nämlich manchmal fast etwas zu stark in ihre eigenen vier Wände zurück.

Ein Projekt von Pro Infirmis

Mit dem «Begleiteten Wohnen» will Pro Infirmis Menschen mit einer Behinderung in ihrem Wunsch nach mehr Selbstbestimmung unterstützen. Sie sollen wählen können, wie sie leben wollen, sagt Gudrun Emminger gegenüber dieser Zeitung. Sie leitet bei Pro Infirmis Aargau/Solothurn das Angebot «Begleitetes Wohnen». In den beiden Kantonen werden zurzeit rund 100 Personen während einer oder auch mehrerer Stunden pro Woche durch Mitarbeitende von Pro Infirmis unterstützt. In Solothurn nehmen rund 35 Männer und Frauen diese Dienste in Anspruch. «Damit ist das Potenzial aber noch längst nicht ausgeschöpft», ist Gudrun Emminger überzeugt. Das «Begleitete Wohnen» richtet sich zum einen an Menschen, die trotz einer eher leichten Behinderung in einem Wohnheim oder einer Aussenwohngruppe leben. Und zum anderen an Männer und Frauen, die selbstständig leben, aber ganz ohne Unterstützung nur schlecht zurechtkommen.

Das Angebot ist vor allem auf Personen mit kognitiver oder psychischer Beeinträchtigung oder einer Hirnverletzung ausgerichtet. Ihre Beeinträchtigungen dürfen aber nicht so gross sein, dass es den Betroffenen zum Beispiel unmöglich ist, ohne Hilfe aufzustehen oder zu essen. «In der Regel dauert die Unterstützung bis zu vier Stunden pro Woche», so Emminger. Es sei aber durchaus auch eine längere wöchentliche Begleitzeit möglich. Im Zentrum stehe die Unterstützung in lebenspraktischen Fragen.

Finanziert wird die Begleitung unter anderem durch Subventionen des Bundes an Pro Infirmis und durch Leistungen der IV. Pro Infirmis beschäftigt im «Begleiteten Wohnen» in den Kantonen Aargau und Solothurn 18 Begleitpersonen. In aller Regel handelt es sich nicht um pädagogische Fachpersonen, sondern um Erwachsene, die mitten im Leben stehen. In ihren Begleitungen verfolgen sie keinen pädagogischen Anspruch. Zusätzlich sind drei Sozialarbeiterinnen für Bedarfsabklärung, Koordination und Sozialberatung zuständig. (esf)