Erster Weltkrieg
Traurige Weihnachten vor 100 Jahren: viele Schweizer standen an der Front

Als Anfang August 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, dachten alle, dass diese Auseinandersetzung an Weihnachten vorbei sei. Aus dem schnellen Krieg aber wurde nichts, ab September 1914 entwickelte sich an der Westfront ein verbissener vierjähriger Stellungskrieg.

Urban Fink*
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Eine solche Postkarte von der Front überbrachte neben guten Wünschen an die Lieben zu Hause weitere Botschaften.

Eine solche Postkarte von der Front überbrachte neben guten Wünschen an die Lieben zu Hause weitere Botschaften.

zvg

Viele Soldaten verbrachten Weihnachten 1914 somit unerwartet im Schützengraben. In der Schweiz stand Ende 1914 mit etwas über 100 000 Mann noch die Hälfte der Armee unter Waffen. Viele von ihnen waren erstmals über längere Zeit von zu Hause weg, Ehefrau und Kinder vermissten ihren Vater.

Die Soldatenstube in Bassecourt mit einem grossen Weihnachtsbaum.

Die Soldatenstube in Bassecourt mit einem grossen Weihnachtsbaum.

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Umso wichtiger waren Orte und Symbole, die Geborgenheit vermitteln konnten. Für die Soldaten im Felde waren dies die preisgünstigen und alkoholfrei geführten Soldatenstuben. Im November und Dezember 1914 wurden durch die Zürcher Journalistin Else Spiller 41 Lokale eröffnet, bis 1918 insgesamt 1000. In solchen Soldatenstuben sahen viele Wehrmänner wohl erstmals einen Adventskranz oder einen Weihnachtsbaum – ein Luxus, den sich damals zu Hause nur wenige leisten konnten.

Besonders wichtig war gerade in der Weihnachtszeit die Feldpost, die mit dem Transport der vielen Postkarten und Pakete den Kontakt zwischen den Soldaten und ihren Familien ermöglichte. Die abgebildete farbige Weihnachtskarte hatte dabei mehrere Funktionen. Sie erklärte einprägsam den Sinn des Wachtdienstes an der Grenze, schuf einen Bezug zur feiernden Familie zu Hause, zeigte auf, dass die Schweiz im Gegensatz zum Ausland friedliche Weihnachten feiern durfte. Sie konnte somit Botschaften transportieren, die für uns heute banal sind, aber für die Soldaten im Felde damals von grosser Wichtigkeit waren: «Habt ihr guten Speck! Schreibe auch wieder».

«Weihnachtsfrieden» in manchen Schützengräben

Im Elsass feierten die Soldaten 1914 im Schützengraben manchmal einen kurzen «Weihnachtsfrieden». Im Largzipfel bei Pruntrut, dem südlichen Ende der Westfront, veranstalteten Schweizer Soldaten ein kleines Weihnachtskonzert. Engländer und Deutsche stiegen aus den Schützengräben und tranken gemeinsam Wein. An einzelnen Orten wurde sogar Fussball gespielt. Für 1916 ist im Largzipfel eine trinationale Weihnachtsfeier mit Franzosen, Deutschen und Schweizern überliefert. Die Männer schworen, nicht mehr aufeinander zu schiessen. Kurze Zeit später wurden die deutschen und französischen Soldaten an andere Frontabschnitte verlegt. Das Weihnachtsfest 1914 sollte für viele Soldaten das letzte sein. Bis 1918 verloren gegen 10 Millionen Männer ihr Leben. (frb)
Das Museum der Kulturen in Basel zeigt bis zum
11. Jan. 2015 «Traurige Weihnachten». www.mkb.ch

Gegen Ende 1914 bewegte sich der Krieg von der Schweiz weg, sodass nicht mehr die ganze Schweizer Armee aufgeboten war. Besonderes Glück hatten dabei die Solothurner Truppen. Sie leisteten von Anfang August bis Anfang Dezember 1914 Aktivdienst und wurden danach entlassen. Auch spätere Weihnachtsfeste konnten sie zu Hause verbringen.

Wie verbrachten nun Schweizer Truppen im Dienst Weihnachten? Im damals aufgehobenen Kloster Mariastein durften die in Mariastein einquartierten Ostschweizer Soldaten den Weihnachtsgottesdienst in der Klosterkirche besuchen. Am Nachmittag gab es eine religiöse Feier in der Kirche, wie Wallfahrtspater Willibald Beerli berichtet: «Zum ersten Mal ging ein protestantischer Prediger auf unsere Kanzel.» Danach gab es eine Christbaumfeier im Theatersaal mit einer Ansprache des Hauptmanns und einem Geschenk für jeden Soldaten.

Eine Berner Einheit, die in Delsberg Dienst leistete, feierte Weihnachten in einem Restaurant. Auch dort hielt der Kompaniekommandant eine Ansprache, der Männerchor trat auf, die Soldaten sangen selbst und freuten sich an den Geschenken, die ihnen ein Frauenverein aus Bern gemacht hatte.

* Der Autor ist Historiker und Theologe und Herausgeber des Buches «Der Kanton Solothurn vor 100 Jahren».