Erneut macht ein Tierdrama betroffen und weckt Erinnerungen an jenes vom letzten Sommer in Boningen. Die jetzige Tiertragödie, bei der auf einem Hof in Hefenhofen im Kanton Thurgau angeblich 13 Pferde verhungerten, schockiert gleichermassen wie der traurige Vorfall mit den 16 toten Rindern von Boningen. An beiden Orten kam das Einschreiten der Behörden für die bedauernswerten Tiere, die wegen Vernachlässigung qualvoll ihr Leben lassen mussten, zu spät. Für das konkrete Einschreiten brauchte es die Beweiskraft von Bildern und den damit einhergehenden Druck.

Tierquälereien nehmen zu

Boningen und Hefenhofen mögen vom Ausmass her Einzelfälle sein, nicht aber grundsätzlich. Im Gegenteil: Tierquälereien scheinen zuzunehmen. Auf jeden Fall hat sich die Zahl der von den Kantonen dem Bund gemeldeten Tierschutz-Strafverfahren seit 2010 mehr als verdoppelt, nämlich auf 2368 im letzten Jahr, davon 72 im Kanton Solothurn. Im gleichen Jahr kam es zu 2161 Verurteilungen, davon 67 im Kanton Solothurn.

Der Tierarzt zum Thurgauer Fall von mutmasslicher Tierquälerei

Das sagt der Tierarzt zum Thurgauer Fall von mutmasslicher Tierquälerei

Damit ist 2016 die Zahl der Verfahren und der Verurteilungen alleine gegenüber dem Vorjahr landesweit jeweils um über 400 angestiegen. Von den im vergangenen Jahr gemeldeten Tierschutz-Strafverfahren betrafen allerdings nur etwa ein Fünftel Tierquälerei gemäss Artikel 26 des Tierschutzgesetzes. Beim grossen Teil der Verfahren ging es weitgehend um Missachtung von Vorschriften hinsichtlich Tierhaltung, Tierzüchtung, Schlachtung usw. gemäss Artikel 28 des Tierschutzgesetzes.

Mehr Rinder als Pferde

Zu den Zahlen: Im Bereich der Heimtiere gab es im letzten Jahr mit 1491 Verurteilungen weit mehr Fälle als bei den Nutztieren mit 619 Fällen. Bei den Nutztieren waren Rinder viel häufiger betroffen als Pferde: Es gab eine Verurteilung in 289 Fällen mit Rindern und in 54 Fällen mit Pferden. Schafe waren in 93 Fällen betroffen, Schweine in 81, Ziegen in 43, Geflügel in 35 und Esel in 24. Bei den Haustieren stehen mit Abstand die Hunde an der Spitze mit 1287 Verurteilungen, davon rund 1000 Fälle mit Bussen für das Nichtabsolvieren von theoretischen und praktischen Sachkundekursen. Es folgen die Katzen mit 91 und die Kaninchen mit 37 Fällen.

Pferdehändler mit Vergangenheit

Diese Zahlen beweisen, dass hinsichtlich Tierschutz nicht nichts gemacht wird, wie oft behauptet wird. In einigen Kantonen wurden sogar eigene Behörden für die Bekämpfung von Tierquälereien geschaffen. Und dass das Vorgehen gegen Tierquäler nicht immer einfach ist, beweist der aktuelle Fall in Hefenhofen. Dort wurden Vertreter des Veterinäramtes vom jetzt in Gewahrsam genommenen Pferdehändler angeblich immer wieder massiv bedroht. Kontrollen mussten unter Polizeischutz vorgenommen werden.

Der Fall des Pferdehändlers von Hefenhofen beschäftigt den Kanton Thurgau schon seit Jahren. Bereits 2008 war der Mann, der gegen sämtliche juristischen Entscheide Rekurs ergreift, unter anderem wegen Drohung und mehrfacher Tierquälerei zu einer Geldstrafe von mehreren tausend Franken und zu einer bedingten Freiheitsstrafe von einem Monat verurteilt worden. Bereits damals verlangten Tierschützer ein Tierhalteverbot. 2013 wurde ein solches mit einer Beschränkung auf 60 Pferde erlassen. Ein 2014 vom Veterinäramt angestrebtes totales Tierhalteverbot scheiterte aber aus formellen Gründen vor Bundesgericht.

Kantonsrat ist gefordert

Formelle Mängel in einem Gerichtsverfahren haben also quasi dazu geführt, dass ein Tierquäler geschützt wurde und nun 13 Pferde elendiglich verenden mussten. Erst jetzt wurde es möglich, den renitenten Tierquäler wegzusperren und die Tiere vor ihm zu schützen. So etwas darf sich nicht wiederholen. Die Regeln eines Rechtsstaates sollen Mensch und Tier schützen, nicht Gefahren und Willkür aussetzen.

Es besteht dringender Handlungsbedarf, wenn es zu so schlimmen Vorfällen wie in Boningen und Hefenhofen kommen kann, obschon offenbar sowohl im Kanton Solothurn als auch im Kanton Thurgau die zuständigen Behörden ihre gesetzliche Kontrollpflicht erfüllt haben sollen, wie auch von regierungsrätlicher Seite erklärt wird.

Auch den 16 grausam ums Leben gekommenen Rindern von Boningen und den 13 qualvoll verendeten Pferden in Hefenhofen ist man schuldig, dass gehandelt wird. Sie sollen nicht umsonst ihr Leben verloren und dadurch für Schlagzeilen gesorgt haben. Der Solothurner Kantonsrat wird sich während der Septembersession im Zusammenhang mit einer Interpellation von Felix Lang (Grüne, Lostorf) mit dieser traurigen Angelegenheit befassen. Er kann ein erstes Zeichen setzen. Nein, er soll!