Solothurn
Transplantations-Patient: «Nach einer Stunde Turnen ging es nicht mehr»

«Viel mehr Leute könnten ein Organ spenden», sagt Heidi Rudolf. Ihr Mann lebt dank einer ihrer Nieren heute zufriedener. Sie bereut ihre Spende nicht.

Lucien Fluri
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Noch enger miteinander verbunden: Das Ehepaar Heidi und Josef Rudolf. Sie spendete ihm eine Niere.Hansjörg Sahli

Noch enger miteinander verbunden: Das Ehepaar Heidi und Josef Rudolf. Sie spendete ihm eine Niere.Hansjörg Sahli

Hansjoerg Sahli

Sie sitzen gemeinsam am Tisch. Josef Rudolf rechts neben seiner Frau Heidi. 39 Jahre sind sie schon verheiratet, doch seit gut 100 Tagen sind sie sich noch etwas verbundener als zuvor: Josef trägt eine von Heidis Nieren. Sie hatte es ihm schon früh versprochen: «Wenn es nötig wird, spende ich.» Josef Rudolf, 64, ist mit einem Transplantatioendefekt geboren, der sich durch seinen Familienstammbaum zieht. Vater und Geschwistern haben ebenfalls Nierenleiden. Zuerst wusste der Selzacher selbst nichts davon, bis er mit 30 einen ersten Zusammenbruch hatte. Trotzdem: Lange Zeit prägte die Krankheit sein Leben nicht in besonderem Ausmass, erst vor vier Jahren «begannen die Probleme so richtig».

Dialyse prägte den Alltag

Josef Rudolf musste damals mit der Dialyse beginnen. Er konnte das zu Hause tun. Im Haus in Selzach richtete er sich ein Zimmer ein, in das er sich vier mal täglich zurückzog. Anstelle der Niere übernahm nun sein Bauchfell die Reinigung. Vier Mal pro Tag liess er zwei Liter Spül-Lösung über einen Katheter in seinen Körper. Vier mal liess er das «Wasser» wieder ab. War die austretende Flüssigkeit trüb, wusste er, dass etwas nicht stimmte. Die Dialyse gab den Takt in seinem Leben vor. Morgens, bevor er arbeiten ging, mittags, wenn er nach Hause kam, kurz nach Feierabend und spätabends, bevor er zu Bett ging, unterzog er sich der Prozedur. Daneben arbeitete er weiter seine 100 Prozent im Finanzdepartement. Früchte waren Gift für seinen Körper. Das Gemüse ass er so ausgekocht, dass es kaum mehr Geschmack hatte. Salz fehlte auf der Speiseliste. Und Sport konnte der Präsident der Männerriege Selzach auch kaum mehr machen. «Nach einer Stunde Turnen ging es nicht mehr.»

Irgendwann reichte die Dialyse zu Hause nicht mehr. Von nun an musste Rudolf montags, mittwochs und freitags je vier Stunden ins Bürgerspital. Ferien waren nicht mehr möglich. Einmal gingen sie für ein Wochenende weg. Bei der Rückfahrt steckten sie im Stau fest, als das Spital schon anrief, wo er denn bleibe. «Man ist angespannt und nie glücklich. Nichts ist planbar«, blicken sie zurück. Angst und Ungewissheit waren immer in ihrem Hinterkopf. Das Ausland rückte in die Ferne, auch wenn es für Nierenpatienten auch im Ausland ein Netz an Dialyseorten gibt. Aufmunternd hat Rudolf das Team der Solothurner Dialysestation in Erinnerung. «Die Betreuung war hervorragend.»

Josef Rudolf hat sich von sich aus bei der Zeitung gemeldet, als seine Frau und er in einem Radiobeitrag hörten, wie wenig Spenderorgane in der Schweiz zur Verfügung stehen. Sie wollen etwas gegen die Hemmschwelle tun, die in vielen Köpfen festsitzt. «Viel mehr Leute könnten spenden», sagt Heidi Rudolf.

Zwei Jahre lang stand Josef Rudolf auf der Warteliste für eine Spenderniere. Wenn auf dem Telefondisplay eine Basler Nummer erschien, stieg der Puls an. Es hätte das Transplantationszentrum sein können. Innert vier Stunden hätte er dann am Rheinknie sein müssen. Doch der Anruf kam nicht. Es gibt in der Schweiz wenige Spender, die ihre Organe im Todesfall zur Verfügung stellen. Die Wartezeit ist lang, 837 Tage beträgt sie bei Nierenpatienten im Durchschnitt. Wenn keine Bekannten spenden, muss gewartet werden, bis ein Spender verstirbt. Als Josef Rudolf wieder einmal eine heftige Infektion hatte, sagte seine Frau: «Ich könnte es probieren.» Auch sein Schwager hätte sich als Spender zur Verfügung gestellt, die Ärzte hatten aber gesundheitliche Vorbehalte.

Das bange Warten, ob alles gut geht

Am 12. April 2015, einem Sonntagabend, fuhren sie ins Universitätsspital Basel. Sie trafen sich abends nochmals im Spitalpark und redeten zusammen. Die Nacht vor der Operation verbrachten sie getrennt, das ist die unabänderliche Regel im Spital. Nervös waren beide. Josef etwas weniger, «ich war mir das Spital gewohnt. Für mich war die Operation eine Erlösung.» Heidi Rudolf war etwas nervöser. «Ich war immer gesund.» «Was kommt, liegt nicht mehr in unserer Hand», sagten sie sich vor der Operation. Sie kam um 7 Uhr morgens in den Operationssaal. Um 9.30 Uhr waren seine Werte so schlecht, dass er nochmals an die Dialyse musste. Sein Eingriff verzögerte sich. «Ich habe immer gefragt, wo meine Frau ist.» Bevor er endlich operiert wurde, wusste er, dass bei ihr alles gut gegangen war.

Als Heidi Rudolf nach Hause kam, ging es ihr nicht so gut. Ihr Mann war noch im Spital, sie war allein. «Die Situation machte mir zu schaffen.». Da war die Ungewissheit, ob sein Körper die Niere überhaupt annimmt. Rund einen Monat lang hatte sie Schmerzen, bis die Wunde verheilt war. Nachts konnte sie nur schlecht schlafen. Dank psychologischer Betreuung war sie vorbereitet. Und als sie dann sah, «dass es ihm besser geht als mir», wusste sie, dass ihr Entscheid richtig gewesen war.

100 Tage ist die Operation her. Der Bluthochdruck ist verschwunden. Der zweifache Vater sitzt in seinem Wohnzimmer. Seine früheren Tabletten konnte er nach der Operation wegräumen. «Es war befreiend, als ich sie zur Apotheke zurückbrachte», sagt er. Heute muss er noch sechs Tabletten nehmen, auch gegen ein Abstossen der Niere. Ende Mai hat er gar am Slow-up teilgenommen und eine ganze Runde gedreht. Vorher wäre das nicht möglich gewesen.

Alle zwei Wochen muss Rudolf nach Basel zur Kontrolle. Die letzte grosse Untersuchung steht ihm im Oktober bevor. Dann, ein halbes Jahr nach der Operation, lässt sich sagen, ob sein Körper die Niere wirklich angenommen hat. «Es sieht gut aus», sagt er zufrieden. Für nächstes Jahr, wenn sie 40 Jahre verheiratet und die Kontrollen in Basel vorbei sind, planen sie die seit langem ersten Ferien im Ausland.

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