Stadttheater Solothurn

Thriller-Stimmung im Advent: Tobs präsentiert «Sweeny Todds»

Gruseln im Stadttheater. «Sweeny Todds» ist mit Humor gespickt, aber manchmal bleibt das Lachen im Hals stecken

Gruseln im Stadttheater. «Sweeny Todds» ist mit Humor gespickt, aber manchmal bleibt das Lachen im Hals stecken

«Sweeney Todds» – ein mit Humor und Gruseln versetzter Kannibalen-Thriller am Tobs.

Während auf dem Solothurner Klosterplatz Lichtergirlanden und Weihnachtssterne um die Wette strahlten, funkelte nebenan im Stadttheater das pure Gruseln: «Sweeney Todd – The Demon Barber of Fleet Street» wetzt die Klinge. Nicht zum Rasieren, sondern um seinen Kunden die Kehle durchzuschneiden. So rächt er sich dafür, dass er unschuldig in die Verbannung geschickt wurde. Das Fleisch der Opfer überlässt Sweeney der Pastetenbäckerin Mrs. Lovett, die gekonnt den Fleischwolf dreht und deren Geschäfte plötzlich florieren. Sweeneys eigentliches Ziel bleibt jedoch Richter Turpin, der ihn verurteilte, seine Frau vergewaltigte und seine Tochter Johanna entführte. Das klassische Liebespaar sind Johanna, das Mündel des Richters, wunderbar lyrisch gesungen von Roxane Choux, und Yi-An Chen als liebeskranker Antony Hope. Der Tenor präsentierte sich stimmlich in Top-Form, prädestiniert für das Musical-Genre.

Eine gepeinigte Seele und ein Vollblutweib

Regisseur und Bühnenbildner Olivier Tambosi siedelt das minimalistisch gestaltete Kannibalen-Kabinett im viktorianischen London an. Ein eigentliches Horrorszenario, eingepackt in angelsächsischen Humor, bei dem einem das Lachen manchmal im Hals stecken bleibt. Dafür sorgt vor allem Christiane Tambosi-Boesiger als Mrs. Lovett: Ein Vollblutweib, welches mit Intrigen, Mutterwitz und Selbstnutzen dafür sorgt, dass sie auf der Gewinnerseite bleibt. Christiane Tambosi-Boesiger agiert köstlich, grausam und amüsant.

Preist sie die aus dem Fleisch von Politikern, Herrschaften und Klerikern hergestellte Pie, bleibt kein Auge trocken. Doch sie schlägt auch leisere Töne an; träumt vom kleinen Glück am Meer. Mit Sweeney Todd, den sie liebt und immer weiter zum Bösen antreibt. Christian Manuel Oliveira mimt in der Titelrolle einen zerrissenen Charakter, der vom Opfer zum Täter, von der geschäftstüchtigen Lovett zum Massenmörder gemacht wird. Eine gepeinigte Seele, deren Dämonie Christian Manuel Oliveira hör- und fühlbar macht.

Oliveira und Tambosi-Boesiger sind Sängerdarsteller, die Stephen Sondheims pointiertes Sprech-Singen und den makabren Wortwitz gekonnt beherrschen. Überhaupt sind alle Partien ideal besetzt: Irakli Murjikneli lässt in Pirellis Auftrittslied viel Italianità aufblitzen. Ein Zukunftsversprechen gab der junge Michael Heller mit toller Stimme und grossem Bühnencharisma ab. Eitel und machtbesessen agierte Mark Lambert als Judge Turpin. Gewohnt souverän Konstantin Nazlamov als agiler Beatle. Die Figur, die am meisten anrührt, verkörperte Susannah Haberfeld als Bettlerin. Eine singende Schauspielerin, deren Körpersprache und Mimik mit dem Charakter verschmelzen. Auch nach dem Absturz in die Gosse behält diese Frau ihre Würde, besitzt Anmut und Stimme. Susannah Haberfeld erinnert an Schaljapins Ausspruch, dass es für grosse Sänger keine kleinen Rollen gibt, beherrscht die Szene.

Zum famosen Ganzen tragen der sehr ambitioniert aufspielende Chor und das schlank besetzte Sinfonieorchester Biel Solothurn bei. Geleitet von Iwan Wassilevski, reihten die Musiker Effekte aneinander, liessen sie lebendig werden, versetzten das Publikum in eine für den Advent ungewohnte Thriller-Stimmung.


Aufführungen in Solothurn: 9. 1., 11.1., 1.2., 5.2. In Biel: 27.12., 7.1. 15.1. und weitere.

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