Prävention
Trickdieb-Kenner und Zauberer Orsani: «Auch ich wurde schon beklaut»

Für ihn ist Trickdiebstahl «eine Frechheit». Darum hilft er im Kampf gegen Trickdiebe der Polizei. Urs Saner alias Zauberer «Orsani» ist der Trickdieb-Kenner. Im Interview warnt er: «Jeder könnte ein Trickdieb sein!»

Simon Binz
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Trickdieb-Kenner Urs Saner zeigt Online-Praktikantin Caroline Kienberger, wie leicht es ist eine Handtasche zu klauen.

Trickdieb-Kenner Urs Saner zeigt Online-Praktikantin Caroline Kienberger, wie leicht es ist eine Handtasche zu klauen.

Simon Binz

Urs Saner, haben Sie schon Mal geklaut?

Wer hat das noch nicht? In der Jugend hat doch jeder einmal etwas mitgehen lassen, sei es eine Glace im Kiosk oder ein Fünfliber zu Hause oder nicht? (Macht eine Pause), aber sonst habe ich noch nie etwas geklaut, ich hätte anschliessend Probleme zu schlafen.

Die Polizei nennt Sie den «bekannten Trickdieb-Kenner Orsani»...Warum? Kennen Sie die Szene?

Ja, also ich kenne die Trickdiebe nicht persönlich, aber ich weiss, wie sie früher vorgingen und ich weiss, wie sie heute vorgehen. Meine Frau Martina und ich spielen seit Jahren Trickdiebstähle nach. Wenn ich Bücher zum Thema lese, dann frage ich mich, wie würde ich das machen? Die Schwindelgriffe kenne ich ja von der Zauberei her, darum finde ich immer den richtigen Kniff. So übe ich dann, wenns sein muss, bis ich einen Krampf in der Hand spüre, um den Trick perfekt zu beherrschen. So kann ich später eins zu eins realitätsnah aufzeigen, wie schnell man Opfer von Trickdieben werden kann.

Die Grenchnerin Rita Ris, zig-fache Schweizermeisterin im Minigolf, betritt gerade das Baracoa. Saner ruft ihr zu und winkt sie an den Tisch. Er begrüsst sie herzlich. Ris hat eine Handtasche um und auf diese hat es Saner abgesehen. Sie trägt die Tasche auf der rechten Schulter. Saner greift ihre Hand zum Gruss und streift ihr die Tasche ab, direkt rüber auf seine Schulter, macht kehrt und läuft davon. Nur einer von drei Handtaschen-Tricks, die er innert weniger Minuten zeigt. Riser überrascht: «Es ging so unglaublich schnell, da könnte ich nicht reagieren.»

Beeindruckend..Woher das grosse Interesse?

Ich hatte zwar 2004 aufgehört mit zaubern, aber so richtig konnte ich mich trotzdem nicht davon lösen. In der Zeitung habe ich wieder und wieder von Trickdiebstählen gelesen und begonnen mich dem Thema zu widmen. Ab 2005 fing ich eben an erwähnte Bücher zu lesen und bei befreundeten Zauberern, Spezialisten im Taschendiebstahl, nachzufragen. Ich habe dann den Österreicher Charlie Bora, den weltbesten Taschendieb, kennen gelernt und mit ihm zusammen 2009 in Grenchen ein Trickdiebstahl-Info-Seminar für Polizisten durchgeführt.

Sie haben Bücher gelesen...Wer schreibt über Trickdiebe?

Das sind nicht wirklich Bücher über Trickdiebe. Es gibt Zauberer die Taschendiebe sind, das ist ihre Zauberei. Sie geben Seminare und schreiben über die verschiedenen Stile, also eine Schwindelgriff-Erzählung.

Dann lese ich diese Bücher und weiss wie klauen...Nicht etwas problematisch?

Nein überhaupt nicht. Zu wissen wie ist das eine, zu beherrschen das andere. Ohne Fleiss kein Preis. Und dort hörts auch schon auf, viele sind zu faul zum Üben, also keine Angst...(lacht)

Zur Person

Der Grenchner Urs Saner (1947) war 34 Jahre lang als Zauberer «Orsani» auf der ganzen Welt unterwegs. 1983 gewann er zusammen mit seiner Frau Martina (1962) die Zauberer-Europameisterschaft. Anschliessend folgte eine internationale Karriere als Zauberer. 1995 gründete er den Zauberer-Kongress in Grenchen, der nach Baden-Magisch, der grösste Zauberer-Anlass der Schweiz ist. Erst 2004 trat «Orsani» als Zauberer zurück. Seit her wurde es einiges stiller um Urs Saner. Sein Herzblut widmete er fortan gänzlich dem Zauberer-Kongress in Grenchen, der alle drei Jahre stattfindet. Seine Freizeit verbringt Saner oft mit seiner Frau zusammen auf dem Bieler-See beim Segeln. Das verheiratete Paar hat einen erwachsenen Sohn.

...und auch wenn die Zauberer die Tricks nicht beschreiben würden, die Trickdiebe kämen von selbst drauf?

