Amtsgericht
Trinkspiel lief aus dem Ruder – endete Party in Gruppenvergewaltigung?

Haben sich drei junge Männer an einer wehrlosen Frau vergangen oder endete eine Party mit Trinkspiel von vier Asylbewerbern aus Eritrea in einer Gruppenvergewaltigung?

Daniela Deck
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An diesem Abend soll viel Alkohol konsumiert worden sein. (Symbolbild)

An diesem Abend soll viel Alkohol konsumiert worden sein. (Symbolbild)

Keystone

Am 31. Mai 2014 in Bellach: Zwischen 16 und 21 Uhr besuchte Sarah F.* mit einer Kollegin einen Bekannten. In dessen Wohnung trafen sie auch auf den angeklagten Aaron P.* sowie einen weiteren Mann. Die Männer tranken Wodka und Bier und luden die Frauen dazu ein. Bald darauf verabschiedete sich die Kollegin. Bei Trinkspielen konsumierte die damals 19-jährige Sarah F., die nach eigener Aussage nie zuvor Alkohol getrunken hatte, so viel, dass sie betrunken auf dem Sofa einschlief. Als sie wieder zu sich kam, lag sie auf dem Bett.

Wegen Schmerzen im Unterleib suchte sie am späteren Abend das Bürgerspital Solothurn auf. Dort wurde Sarah F. im Hinblick auf eine mögliche Vergewaltigung untersucht und DNA-Spuren der drei Männer an der Unterwäsche sowie Sperma des Angeklagten in der Vagina festgestellt.

Muttäter bereits verurteilt

So weit blieb der Sachverhalt vor Amtsgericht Solothurn-Lebern unbestritten. Daran, wie sie vom Sofa aufs Bett gekommen ist und was dort geschah, kann sich Sarah F. kaum erinnern. Auch die Männer machen einen Filmriss geltend. Zwei von ihnen waren zum Zeitpunkt der Tat minderjährig. Sie wurden vom Jugendgericht bereits rechtskräftig wegen Schändung verurteilt und gestern als Auskunftspersonen befragt.

Verborgen unter einer Jacke mit Kapuze beantwortete Sarah F. die Fragen von Amtsgerichtspräsident Yves Derendinger: «Der Anwesende (Aaron P.) war über mir und hat etwas mit mir gemacht – Sex.» Später habe er gesagt, wenn es ein Bub wird, wolle er Götti werden. Auf die Frage, wie es ihr heute geht, nach einem Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik und einer abgebrochenen Therapie, kämpfte die junge Frau mit den Tränen.

Täter will nächstens heiraten

Der Angeklagte, Aaron P., damals 18-jährig, erzählte, dass er eine Arbeitsstelle in Aussicht habe und diesen Frühling heiraten wolle. Zum Tatvorwurf verweigerte er die Aussage. Er sagte lediglich, dass er bereut, so viel getrunken zu haben, eine Aussage, die seine Verteidigerin nicht als Schuldeingeständnis verstanden wissen wollte. Sie plädierte auf Freispruch und begründete das mit wenig konsistenten Aussagen von Sarah F.

Zur Frage, ob die Tat als Vergewaltigung zu werten sei, das Opfer also in der Lage war sich zu wehren, oder ob es Schändung war, weil Sarah F. völlig wehrlos war, brachten die Aussagen der vier Zeugen keine Klärung.

Das Gericht folgte im Wesentlichen der Argumentation von Staatsanwalt Raphael Stüdi. Es stufte die Aussagen von Sarah F. als glaubhafter ein als die Berichte der Männer, die den Eindruck erweckten, abgesprochen zu sein. Zudem stützte sich das Gericht auf die Laborbefunde des Spitals, zu denen neben den Spermaspuren ein Blutalkoholtest des Opfers gehört, der kurz vor Mitternacht am Tag der Tat noch 0,95 Promille aufwies. Für die Version des Opfers sprachen auch ein Video aus dem Bus, das Opfer und Täter auf dem Weg zum Bahnhof Solothurn zeigt, und die Befragung des Buschauffeurs.

Fluchtgefahr: Sicherheitshaft

Das Gericht verurteilte Aaron P. wegen Schändung zu einer Freiheitsstrafe von 44 Monaten. Das Strafmass fiel damit etwas geringer aus als die 4,5 Jahre, die der Staatsanwalt gefordert hatte. Erschwerend wirkte sich aus, dass die Tat gemeinschaftlich verübt worden war. Strafmildernd wertete das Gericht die leicht verminderte Schuldfähigkeit des Angeklagten, der ebenso wie das Opfer betrunken gewesen war. Das Alter – einige Monate jünger und Aaron P. wäre wie die Mittäter vom Jugendgericht abgeurteilt worden – lasse gestützt auf das Bundesgericht keine Berücksichtigung zu.

Aaron P. muss dem Opfer eine Genugtuung von 10 000 Franken zahlen. Hinzu kommen die Verfahrenskosten, die er berappen muss.

Weil das Gericht bei Aaron P. von Fluchtgefahr ausgeht, ordnete es eine sechsmonatige Sicherheitshaft an. Deshalb wurde der Angeklagte direkt nach der mündlichen Urteilsverkündung von der Polizei abgeholt.

Ob das Urteil weitergezogen wird, ist noch offen.

*Namen der Redaktion bekannt

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