Wildwechsel
Tod im Feierabendverkehr: Anzahl an Unfallwild im Kanton bleibt hoch

Alle bisherigen Massnahmen konnten die Unfallwildzahlen im Kanton Solothurn nicht senken - die Tiere gewöhnen sich an aufgehängte CDs und Duftzäune. Nur der Autofahrer kann noch etwas dagegen tun, so ein Jagdaufseher.

Simon Berger
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Mit Hinweistafeln wird auf den Wildwechsel aufmerksam gemacht. Doch die Bremsbereitschaft der Autofahrer reicht meist nicht aus.

Mit Hinweistafeln wird auf den Wildwechsel aufmerksam gemacht. Doch die Bremsbereitschaft der Autofahrer reicht meist nicht aus.

Walter Schwager

Wenn die Tage kürzer werden, kommen gefährliche Zeiten auf die Wildtiere zu. Es beginnt früher zu dämmern, die Tiere sind dann am aktivsten. Wenn zugleich der Feierabendverkehr einsetzt, wird es kritisch. Eine Schrecksekunde später und es ist passiert.

«Die Menge an Unfallwild ist erstaunlich hoch», sagt Kurt Altermatt, Präsident der Revierjagd Solothurn. So wurden im letzten Jahr kantonsweit 761 Wildtiere im Strassenverkehr getötet. Zum Vergleich: Dies entspricht rund einem Viertel der in der Jagd erlegten Tiere. Am meisten trifft es das Reh mit 338 Vorfällen. «Diese Tiere sind immer sehr oft unterwegs. Vor allem im Frühling, wenn frisches Gras wächst», sagt Altermatt. «Die Monate April und Mai sind eine Strenge Zeit für das Rehwild.»

Am zweitmeisten wird der Fuchs überfahren mit 196 Unfällen im letzten Jahr, gefolgt vom Dachs mit 126 Unfällen. Effektiv etwas dagegen unternehmen könne man jedoch nicht. Duftzäune, Wildwarnreflektoren am Strassenrand und aufgehängte CDs erzielten zuerst Erfolge. Sie sollen die Tiere abschrecken und am Überqueren der Strasse hindern, wenn ein Auto vorbeifährt. Aber: «Die Tiere, vor allem das Rehwild, gewöhnen sich an diese Massnahmen. Die Wirkung nimmt ab», sagt Altermatt.

Fahrerflucht kommt vor

Die radikalste Massnahme wäre das Einzäunen der an die Hauptstrassen grenzenden Wiesen und Waldgebiete. Doch dies ist zum einen baulich nicht erlaubt, zum anderen müssen sich die Tiere ausbreiten und durchmischen können, um neue Futterreviere zu erschliessen. Weitere Massnahmen gebe es nicht.

«Wenn alle Autofahrer verantwortungsvoll fahren würden, könnten die meisten Unfälle verhindert werden», sagt Arnold Netzer, Jagdaufseher Stadt Solothurn. Bei einer Reduzierung der Geschwindigkeit um 30 km/h auf Landstrassen durch Wälder und Wiesen würde die Bremsbereitschaft zu- und die Unfälle würden abnehmen. «Im Bucheggberg ist die Situation dramatisch», sagt Netzer. Dort gebe es sehr viel Rehwild, daher seien die Unfallzahlen dort besonders hoch.

Zudem sei die Fahrerflucht ein grosses Thema. Wird ein Tier angefahren oder überfahren, muss dies unverzüglich der Polizei gemeldet werden. Wird dies nicht getan, macht man sich der Fahrerflucht und Tierquälerei strafbar. «Manche Autofahrer sind geschockt und fahren nach Hause, ohne sich zu melden», sagt Netzer. Wenn kein Schaden am Auto auszumachen ist, werde der Vorfall oft nicht gemeldet. Wird der Unfall jedoch mitgeteilt, kann die Polizei ausrücken, um den Unfallort zu sichern und ein Wildhüter wird aufgeboten, um den Schaden zu beurteilen. Zudem wird ein Unfallprotokoll mit dem Autolenker ausgefüllt.

Bei einer Meldung des Unfalls drohen den Fahrern keine Konsequenzen. Der Schaden am Auto wird von der Versicherung übernommen. «Die Leute tun mir leid. Niemand will ein Reh überfahren», sagt Netzer. Nur durch das Aufklären und Informieren der Bevölkerung könne ein Bewusstsein geschaffen werden, um die Unfallzahlen zu senken. Dies soll künftig mit einer engagierteren Öffentlichkeitsarbeit erreicht werden.

Auch CVP-Kantonsrat Thomas Studer hat das Problem erkannt. Mit einem Vorstoss fordert er den Regierungsrat auf, gezielte Massnahmen zu ergreifen. Dem Wildschutz solle mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Beispielsweise könnten Wildwarnanlagen die Autofahrer vor Tieren warnen, um so gefährliche Passagen zu entschärfen.

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