Victor, der gute Junge wird 9 Jahre alt. Grund genug für die Eltern Emilie und Charles, für das hochintelligente, fast 1,80 Meter grosse Kind eine gediegene Geburtstagsfeier auszurichten. Mit feinem Essen, gutem Wein, schönen Geschenken. Eingeladen ist das befreundete Ehepaar Thérèse und Antoine, deren sechsjährige Tochter Esther und der befreundete General Lonsegur – so steigert man das Familienansehen.

Victor hat aber alles andere im Kopf, als ein fröhlich-gesittetes Geburtstagsfest mit den «Grossen» zu feiern. Zunächst einmal treibt er die Hausangestellte zur Weissglut, führt dann seinen Vater vor, enthüllt pikante Familiengeheimnisse, macht die militärische Obrigkeit lächerlich. Er treibt den Familienfreund in den Wahnsinn und zerstört die selbstgerechte Welt seiner Mutter.

Der grosse, liebenswerte Kleine ist auf einmal gar nicht mehr so lieb, auch wenn er den Erwachsenen noch auf den Schoss sitzt. Jetzt hat man nur noch Panik vor ihm, und dem, was er als Nächstes sagt. Da helfen auch Ohrfeigen oder Schreiorgien nichts mehr. Victor demaskiert die ganze Verlogenheit der Gesellschaft, in der er lebt an einem einzigen Abend. Zurück bleibt ein Scherbenhaufen. So hat er es gewollt.

«Kinder an die Macht» heisst es – also nicht erst, seit Herbert Grönemeyer diesen Song geschrieben hat. Schon im Jahr 1928 hatte der Autor des Stückes, Roger Vitrac diesen Gedanken, und löste mit dem Stück bei dessen Uraufführung einen Theaterskandal aus. Verständlich, denn die Sticheleien von Victor über seine Eltern, über die bürgerliche Gesellschaft und insbesondere über den Militarismus verfehlen noch heute ihre Wirkungen nicht. Vielleicht lachen wir heute befreiter darüber, doch steckt auch uns unser Lachen hin und wieder im Halse fest.

Rupps Liebe zum Bitter-bösen

Vitracs Stück zählt heute zu einem der Vorläufer des absurden Theaters. Und das ist in dieser Inszenierung von Katharina Rupp sehr schön zu erkennen. Rupps Liebe zum schwarz-humorigen, zum bitter-bösen Spiel blitzt ununterbrochen auf. Auch hat sie die Handlung in ihrer Entstehungszeit belassen, was für das Verständnis der vielen zeitgenössischen Seitenhiebe notwendig war.

Und ihr Schauspiel-Ensemble folgt ihr herrlich: Da ist natürlich Tom Kramer als Victor, der in seiner agilen Boshaftigkeit doch liebenswürdig bleibt, oder Tatjana Sebben, in der Rolle der unschuldig-hinterhältigen sechsjährigen Esther. Den Vater von Victor, Charles, spielt Jörg Seyer. Sein Verzweiflungsausbruch gehört zum Höhepunkt des Stückes.

Schön auf der Bühne Margit Maria Bauer zu sehen, wie sie als Victors Mutter zwischen Verständnis für den hochbegabten Sohn und Verzweiflung über die lieblose Ehe changiert, genauso wie ihr Kleid (Bühnenbild und Kostüme: Vazul Matusz). Und dann natürlich Günter Baumann, als bereits wahnsinnig gewordener Familienfreund Antoine. Atina Tabé spielt mit verzweifelnder Eleganz dessen Ehefrau Thérèse und Vilmar Bieri zeigt in der Rolle des heuchlerischen General Lonsegur, wie sich das Militär selbst ad absurdum führt. Zu guter Letzt setzt Anne Sauvageot als Lili, die Hausangestellte dem allem noch das I-Pünktchen auf.

Weitere Aufführungen bis 19.11. Premiere in Biel: 21.9. www.tobs.ch