Friedrich Schiller wird nicht vom Sockel gestossen, aber das «Image» des Weimarer Klassikers hat einen kleinen Kratzer abbekommen: In seiner «Geschichte des Dreissigjährigen Kriegs» und im «Wallenstein» griff Schiller auf die Trivialliteratur, auf historische Romane seiner Zeit zurück.

Dies wies der diesjährige Träger des Ravicini-Preises für Arbeiten zur Trivialliteratur, Daniele Vecchiato (Venedig und Berlin), in seiner Dissertation «Verhandlungen mit Schiller – Historische Reflexionen und literarische Verarbeitung des Dreissigjährigen Krieges im ausgehenden 18. Jahrhundert» nach.

So brachte es Professor Mario Andreotti, St. Gallen, in seiner Laudatio im Alten Spital vor kurzem auf den Punkt: «Wenn da immer noch von der einsamen Höhe der Klassik, von Goethe und Schiller als den beiden Geistesheroen, als herausragende Genies die Rede ist, dann entspricht das ganz einem überkommenen Bild.»

Dieses Bild habe Daniele Vecchiato in seiner ausgezeichneten Dissertation gründlich revidiert. Es sei das Verdienst dieser Arbeit aufgezeigt zu haben, dass Schiller als «zeitenthobener» Klassiker, den Werken der zeitgenössischen Trivialliteratur viel stärker verpflichtet war, als dies die Schiller-Forschung bisher angenommen hat.

Immer wieder habe Schiller auf Stoffe der Trivialliteratur zurückgegriffen – auch, um den Erwartungen des Publikums zu entsprechen. Daniele Vecchiato verdankte die Würdigung und hielt fest, dass für ihn der Preis eine grosse Ehre, aber auch eine grosse Verpflichtung dazu sei, innovativen Sichtweisen auf die Literatur nachzugehen.

Vergessene Autoren entdecken

In ihrer Ansprache freute sich Elisabeth Kully, Präsidentin der Jury des Ravicini-Preises, über die 13 eingegangenen Bewerbungen und hielt fest, dass sich die Jury-Mitglieder durch knapp 2000 Seiten «hindurchgelesen» hätten.

Sie verwies auf das Hauptanliegen des Ravicini-Preises: zu Unrecht vergessene Autoren – wie Vulpius, Kotzebue oder wie in Vecchiatos Dissertation Benedikte Naubert – wieder ins Bewusstsein zu holen und sich dabei die Kernfrage zu stellen «Was ist Trivialliteratur, was ist Kitsch?». Peter Probst, Präsident des Stiftungsrats des Kabinetts für sentimentale Trivialliteratur, rief in Erinnerung, wie viel das Stifterehepaar Lotte und Pietro Ravicini-Tschumi in ganz verschiedenen Belangen für die Solothurner Kulturlandschaft geleistet haben und leisten.

Er dankte dem anwesenden Ehepaar für ihr «stilles Mäzenatentum». Der Ravicini-Preis für Arbeiten zur Trivialliteratur wird alle drei Jahre vergeben, dieses Jahr zum zweiten Mal.