«Stahl Gerlafingen liegt keineswegs im Sterben.» René Bollier (Country Manager) und Ralph Balmer (Personalchef) betonen dies in einem Gespräch mit dieser Zeitung gleich zu Beginn mit aller Deutlichkeit. Die beiden haben vor rund vier Monaten, nach dem Abgang von Geschäftsführer Daniel Aebli, die Führung im Stahlwerk übernommen.

Die Stahl Gerlafingen AG gehört zur italienischen Beltrame Group, die 2000 Mitarbeiter in vier Ländern beschäftigt. «Mit unseren 500 Mitarbeitern machen wir rund ein Viertel in der Firmengruppe aus. Was den Umsatz angeht, ist es ein Drittel.» Das Mutterhaus glaube an das Werk in Gerlafingen, und so sei in den letzten beiden Jahren auch viel investiert worden. 8,9 Mio. Franken waren es 2016, 7,3 Mio. 2017. 2018 sollen es gar 10 Mio. Franken sein.

«Dadurch konnte die Produktivität gesteigert werden», vermeldet die Firmenleitung stolz. Wurden 2016 noch 619 Tonnen Stahl produziert, waren es 2017 bereits 652 Tonnen. Gerlafingen ist das einzige Werk innerhalb der Gruppe, das Baustahl produziert. Auch der Nettoumsatz hat sich verbessert von 283,9 Mio. auf 333,5 Mio. Franken.

Arbeitsprozesse modernisieren

Bollier und Balmer verfolgen in Gerlafingen gemeinsam mit ihren Kaderleuten ein klares Ziel: «Die Firma muss sich auch künftig auf dem Weltmarkt behaupten können.» Dazu brauche es zwei Grundpfeiler: Gute Arbeitskräfte und ein modernisiertes Stahlwerk. Dank der vom Mutterhaus bewilligten Investitionen geht es mit der Modernisierung vorwärts. «An den Gebäuden hier können wir nicht viel ändern», so Bollier. Investiert werden soll aber in die Arbeitsprozesse. «Wir haben beispielsweise Kapazitätsprobleme im Mattenwerk. Sind diese behoben, können wir nochmals 90 000 Tonnen Stahl mehr produzieren.» Ein Ziel innerhalb der Beltrame Group sei es zudem, Prozesse und auch die IT gleichzuschalten.

«Es gab in der Vergangenheit in der Belegschaft einige Unzufriedenheit und wir haben gute Leute verloren», so Balmer. Damit tönt er einen Grund an, wieso es zum Abgang des früheren Geschäftsführers Daniel Aebli gekommen ist. Inzwischen habe sich die Situation wieder eingependelt. «Restrukturieren heisst nicht, Leute zu entlassen», so Personalchef Balmer. Im Gegenteil: Man habe seit Beginn des Jahres rund 15 neue Leute eingestellt. «Unsere Mitarbeiter sind unser wichtigstes Kapital», meint Balmer weiter.

Im traditionsreichen Stahlwerk Gerlafingen wird im Vier-Schicht-Betrieb gearbeitet, und dies an 365 Tagen im Jahr. «Uns fehlt es vor allem am Mittelbau, an Schichtführern.» Im Stahlwerk seien heute sehr viele sehr gute Mitarbeiter beschäftigt. «Aber die Belegschaft ist auch überaltert, weil es an Nachwuchs fehlt.» Viele dieser älteren Mitarbeiter seien Handwerker mit viel Berufsstolz. «Sie hören sogar mit dem Rücken zum Arbeitsprozess, ob alles glatt läuft, während die jungen Berufsleute die Arbeitsprozesse eher am Computer überwachen.»

Man versuche, einen Wandel der Arbeitskultur herbeizuführen. Wo immer möglich, werde in Generationen-Tandems gearbeitet. «Es ist sehr wichtig, das Wissen unserer älteren Arbeiter mitzunehmen und es den Jungen weiterzugeben.» Gleichzeitig würden immer mehr Arbeitsprozesse computerisiert und automatisiert und damit auch sicherer. Profitieren könne man dabei auch vom Austausch innerhalb der Standorte der Beltrame Group.

Grösster Recycler der Schweiz

Stahl Gerlafingen ist das grösstes Recycling-Unternehmen der Schweiz und erzeugt seine Produkte zu 99 Prozent aus Stahlschrott. Dabei liegt der Grossteil der Schrottaufbereiter innerhalb eines Radius von 90 Kilometern. «Das ist rund drei Mal näher als in Europa üblich. Wir brauchen weniger Transportenergie und wir erzeugen weniger Emissionen», macht Bollier deutlich. Zudem wird ein Grossteil der Gerlafinger Produkte auch in der Schweiz abgesetzt, nämlich zu rund 70 Prozent. Recyclingstahl zu erzeugen verbrauche zudem rund drei Mal weniger Energie als Primärstahl und erzeuge zirka sechs Mal weniger CO2-Emissionen.

René Bollier sieht zuversichtlich in die Zukunft. Man habe die Fixkosten im letzten Jahr um vier Prozent senken können, und auch der Stromverbrauch sei geringer geworden. «Unsere Produkte sind gut.» Der schwankende Eurokurs, Zoll auf Stahl und höhere Stromkosten würden den Markt zwar beeinflussen, den Standort Gerlafingen aber nicht gefährden.