«Thai-Sexmilieu»

Thailänderin wird wegen Menschenhandel schuldig gesprochen – und sofort freigelassen

«Die Beschuldigte war sicher kein grosser Fisch im Rotlichtmilieu», meint der Oberrichter.

«Die Beschuldigte war sicher kein grosser Fisch im Rotlichtmilieu», meint der Oberrichter.

Das Solothurner Obergericht verurteilt eine Thailänderin zu vier Jahren Haft wegen Menschenhandels. In mehreren Anklagepunkten sprachen die Richter die Bordellbetreiberin allerdings frei.

Vier Jahre Haft – und die sofortige Entlassung aus dem Gefängnis: So sieht die Bilanz des Menschenhandelsprozesses im Thai-Milieu der Balsthaler Rotlichtszene aus. Am Mittwoch hat das Obergericht das Urteil im Fall der 55-jährigen Betreiberin des Bordells «New Paradise» eröffnet. Das Gericht reduzierte damit die Gefängnisstrafe der ersten Instanz um rund ein Drittel. Neben diversen Schuldsprüchen gab es mehrere Freisprüche für die Thailänderin mit Niederlassungsbewilligung C.

«Die Beschuldigte war sicher kein grosser Fisch im Rotlichtmilieu. Hierarchisch war sie an der untersten Position angesiedelt. Würde man die Situation mit dem Drogenmilieu vergleichen, so hatte sie die Position eines Gassenhändlers inne», erklärte Oberrichter Hans-Peter Marti die Ausgangslage bei der summarischen Urteilsbegründung.

Diese hielt er in Mundart, im Gegensatz zur hochdeutschen Zusammenfassung anschliessend. Dies, um Missverständnisse durch unzusammenhängende Bruchstücke bei der Angeklagten zu vermeiden, wie er sagte. Denn nur die schriftdeutsche Zusammenfassung der Urteilsbegründung wurde von der Dolmetscherin ins Thailändische übersetzt.

Egoistische Motive

Die vier Privatklägerinnen – eine fünfte hatte sich nach dem erstinstanzlichen Urteil zurückgezogen – beschrieben die beschuldigte Bordellbetreiberin als «eher gutmütig», wie der Oberrichter ausführte. Die Arbeitsbedingungen bei ihr seien verglichen mit anderen thailändischen Bordellen «überdurchschnittlich» gewesen.

Eine differenzierte Einschätzung, die dazu beitrug, das Gericht von der Zuverlässigkeit der Zeugenaussagen zu überzeugen. Die Tatsache ferner, dass es im «New Paradise» keine physische Gewalt gegen die Prostituierten gab und auch keine Androhung von Gewalt, wirkte sich mildernd auf die Strafe aus.

Bei aller Relativierung dürfe aber nicht vergessen werden, so Marti, dass die Angeklagte vorsätzlich und aus egoistischen Motiven gehandelt habe. 2011 bis 2015 habe sie vom Verdienst der Prostituierten gelebt, deren Freiheit eingeschränkt und ihnen Vorgaben bei den anzubietenden Dienstleistungen, zum Beispiel ungeschützten Oralverkehr, und bei der Preisgestaltung gemacht. «Die psychischen Folgen für die betroffenen Frauen waren zweifellos erheblich.»

Beim Vorwurf des Menschenhandels in zwei Fällen wurde die Beschuldigte in einem Fall schuldig und im anderen freigesprochen. Das Obergericht kam zum Schluss, dass die Initiative im Balsthaler Salon anzuschaffen, in einem Fall von der Privatklägerin selbst ausgegangen war.

Auch bei der Anklage der Förderung der Prostitution sowie bei den Verstössen gegen das Ausländergesetz mit der Absicht, sich zu bereichern, entschied das Gericht differenziert: in zehn Fällen resultierte ein Freispruch, in neun ein Schuldspruch. Bei den Drogendelikten, Verkauf und Konsum von Ice Crystal (Methamphetamin), kam das Gericht zum Schluss, dass die Angeklagte, die selbst süchtig war, sich nicht bereichert habe.

Fluchtgefahr verneint

Neben der Strafe von vier Jahren Haft, einer bedingten Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 10 Franken bei einer Probezeit von zwei Jahren und 300 Franken Busse, muss die Bordellbetreiberin den Privatklägerinnen eine Genugtuung von insgesamt 45'000 Franken zahlen. Zudem muss sie die Gerichtskosten beider Instanzen (26'700 Franken) zu 80 Prozent berappen.

Weil die Frau bereits 33 Monate hinter Gittern sitzt, verfügte das Obergericht ihre sofortige Freilassung, ohne auf das Begehren der Staatsanwaltschaft nach Sicherheitshaft einzugehen. Der Lebensmittelpunkt der Beschuldigten sei familienbedingt in der Schweiz, die Prognose gut, Fluchtgefahr daher nicht gegeben.

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