Auf einen Kaffee mit...
Thorberg-Insasse: «Habe gelernt, mit Provokationen umzugehen»

Der Solothurner Andreas L. muss seine besten Jahre auf dem höchsten Berg der Schweiz, dem Thorberg, verbringen. Ein Augenschein.

Theodor Eckert
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Auf dem Thorberg stehen 180 Plätze für den geschlossenen Vollzug zur Verfügung. 120 Mitarbeiter betreuen Insassen aus rund 40 Nationen.

Auf dem Thorberg stehen 180 Plätze für den geschlossenen Vollzug zur Verfügung. 120 Mitarbeiter betreuen Insassen aus rund 40 Nationen.

Keystone

Wie heisst es doch so mehrdeutig im Volksmund: Der höchste Berg in der Schweiz ist der Thorberg – der sei derart hoch, dass manche bis zwanzig Jahre bräuchten, um wieder herunterzukommen. In der Tat, die Insassen des Gefängnisses auf dem Felsen bei Krauchthal sind nicht bloss beim Ladendiebstahl ertappt worden. Ihre Gesetzesbrüche entsprechen der gröberen Art, was längere Haftstrafen im helvetischen Alcatraz zur Folge hat. Wir besuchen einen Solothurner Häftling, der bereits fünf Jahre einsitzt und noch einige Zeit dort verbringen wird.

Spezielle Atmosphäre

Ein trüber Novembertag drückt selbst beim Besucher auf die Stimmung. Nach einem kurzen Autobahnabschnitt geht die Fahrt über Land. Vorbei an der Frauenhaftanstalt Hindelbank. Alles grau in grau. Etwas später lädt ein Plakat am Strassenrand zum Besuch des anstehenden Adventsmarktes ein, ein nächstes zum Kauf eines Whirlpools. Keine Werbebotschaften an Strafgefangene. Unvermittelt taucht der Thorberg auf. Nach dem minutiösen Eintrittsprozedere sitzen wir im Besucherraum.

Muskulöser als Messi

Andreas L.* wird hereingeführt. Den klein gewachsenen Starfussballer Lionel Messi dürfte er kaum überragen, dafür füllen seine Muskeln das T-Shirt wesentlich konturenreicher aus. Ein flotter Haarschnitt, ein offenes Lächeln, ein kräftiger Händedruck. Zwölf Jahre Zuchthaus für versuchte vorsätzliche Tötung, Drogenhandel, Körperverletzung und Vergewaltigung würde man dem 35-Jährigen nicht geben, wenn man ihn an einem ganz gewöhnlichen Samstag beim Einkaufen sähe.

Prägende Kindheit

Dass L. gelandet ist, wo er heute die besten Jahre seines Lebens fristet, entspricht jedem Stammtisch-Cliché: Harte Kinderjahre, Vater schlägt Mutter, die Geldesel weiden überall woanders. In der Schule soll er Prügel beziehen, doch er entpuppt sich als kleiner Mike Tyson und verschafft sich Respekt. Die ersehnte Anerkennung ist ihm gewiss. Diese Erfahrung verinnerlicht er. Die Lehre schmeisst er, doch für die Arbeit auf dem Bau ist er geschaffen. Es folgen eine Beziehung, ein Kind, ein rasches Ende der Glückseligkeit. Nachträglich bezeichnet L. das kurze Familienleben als die schönste Zeit seines bisherigen Daseins, obwohl einmal mehr Geldsorgen zum Alltag gehören. Die hässlichste Phase lässt indes nicht lange auf sich warten. Das Scheitern der Beziehung leitet den Absturz ein. L. schwenkt mit Drogengeschäften, Drogengenuss und Gewalt gegenüber einer neuen Freundin auf den Weg Richtung Thorberg ein.