Genau! Sie haben die Griffe ja nicht von uns, sondern wir Zauberer schauen bei ihnen ab. Taschendiebstahl wird von Personen erfunden, die meist weder lesen, noch schreiben, können, aus der Not heraus. Nur wird aus der Not schnell einmal Kommerz, und zwar mit organisierten Banden.

Gab es einen Zeitpunkt, da war für Sie klar: «Jetzt ist Schluss, ich will helfen?»

Nicht unbedingt. Die Polizei hat mich angefragt. Die Grundidee war die Polizisten aufzuklären. Damit diese eingeweiht sind, damit sie sich ein Bild machen können. Wenn ich nicht weiss wie ein Trickdiebdiebstahl funktioniert, wie kann ich ihn dann aufklären, geschweige denn verhindern? Ich habe die Idee dann weitergesponnen. Warum nur die Polizei? Jeder sollte lernen zu erkennen, wenn er von einem Trickdieb angegangen wird. Jeder sollte lernen, dass ein Trickdieb nie allein ist und auch Kinder Teil eines Tricks sein können.

Kann ich also einen Trickdieb erkennen?

Jeder könnte ein Trickdieb sein. Jeder Fremde, der mir näher als einen Meter kommt, könnte ein Trickdieb sein. Mir muss klar sein, dass ein fremder Mensch so nah bei mir nichts zu suchen hat. Leute denken immer ein Trickdieb muss schnell sein, das stimmt nicht. Ein gutes Beispiel ist eine analoge Uhr. Der Sekundenzeiger ist schnell, alle bemerken ihn. Der Stundenzeiger ist langsam, keiner bemerkt ihn...

Kriminelle als Ansporn?
Ja natürlich! Wir müssen alle Leute auf der Strasse darauf aufmerksam machen. Wir sollten an Altersnachmittagen, Feiern für Pensionierte und ähnlichen Anlässen präsent sein, denn dort ist es möglich, ältere Personen zu sensibilisieren. Der Trickdieb sucht sich schliesslich kein 20-jähriges Opfer. Wir müssen reagieren, denn so etwas wie Trickdiebstahl sind wir in der Schweiz einfach nicht gewohnt.

Wie meinen Sie das?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Als ich in die Primarschule ging, waren meine Freunde und ich oft bei meiner Grossmutter zu Besuch. Wir konnten jederzeit in das Haus gehen, die Türe war nie abgeschlossen. Früher hat niemand die Türe abgeschlossen...

...bitte etwas konkreter?
Ich verurteile bestimmt keine Personen und bin kein Rassist, aber die Realität sieht so aus, dass nicht der Schweizer der Trickdieb ist. Es klaut der, der nichts hat und darum in die Schweiz gekommen ist. Die Zeiten haben sich geändert und wir wissen im Moment noch nicht wie damit umzugehen.

Letztes Jahr Weihnachtsverkauf in Solothurn, vor kurzem mia und in Kürze Heso. Sie unterstützen die Kantons- und Stadtpolizeien. Wie genau?

Genauso wie ich es bei Rita gezeigt habe. Ich beraube Personen so, wie sie auf der Strasse beklaut würden. Ich stehle Frauen die Handtasche und den Männern klaue ich die Brieftaschen. Anschliessend gebe ich die Gegenstände beim Polizisten ab und zusammen klären wir die Personen, auf was gerade passiert ist und geben Tipps wie man sich schützen kann.

Wie kann man sich schützen?

Geld, Schlüssel und Ausweis nie in einer Handtasche, Bauchtasche oder Rucksack aufbewahren. Wertgegenstände nahe beim Körper tragen, unter den Kleidern, egal ob Sommer oder Winter. So wird es um 90 Prozent schwerer ihnen etwas zu klauen.

Sind sie auch schon beklaut worden?

Ja! Vor fünf bis sechs Monaten wurden mir 20 Franken abgenommen. Ich war mit Martina im Migros-Restaurant und habe zwei Kaffees und etwas zu essen mit einer 100er-Note bezahlt. Ich habe eine 10er, eine 20er und eine 50er Note zurückbekommen. Da ich die Hände voll hatte, verstaute ich das Geld vorerst nicht im Portemonnaie und begab mich zum Tisch. Als ich zu meiner Frau an den Tisch sitze, bemerke ich, dass die 20er Note fehlt. Meine Frau sagte, sie habe gerade zuvor drei Typen beobachtet, die sich auffällig benommen hätten. Da war alles klar. Anschliessend haben meine Frau und ich zirka zwei Stunden getüftelt, bis wir draussen hatten, wie der Trick funktionierte.

Und wie ging der?

Urs Saner schnappt sich mein Portemonnaie und zieht einen Bankbeleg und zwei 20er Noten hervor. Er stapelt die drei Blätter aufeinander. Oben eine 20er Note, in der Mitte die andere 20er Note und unten den Beleg. Er gibt mir das Bündel zu halten. Ich klemme es zwischen Daumen und Zeigefinger. Er streift für eine Sekunde eine Zeitung über meine Hand und die mittlere 20er Note ist weg...

Also ist auch Urs Saner nicht gefeilt vor Trickdieben?

Niemand ist gewappnet vor Diebstahl, jeder kann beklaut werden. Es braucht nur einen kurzen Moment, bei dem du abgelenkt bist und zack, schon hast du verloren!