Musik ist Pflicht. So steht es im Lehrplan. Solothurner Schüler sollen Lieder unterschiedlicher Kulturen beherrschen: Liebeslieder. Jahreszeitenlieder. Oder die Nationalhymne. Die Lehrer können sie in den Unterricht aufnehmen – müssen aber nicht.

Das soll sich ändern, findet SVP-Kantonsrat Roberto Conti (Bettlach), der Schweizer Psalm zum Pflichtstoff werden. Dazu reichte der Kantilehrer einen entsprechenden Vorstoss im Kantonsrat ein. Der Regierungsrat wollte davon aber nichts wissen. Es brauche diesen Eingriff in den Lehrplan nicht – er sei weder angezeigt noch sinnvoll.

Bei der gestrigen Debatte versuchte Conti, seine Ratskollegen vom Gegenteil zu überzeugen. Es handle sich überhaupt nicht um einen «gewaltigen Eingriff», sondern um «Freiheit pur»: Die Schulen können laut Vorstoss nämlich selbst entscheiden, wann und wie sie die Hymne üben. Der Mensch habe ein Bedürfnis nach Identifikation, so Conti, der in rotem Shirt mit weissem Kreuz sein Votum hielt. Und ja, es gehe um Patriotismus. Das dürfe es aber auch.

Nationalhymne Schweiz mit deutschem Text

Nationalhymne Schweiz mit deutschem Text

Darf die Politik das?

Dass die Hymne gerade etwa bei Sportanlässen verbindet, bestritt keiner der Kantonsräte. Aber: Muss der Psalm dafür Pflichtstoff werden? Auch Sachkommissionssprecher Kuno Gasser (CVP, Nunningen) stellte die Frage: «Soll der Gesetzgeber in die operative Tätigkeit der Schule eingreifen?» Nein, fand die Kommission. Den Gedanken Contis, das Singen der Hymne wirke sich positiv auf die Integration aus, bezeichnete Gasser zudem als «zu idealistisch».
Auch Grünen-Sprecherin Barbara Wyss Flück (Solothurn) bezeichnete es als «kritisch», als Parlament «solch konkrete Unterrichtsinhalte» zu bestimmen.

Keine Hymnenpflicht an Schweizer Schulen

Keine Hymnenpflicht an Schweizer Schulen

  

Zwang braucht es nicht, fand auch die Mehrheit der FDP. Er hoffe aber, dass die Lehrer die Hymne auch so lehren, so Sprecher Marco Lupi (Solothurn). So wie etwa Mathias Stricker (SP, Bettlach), der die Hymne bereits heute mit seinen Klassen übt – im Lehrplan 21 wird dies wie eingangs beschrieben ja als Beispiel für ein Stück im Musikunterricht vorgeschlagen. Die Politik braucht der Schule also keine inhaltlichen Vorgaben zu machen, meinte Stricker.

Marianne Wyss (SP, Trimbach) ging noch weiter: Es gebe nationalistische Tendenzen in ganz Europa. Dieser Vorstoss gehe in diese Richtung. Das sei schon ein starkes Stück, meinte darauf Conti. Nationalismus und Patriotismus sei nicht dasselbe.

Integriert die Hymne?

Um Patriotismus ging es nebst der Diskussion darüber, wie viel die Politik vorgeben darf, schliesslich auch noch. So sprach sich etwa CVP-Kantonsrätin Susan von Sury (Feldbrunnen) für die Hymne als Pflichtstoff aus. Sie stammt aus dem südlichen Teil Indiens. Dort lerne man die Hymne schon im Kindergarten. Das könne man auch in Solothurn machen, fand von Sury: Eine Hymne gehöre zu einem Land. Auch der SVP-ler Peter Linz (Büsserach) fand, «diese Migranten» sollten Schweizer Geschichte und Schweizer Psalm in der Schule lernen. Schliesslich sorgte er für Gelächter, als er meinte, Lehrer würden sich ohne Vorgabe sträuben, die Hymne zu lehren. «Dass d Lehrer aui links si» wisse er schon lange. Parteikollege Roberto Conti verzieh ihm diese Aussage scherzhaft.

«Nur alleine mit der Hymne entsteht keine Identifikation mit unserer Kultur», meinte indes Barbara Wyss Flück. Als «typische Aussage eines Schweizers» bezeichnete Christian Werner (SVP) hingegen die Meinung, die Hymne integriere nicht. Migranten und Secondos sähen das anders. Das habe er beim Singen des Psalms in der Armee erlebt. Genau vom Gegenteil berichtete CVP-Kantonsrat Georg Nussbaumer (Hauenstein). Er erinnere sich noch gut an die «Panik» damals in der Unteroffiziersschule, im Hinblick auf das Singen der Hymne. Keiner habe sie beherrscht. Der Psalm habe für ihn indes auch keinen «wahnsinnigen Zusammenhang» mit Patriotismus.

Das fand schliesslich die Mehrheit des Parlaments. 56 Kantonsräte lehnten den Auftrag bei 35 Ja-Stimmen und 2 Enthaltungen ab. «Die Hymne ist etwas Wichtiges», anerkannte auch FDP-Regierungsrat Remo Ankli. Aber jedes Land habe seine eigene Art mit Patriotismus umzugehen. «Wir haben unsere.» Ohne den Psalm als Pflichtstoff im Klassenzimmer.