Theaterpremiere
Eine moderne Figur in alter Sprache: Das Theaterstück «Die Marquise von O...» feiert im Stadttheater Premiere

Regisseurin Deborah Graf hat Heinrich vom Kleists Novelle für die Bühne umgeschrieben. Das Stück handelt von einer Vergewaltigung und lässt Figuren und Erzähler zu einem verschmelzen.

Sophie Deck
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Regisseurin Deborah Epstein ist in ihrer Inszenierung Kleists Originaltext treu geblieben. Gegen Schluss wird dieser eingeblendet.

Regisseurin Deborah Epstein ist in ihrer Inszenierung Kleists Originaltext treu geblieben. Gegen Schluss wird dieser eingeblendet.

Matthias Käser

Die Novelle «Die Marquise von O...» von Heinrich von Kleist (1777-1811) beginnt mit einer Vergewaltigung: Die Marquise von O, Julietta, wird im Schlaf vergewaltigt. Das Theaterstück feierte am Freitagabend im Stadttheater Premiere.

Regisseurin Deborah Epstein vom Theater Orchester Biel Solothurn (TOBS) hat Kleists Novelle für die Bühne umgeschrieben. Dabei ist sie vollkommen dem Originaltext treu geblieben. So spielen die Charaktere nicht nur ihre Rolle, sondern lesen auch Text vor, der beschreibt, was ihre Figuren tun.

«Durch den Gebrauch der indirekten Rede wird dem Zuschauer die Illusion eröffnet, sich auf dem Schauplatz des Geschehens zu befinden und diesen mit den Augen der wechselnden Figuren zu betrachten»,

sagt die Regisseurin. Somit fungieren die Figuren gleichzeitig als Charaktere und als Erzähler der Geschichte.

Das Stück beginnt inmitten des Krieges: Russische Soldaten greifen die Zitadelle des Herrn von G..., Juliettas Vater, an. Eine Gruppe dieser Soldaten versucht, Julietta, gespielt von Antonia Scharl, zu vergewaltigen, doch im letzten Moment wird sie gerettet vom Graf F., gespielt von Matthias Schoch.

Als die Marquise daraufhin ohnmächtig wird, ergreift der Graf die Gelegenheit und vergewaltigt sie selbst. Sie merkt davon nichts. Entsprechend gross ihr Schock, als sie einige Wochen später feststellt, dass sie schwanger ist. Dann hält Grad F. noch um ihre Hand an.

Die Figuren im Stück verstehen lange nicht, was passiert sein könnte. Das trägt zur Dramatik bei, als die Marquise von ihrer Familie verstossen wird. Obwohl Kleist ein Mann war, der vor über 200 Jahren gelebt hat, wirkt die Figur der Marquise erstaunlich modern.

Trotz der Verstossung und Verachtung nimmt sie ihr eigenes Schicksal in die Hand und schaut nach vorn, um zu entscheiden, ob sie, um ihre Ehre zu schützen, den Grafen heiraten kann.

Jeans und ein Shirt zwischen Rüschen

Die Kostüme sowie die Kulisse sind dem 18. Jahrhundert angepasst: Rüschen, Fraks und farbige Polster. Die Möbelstücke werden während des Stücks von den Schauspielern bewegt, um die Bühne umzubauen - der Vorhang wird nie gezogen.

Ein Mitglied der Gruppe allerdings unterbricht das Bild: Janis Urosevic, der am TOBS Schauspielpraktikant ist, seine Ausbildung also erst beginnen wird, ist der Erzähler des Stücks. Er erzählt nicht nur neben der Bühne: Meist befindet er sich inmitten der anderen Schauspieler - in Jeans, einem Shirt, einer Jacke und Turnschuhen, was ein amüsant absurdes Bild kreiert.

Als Diener und als Hebamme nimmt er ab und auch an der Handlung Teil und lockert das schwere Thema des Stücks mit Humor etwas auf. Gelächter im Publikum entsteht durch kleine Gesten und kurze Blicke der Charaktere, die es für einen Moment wirken lassen, als wüssten sie, dass sie sich in einem Theaterstück befinden.

Das Ende des Stücks regt zum Nachdenken an.

«Der monströse Akt der Vergewaltigung und der genauso monströse Akt der Versöhnung ragen weit über das Sagbare hinaus - und lassen uns unerlöst zurück»,

so Deborah Epstein. Und auch diese Gedanken seien ihrer Meinung nach etwas, was an dem Stück modern sei.

«Die Marquise von O...» wird im Stadttheater Solothurn bis Ende Januar aufgeführt. Im Stadttheater Biel findet die Premiere am 27. November statt und die Vorstellungen dauern bis Anfang Januar. Die Aufführungsdaten sowie weitere für auswärtige Aufführungen sind auf tobs.ch zu finden.

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