Dann eskaliert es

Wut, Frustration, Verzweiflung beherrschen seine Tage. Wenn nötig ist Gewalt sein gängiges Mittel damit umzugehen. Als die Fäuste nicht mehr reichen, ist es die Schusswaffe. Acht Jahre Freiheit sind dahin. Vier Jahre kommen dazu. Nun sitzt er. Hat viel Zeit zum Nachdenken. L. ist intelligenter als es sein Werdegang vermuten liesse. Er kann reflektieren, erkennt seine Schwächen und Fehler.

Er akzeptiert die Strafe und bezeichnet seinen Aufenthalt im Gefängnis gar als Chance zum richtigen Zeitpunkt. Einzig den Vergewaltigungsvorwurf weist er vehement von sich. Gewalt und Vergewaltigung seien zwei Paar verschiedene Schuhe. Letztere trage er nicht. Da selbst vor Obergericht Entlastungszeuginnen nicht zugelassen wurden, will L. nun ans Bundesgericht gelangen. Es gehe ihm gar nicht um die Reduktion des Strafmasses: «Ein Jahr mehr oder weniger spielt mir keine Rolle, aber ich kann diesen Vorwurf nicht auf mir sitzen lassen. Derzeit soll ich für etwas therapiert werden, das ich gar nicht begangen habe. Zudem bringe ich so etwas nie mehr los.»

Echt oder einfach nur gespielt?

Was er genau mit Chance meine, wollen wir wissen. «Ich bin an einem absoluten Tiefpunkt gewesen. Durch den Freiheitsentzug wurde meine Abwärtsspirale unterbrochen.» Er habe gelernt, sein Gewaltpotenzial zu kanalisieren. Er habe ein Betriebswirtschafts-Fernstudium in Angriff genommen und könne sich jetzt seiner grossen Passion Lesen widmen. «Geschichte und Philosophie fesseln mich.» Dann zählt er alle grossen Namen auf, deren Bücher er verschlungen habe. Der Name Schopenhauer fällt und das Werk «Ich bin o.k., Du bist o.k.» von Thomas A. Harris. Beim Werk des US-Psychiaters geht es darum, wie wir uns selber besser verstehen und unsere Einstellung zu anderen verändern können. L. bezeichnet sich als Leseratte, am liebsten würde er nach seiner Entlassung eine kleine Buchhandlung eröffnen. Sind dies alles lediglich schön brav einstudierte Worte? Mit dem Ziel, den Besucher zu beeindrucken? Hat er sich das dank seiner wöchentlichen Stunde mit der Anstaltspsychologin selber beigebracht? Kann sein, muss aber nicht. L. wirkt glaubwürdig, aber letztlich sehen auch wir nicht in ihn hinein.

Was bringt die Zukunft?

L. schaut nicht zurück. Er blickt in die Zukunft. Er möchte noch eine Ausbildung machen, aber auch die Beziehung zu seiner inzwischen achtjährigen Tochter nicht verlieren. Er macht sich keine Illusionen: Wenn man ihn aus der Haft entlässt, wird er einen prall gefüllten Rucksack mitbekommen. Über 200 000 Franken Schulden schwer zum Beispiel. Seine Ausflüge in die Welt der Philosophie werden einer ungeschminkten Realität ausserhalb der Gefängnismauern standhalten müssen. Zurück in solothurnischen Landen, könnten verdeckte Verhaltensmuster aufbrechen. «Letzteres wird sicher nicht der Fall sein, meinen alten Lebensmittelpunkt muss ich ändern.»

Die viel zitierte zweite Chance

Den Begriff Resozialisierung verwendet Andreas L. während des gesamten Gesprächs nie. Aber letztlich könnte er ein gutes Beispiel dafür liefern. Zeit bleibt ihm noch zur Genüge, um sich für stabiles Leben draussen zu wappnen. Unsere auf dem Thorberg ist schnell abgelaufen. Wir lassen Aufseher, Stacheldraht und Videokameras hinter uns – durchaus mit gemischten Gefühlen.

Der Thorberg-Insasse heisst mit richtigem Namen nicht Andreas L.

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