Defizit

Tiefer Milchpreis: Dieser Solothurner Bauer verdient pro Stunde nur noch drei Franken

Milchbauer Pascal Heim (42) aus Neuendorf sagt: «Es sollte in der Schweiz mit einem Betrieb meiner Grösse doch möglich sein, mit der Produktion von Milch zu existieren.

Milchbauer Pascal Heim (42) aus Neuendorf sagt: «Es sollte in der Schweiz mit einem Betrieb meiner Grösse doch möglich sein, mit der Produktion von Milch zu existieren.

Die Milchbauern bekommen für ihre Milch viel zu wenig. Die Gründe sind vielfältig und schwer zu entwirren. Bauer Pascal Heim aus dem solothurnischen Neuendorf erklärt die Situation anhand seines Betriebes.

Milchbauer Pascal Heim (42) aus Neuendorf ist momentan nicht gerade in einer komfortablen Situation. Grund ist der schlechte Preis, den er seit Monaten für seine Milch bekommt. «Dabei gehöre ich mit 90 Kühen und einer Milchmenge von 650'000 bis 700'000 Kilo Milch pro Jahr zu den grösseren Milch-Produzenten im Kanton Solothurn.

Doch verdiene ich momentan fast nichts.» Wie es den Kleineren gehe, daran wage er gar nicht zu denken. Zwar können er und sein Kollege, mit dem er eine Betriebsgemeinschaft führt, sich derzeit noch den Lohn ausbezahlen, sagt der ausgebildete Agro-Ingenieur, «dabei bleibt für Amortisationen aber kaum etwas übrig.» Dabei hat er sich vor gut zehn Jahren speziell für die Milchproduktion entschieden. «Ich konnte den Hof meines Vaters übernehmen, mit einem Nachbarn eine Betriebsgemeinschaft eingehen und habe dann aus dem Dorf ausgesiedelt. Ein wegen der Nitratschutzzone hoher Anteil an Gras in der Fruchtfolge legte die Konzentration auf die Milchproduktion nahe.»

Und alles auf privater Basis finanziert, betont er: «Zum Glück habe ich so keine Bank im Nacken». Momentan gehören 52 ½ Hektaren Nutzfläche zu Heims Betrieb, der verheiratet und Vater von fünf Kindern ist.

Für drei Franken Stundenlohn

Heim beginnt vorzurechnen: «Die Milchverarbeiter sagen, sie zahlen den Milchproduzenten den Richtpreis für A-Milch von 65 Rappen pro Kilogramm Milch. Davon gibt es dann Abzüge pro Kilo für Transportkosten; das heisst dann im Klartext: Sie sollten uns 63 Rappen ausbezahlen.»

Ein Kilo A-Milch wird momentan durchschnittlich tatsächlich mit einem Nettobasispreis von 63.6 Rappen angegeben. Ein Kilo B-Milch noch mit einen Netto-Basispreis von 46.5 Rappen. Heim erhielt im Juni für A-Milch aber lediglich 55.5 Rappen und für B-Milch 44.5 Rappen. Ob und wie viel der Milch zu A- oder B-Milch wird, entscheidet allein der Milchverarbeiter, aber: Es ist die gleiche Milch.

Heim erklärt: «Der Unterschied liegt alleine bei der Wertschöpfung. A-Milch stammt aus der Schweiz und wird in der Schweiz zu Produkten mit hoher Wertschöpfung für den Schweizer Markt verarbeitet; B-Milch wird zu Milchprodukten mit eingeschränkter Wertschöpfung verarbeitet.» Für Heim zählt somit ein Durchschnitts-Milchpreis pro Kilo: «Dieser betrug für uns im vergangenen Juni 54.0 Rappen.»

Ein Vergleich der Milchpreise in der Schweiz

Ein Vergleich der Milchpreise in der Schweiz

Was Heim zusätzlich hinterfragt: «Weltweit haben die Milchpreise in den letzten Monaten stark angezogen, zudem ist die Milchmenge in der Schweiz seit Monaten permanent am Sinken. Das allgemein gültige Marktgesetz, ‹die Nachfrage bestimmt den Preis›, gilt beim Milchpreis in der Schweiz also nicht.»

Heims ursprünglich ausgearbeiteter Businessplan, bei dem er gar mit einem jährlich sinkenden Milchpreis gerechnet hatte, stimmt längst nicht mehr. «Allein mit dem Erlös aus der Milch zahlen wir uns bei Vollkosten momentan einen Stundenlohn von drei Franken. Hier sind die tierbezogenen Direktzahlungen bereits eingerechnet.» Zu wenig bei fast 90 Stunden Arbeit pro Woche und Person.

