Solothurn
Traditioneller Solothurner Kalender von der Gegenwart eingeholt

Sesseli, Rollatoren und trotzige Postkarten: Im Rothus-Verlag ist der neue Solothurner Kalender erschienen. Die modifizierte Version präsentiert den Kalender zwischen zwei Welten: Nostalgie und Moderne.

Sven Altermatt
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Der Solothurner Kalender zeigt nicht nur die Idyllen von gestern.1

Der Solothurner Kalender zeigt nicht nur die Idyllen von gestern.1

Bärtschi

Wer braucht im Zeitalter von Wikipedia und ständiger Erreichbarkeit denn noch einen Jahreskalender, ein Sammelsurium zwischen zwei Buchdeckeln? Zum zweiten Mal hat der Rothus-Verlag den Sankt-Ursen-Kalender neu aufgelegt, aufgefrischt unter dem Namen Solothurner Kalender.

Als Erstes ist da die Eroberung des Berges. Auf dem Cover prangt ein stilisiertes Werbeplakat aus den 50er-Jahren. Wahrlich eine Idylle: Ein junges Pärchen fiebert dem Weissenstein im Sesseli entgegen, im Hintergrund glänzt das Alpenpanorama und unter dem schnörkeligen Schriftzug verspricht die Bergbahn Weissenstein einen «Ganzjahresbetrieb». Das passt, denkt man. Als wiederbelebtes Werk kultiviert der Kalender vergangene Zeiten.

Doch dann schlägt man den halben Umschlag nach hinten und sieht eine modifizierte Version des Werbeplakates. Anstelle des nostalgischen Sesselis ist nun eine blaue Gondelkabine ans Seil geklemmt. Einfach, aber wirksam wird das Grundrauschen eingestellt: der Solothurner Kalender zwischen zwei Welten.

Da ist das Kalendarium alter Machart, da ist aber auch der Puls von heute und morgen. So ist das eben, wenn der Lauf der Zeit den angeborenen Servicecharakter aufgefressen hat. Trotzdem wird nach alter Tradition über den Stand von Sonne, Mond und Sternen informiert.

Unvergängliches auch im «hundertjährigen Kalender» mit seinen Wettervorhersagen. Der Lenzmonat März werde im nächsten Jahr «bis zum Ende rauh», am 30. komme gar der Schnee zurück. Gefährlich soll es am 9. Juli, im Heumonat, werden: «nachts zwei Ungewitter und lange, schwere Platzregen».

«Wichtiges ereignet sich und wird kaum beachtet, Unwichtiges beherrscht die Titelseiten», schreiben die Autoren zur «Solothurner Chronik», um gleich selbst zu fragen: «Wer aber misst den Ereignissen ihre Bedeutung bei?» Sie tun es nicht. Zu den üblichen Verdächtigen wie dem Solothurner Stadttheater, dem Velodrome in Grenchen oder der Fasnacht gesellen sich tote Windhunde, Indoor-Hanfplantagen und offene Bücherschränke.

Auf den folgenden Seiten beweisen die Autoren um den Rothus-Verleger Peter-Lukas Meier und die Journalistin Monika Frischknecht dann die wahre Stärke ihres Werkes: allerhand Geschichten aus dem Solothurner Leben. So schwelgt die porträtierte Berty Brunner wider Erwarten nicht im Gestern. Die 100-Jährige erweist sich als kecke Gesprächspartnerin, «die nicht in alten Erinnerungen hängen geblieben ist», wie Interviewerin Frischknecht bemerkt. Der erhellende Austausch mit der Oensingerin («Ein Rollator kommt nicht infrage, das ist etwas für alte Leute.») zeigt diese beim Meistern aller Lebenslagen.

Dann natürlich die unendliche Geschichte. Das «neue Leben am Weissenstein» wird in einem ganzen Paket aufgearbeitet. Der Langendörfer Kurt Müller zeigt die Geschichte des Berges, der Anfang des letzten Jahrhunderts noch Ausgangspunkt eines Skirennens zum städtischen Amthausplatz gewesen sei. Wichtigster Erkenntnisgewinn in Müllers Weissenstein-Päckli: Das Alpenpanorama blieb stets das gleiche, dessen Darstellung aber hat sich mit den Jahren geändert.

In weiteren Kapiteln besuchen die Autoren das Museum Blumenstein, Willi Keiser geht in seiner Erzählung «z’märet» und auf einer Wanderung geht es hinauf «zur Willi-Ritschard-Beiz». Lesenswert auch die zwölfteilige Geschichte der Solothurner Vorstadt, die alt Stadtpräsident Urs Scheidegger zusammengestellt hat.

Die Auswahl der Themen im Solothurner Kalender scheint subjektiv. Wobei mehr geschichtliche Ereignisse gezeigt werden als politische, mehr Liebe zur Retrospektive gehegt wird als zur Zukunft und der obere Kantonsteil – in der Tradition des Sankt-Ursen-Kalenders – mehr Präsenz geniesst als der untere. Olten immerhin wird trotzig auf einer alten Postkarte gezeigt. Der Kalender lässt den Kanton so aufleben, wie ihn viele kennen. Dabei entsteht auch eine persönliche Erzählung, die jeder mit den für ihn wichtigen Ereignissen abgleichen kann.

Den bewährten Service-Teil gibt es dann doch noch. Die Wappen sämtlicher 118 Solothurner Gemeinden werden abgebildet und in ihrem geschichtlichen Kontext erläutert. Einen Seitenhieb an die Gemeinden, «die ihr Wappen durch ein modernes Schriftenlogo ersetzen», konnten sich die Autoren nicht verkneifen. Es sind solche Kleinigkeiten, die den Solothurner Kalender wertvoll machen. Von der Gegenwart eingeholt, liefert er eine Liebeserklärung an das Lokalkolorit dieses Kantons. Und Gesprächsstoff, der über den Tag hinausreichen dürfte.