Die Tochter des Jahrhundertbundesrates Willi Ritschard lebt in Basel, in einer Wohnung voller Kunst. Im Küchenkalender ist am 28. September das Wort «Vati» eingetragen. Margaretha Ueker-Ritschard besucht jeweils an dessen Geburtstag das Grab ihres Vaters. Im Rummel, der um ihren Vater gemacht wurde, blieb ihre Stimme bisher ungehört. Jetzt spricht sie.

Frau Ueker-Ritschard, wie haben Sie den Tag erlebt, als ihr Vater Bundesrat wurde?

Margaretha Ueker-Ritschard: Ich arbeitete damals als Schaufenster-Dekorateurin in Basel im Warenhaus Manor. Als ich am Morgen zur Arbeit kam, sprachen mich meine Arbeitskollegen darauf an, dass mein Vater heute zum Bundesrat gewählt werden könnte. Ich habe das nicht für möglich gehalten. Er war ja nicht der offizielle Kandidat. Ich musste dann an den Bahnhof, um dort ein Schaufenster einzurichten. Als ich gegen Mittag zurückkehrte, kam mir der Direktor entgegen. Ich dachte mir: O nein! Was habe ich jetzt nur wieder angestellt.

Und?

Er schüttelte mir die Hand und gratulierte mir. Ich fragte ihn, «zu was?» Er antwortete: «Ihr Vater ist zum Bundesrat gewählt worden, im ersten Wahlgang.» Ich konnte es lange nicht glauben. Natürlich hatte es im Vorfeld Spekulationen gegeben, dass mein Vater gewählt werden könnte. Aber das nahmen wir nicht allzu ernst.

Wie hat Ihr Vater reagiert?

Er war euphorisch, hat sich wahnsinnig gefreut. Er wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was auf ihn zukam. Die Wahl war eine wahnsinniger Beweis für seine Leistung. Viele hatten zu ihm schon vor der Wahl gesagt, «so einen wie dich sollten wir im Bundesrat haben». Aber dass es wirklich passierte, war unglaublich.

Ihr Vater war sehr beliebt. Gab es auch Zeiten, in denen Ihre Familie als «Rote» geschnitten wurden?

Als Arbeiter und Sozialdemokrat war man früher schon der «rote Teufel», aber das änderte sich parallel zum Aufstieg meines Vaters. Sobald mein Vater Regierungsrat war, hatten die Leute Respekt vor ihm und auch vor uns. Aber mein Vater hatte es sogar noch im Bundesrat schwer, weil er nicht studiert hatte.

Wie bekamen Sie das mit?

Ich sah damals meine Eltern praktisch an jedem Sonntag, und da merkte man vor allem am Anfang, dass er bedrückt war. Heute würde man sagen, er sei gemobbt worden im Bundesrat.

Wie ist eigentlich das Leben einer Bundesratstochter?

Ich traute mich fast nicht, den Namen zu sagen, weil ich nicht wollte, dass die Leute fragen, ob ich mit dem Bundesrat verwandt bin. Vor allem am Anfang genierte ich mich fast ein bisschen. Ich hatte nie das Gefühl, wow, das ist jetzt etwas Gewaltiges. Für meinen Vater habe ich aber schon gedacht, das ist nun das Nonplusultra.

War Ihr Vater streng?

Man wollte ihm einfach gefallen. Ich hätte alles daran gesetzt, dass er stolz sein konnte auf mich. Ich schaute zu ihm auf und sehnte mich danach, Augenhöhe zu erreichen. Das war aber schwierig. Meinem Bruder gelang das als Regierungsrat. Mir gelang es eigentlich nicht. Ich wollte ihm gefallen und ihm ja kein Ärger machen. Ich wollte das Banale von ihm fernhalten, sodass er sich ganz auf seine Ziele fokussieren konnte.

Wie war das Verhältnis zwischen Ihrem Vater und Ihrer Mutter?

Sie haben sich heiss geliebt. Ich habe mich oft gewundert, aber sie waren bis ins hohe Alter richtig verliebt. Und meine Mutter hatte nach dem Tod meines Vaters nie mehr eine Beziehung. Für sie kam einfach kein anderer in Frage. Sie lebte den Rest ihres Lebens allein. Sie überlebte ihn immerhin um 25 Jahre.

Wie erlebten Sie den Tod Ihres Vaters?

Es war grauenhaft. Es geschah an einem Sonntag. Ich machte mit Freunden einen Ausflug nach Heimiswil. Wir kehrten in einem Restaurant ein, wo ich auch mit meinen Eltern oft war. Dort gab es einen Stabellenstuhl, den der Beizer meinem Vater gewidmet und mit seinem Namen beschriftet hatte. Ich sass auf diesem Stuhl, als in der Beiz das Telefon klingelte. Mein Mutter sagte: «Es ist etwas passiert. Du musst sofort kommen.» Ich fragte, was los sei. Das sagte sie: «Dr Vati isch gstorbe.» Da ist für mich eine Welt untergegangen. Ich sprang ins Auto und fuhr sofort nach Luterbach und fand meine Mutter aufgelöst. Ich blieb dann bei der Mutter bis nach der Beerdigung. Es war eine schwere Zeit für uns alle.

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