Heim: «Für uns bedeutet das 100'000 Franken weniger Einnahmen jährlich als beispielsweise noch 2014, als der Milchpreis bei 68 Rappen lag. Für einen Stundenlohn von 28 Franken bräuchten wir auf unserem Betrieb einen Milchpreis von ca. 80 Rappen. Den streben wir aber gar nicht an. Wir würden einfach gerne die Kosten decken.» Und er meint: «Es sollte in der Schweiz mit einem Betrieb meiner Grösse doch möglich sein, mit der Produktion von Milch zu existieren. Viele Milchproduzenten haben heute Probleme mit ihrer Liquidität und wissen nicht, wie sie von Monat zu Monat existieren können», weiss der Landwirt.

Wenn man weniger verdient, muss man die Kosten senken. Auch diese Binsenweisheit hat sich Pascal Heim zu Herzen genommen: «Ich habe meine Kosten in den letzten drei Jahren um 40'000 Franken drücken können, unter anderem auch durch Verhandlungen mit meinen Lieferanten. Doch das kann ich nur, weil ich ein relativ «Grosser» bin.» Er weiss: «Viele Bauernfamilien hangeln sich von Direktzahlung zu Direktzahlung.»

«Auf Dauer geht das so nicht mehr weiter», sagt Heim. Generell sei es doch so, dass – trotz Hochpreisinsel Schweiz – der Anteil der Grundlebensmittelkosten gemessen am Einkommen seit Jahren sinkt. Der Anteil der Produzentenpreise am Ladenpreis ist bei der Milch in den letzten 65 Jahren von ca. 80 auf 44 Prozent gesunken. Logisch: Das kann für die Produzenten nicht aufgehen. Heim spricht auch die Konsumenten an.

«Die Leute kaufen ausländische Milchprodukte und gehen ins Ausland zum Einkaufen, weil es billiger ist. Gleichzeitig wollen die Konsumenten in der Schweiz aber keine grossen, industriellen landwirtschaftlichen Betriebe, wie sie im Ausland existieren. Aber doch wollen sie günstige Lebensmittel, und bei uns soll weiterhin Idylle herrschen, bei maximalem Tierschutz selbstverständlich.»

Gibt es Auswege?

Was also tun? Heim sieht zwei Möglichkeiten: «Entweder fahren wir weiter wie bisher und es bleiben am Schluss wenige, dafür sehr grosse, aus der Sicht der Tier- und Konsumentenschützer industrielle Milchbetriebe übrig». Als weitere Strategie nennt er einen Kompromiss innerhalb der gesamten Milchbranche, die in einer gezielten Preis- und Mengensteuerung endet, damit mindestens 50 Prozent der Milchbetriebe kostendeckende Milchpreise erzielen können.

Heim weiss: «Viele Kollegen steigen momentan auf Mutterkuhhaltung um. Aber das kann ja auch nicht die Lösung sein, angesichts der zum Teil bereits gesättigten Absatzkanäle.» Und das Produzieren von Biomilch, von der es in der Schweiz zu wenig gibt? «Ein Umstieg auf die Bioproduktion ist immer eine Alternative. Die deutlich höheren Milchpreise bedeuten aber auch höhere Auflagen und damit mehr Arbeit. Wir müssten mindestens eine zusätzliche Arbeitskraft beschäftigen. Die höheren Lohnkosten würden den grössten Teil der Mehreinnahmen direkt wieder wegfressen. Umstellen auf Biomilch passt für kleinere Produzenten.»

Soziale Folgen

Und in einen Nebenerwerb einsteigen? Davon ist Heim nicht begeistert. «Auswärts einer Arbeit nachzugehen bedeutet immer, auf dem Hof zu extensivieren, weil die Arbeitskraft ja dann fehlt. Und einem Nicht-Landwirt die Arbeit wegnehmen und auf dem Hof eine extensive Bewirtschaftung umsetzen, die sich nur dank den höheren Direktzahlungen rechnet, scheint mir gesamtwirtschaftlich nicht eine zukunftsträchtige Lösung zu sein.»

Heim weiss aber: «Der wirtschaftliche Druck auf die Milchproduzenten ist sehr gross und die sozialen Folgen für die Bauernfamilien enorm.»

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