Obergericht
Tankstellenräuber bekommt Rabatt vom Obergericht

Die Richter reduzierten die Freiheitsstrafe des 33-jährigen Libanesen, der mit einem Revolver den Coop-Tankstellenshop ausrauben wollte, von 60 auf 45 Monate.

Hans Peter Schläfli
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Die Coop-Tankstelle wurde 2012 überfallen.

Die Coop-Tankstelle wurde 2012 überfallen.

Oliver Menge

Dass Sinan K.* am 10. März 2012 mit einem Revolver bewaffnet den Coop-Tankstellenshop in Grenchen überfallen hat, daran bestehen keine Zweifel. Um sechs Uhr morgens maskierte er sich vor dem Laden, ging schnurstracks auf den Inhaber zu und hielt diesem die geladene Waffe an den Kopf. Doch dieser wehrte sich und konnte den Raub vereiteln. Alles wurde von einer Überwachungskamera aufgezeichnet. Eine Patrouille der Polizei fasste den heute 33-jährigen Libanesen kurz danach auf der Flucht ganz in der Nähe. So wurde er im Oktober 2013 vom Amtsgericht Solothurn-Lebern wegen versuchtem qualifiziertem Raub und weiteren Delikten zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt.

Sinan K. legte Berufung ein. Er bestand auch vor Obergericht darauf, zum Raubüberfall gezwungen worden zu sein. Ein unbekannter Massimo* habe ihn wegen Schulden mit dem Tod bedroht, sonst hätte er nie so etwas getan. Vor dem Amtsgericht hatte er mit seiner Geschichte kein Gehör gefunden und so musste sein Pflichtverteidiger, Rechtsanwalt Dominik Schnyder, gestern Mittwoch versuchen, dem Obergericht den Raubüberfall aus der Sicht des Angeklagten glaubhaft zu erklären. «Er wurde von Massimo mit einer grossen Waffe bedroht und erhielt eine kleine, die im Vergleich harmlos erscheint, um den Raubüberfall zu begehen», sagte Schnyder, «das ist plausibel. Er befand sich in einem Notstand.» Der schmierestehende Komplize, der auf dem Überwachungsvideo zu sehen ist, sei ein Wachhund, der bei einem Erfolg das geraubte Geld zu Massimo bringen sollte. «Wenn mein Mandant könnte, würde er diesen Komplizen nennen, er weiss ja, dass er sich damit erheblich entlasten könnte», sagte Schnyder, «aber er kennt den Aufpasser nicht.»

Freispruch gefordert

«Es ist zu prüfen, ob der Notstand die Tat rechtfertigt», erklärte der Verteidiger seinen Antrag auf einen Freispruch. Zumindest sei die Bedrohung mit dem Tod als stark strafmildernd anzurechnen, weshalb er alternativ eine Freiheitsstrafe von höchstens 36 Monaten forderte. «Sinan K. wurde unmittelbar nach der Tat verhaftet und hätte nicht die Fähigkeit, sich eine solch detaillierte Geschichte auszudenken. Das wäre ja ein Geniestreich, augenblicklich diese Notlage zu erfinden», sagte Schnyder.

«Nicht glaubwürdig»

Das Obergericht reduzierte die Freiheitsstrafe um 15 Monate von fünf Jahren auf 45 Monate, – aber aus anderen Gründen, als sie die Verteidigung vorgebracht hatte. «Die Zwangslage hat nicht existiert, er war nicht in seiner Entscheidungsfähigkeit eingeschränkt», erklärte Oberrichter Marcel Kamber. Die Aussagen des Angeklagten seien viel zu widersprüchlich und nicht glaubwürdig. «Es ist vom zweifelsfreien Beweisergebnis auszugehen, dass er aus eigener Initiative den Überfall gemacht hat.» Obwohl der Beschuldigte seine besondere Gefährlichkeit manifestiert habe, sei er nicht der zu allem entschlossene Täter. «Als er auf Widerstand stiess, gab er den Tatentschluss sofort auf und flüchtete», sagte der Oberrichter. Auch die Vorstrafen wurden ihm nicht so negativ angerechnet wie von der Vorinstanz, weil es sich dabei nicht Gewaltdelikte handelte.

So wurde Sinan K. vom Obergericht zu einer Freiheitsstrafe von 45 Monaten verurteilt. Da er seit 30 Monaten in Haft ist, könnte er bei guter Führung bereits vorzeitig entlassen werden.

* Namen von der Redaktion geändert