Nein, pompöse Büros sehen anders aus. Die Anwalts- und Notariatskanzlei Schaffner Zenari Thomann in Olten ist nicht mit Designmöbeln möbliert. Das Sitzungszimmer – im ersten Stock in einem unspektakulären Geschäftshaus – ist nüchtern und funktionell eingerichtet. Alles andere würde auch nicht passen zu Susanne Schaffner, die am 12. März Regierungsrätin werden will.

«Ich habe mit Menschen zu tun, die es im Leben nicht einfach haben», sagt sie. Es gehe dabei schwergewichtig um Sozialversicherungs- und Haftpflichtfragen, um Arbeits- und Mietrecht, zur Klientel gehörten normale Bürgerinnen und Bürger, Arbeitslose mit kleinstem Einkommen, aber ebenso selbstständige Handwerker. Die 54-jährige SP-Politikerin sagt diese Sätze und umschreibt damit anschaulich ihr politisches Programm: Einsatz für die weniger Privilegierten.

Im bäuerlichen Umfeld politisiert

Im kleinen Sitzungszimmer legt Susanne Schaffner ein Foto auf den Tisch. Sie sitzt als kleines Kind auf einem Traktor. «Ich bin zusammen mit meinen zwei Brüdern in einer Bauernfamilie in Däniken aufgewachsen», kommentiert sie das Bild aus dem Familienalbum. Dieses bäuerliche Umfeld habe sie geprägt und letztlich auch politisiert. Ihr Vater habe sich Anfang der 70er Jahre gewehrt gegen eine Umzonung seines Landes, um den Bau und die Erschliessung eines neuen Postzentrums zu ermöglichen.

Zudem wollte man eine Erschliessungsstrasse ins AKW Gösgen über sein Land führen. Das Thema «Kleine gegen Grosse» habe den Familientisch dominiert. «Ich wusste schon als Kind, was Perimeter und Enteignung bedeuten», sagt sie lachend. Ihre Eltern seien parteipolitisch zwar nie aktiv gewesen. Aber sie kämpften um ihre Rechte.

In dieselbe Zeit fielen die Proteste gegen das AKW. «Ich war als Kind konfrontiert mit der Polizeigewalt gegen friedliche Demonstranten.» Diese seien über das Land ihrer Eltern getrieben worden, «es war wie im Krieg». Ihr Vater habe ihr damals spasseshalber gesagt: «Susanne, du musst Anwältin werden, um dich wehren zu können.»

Das alles habe in ihr, aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, das Interesse an der Politik geweckt. Die Wahl auf die SP-Partei sei quasi biografiebedingt erfolgt. Heute sagt sie rückblickend: «Meine Ziele in Beruf und Politik haben viele Gemeinsamkeiten.»

Unnahbar, stur, verbissen?

Nun will die Oltnerin Regierungsrätin werden. Eine Quereinsteigerin ist sie nicht. Seit ihrer Jugendzeit ist sie politisch aktiv, war Parteipräsidentin der SP in Däniken, ist Präsidentin im Fachausschuss Wirtschaft und Finanzen der SP Kanton Solothurn, gut vernetzt etwa als Vizepräsidentin Mieterinnen- und Mieterverband Olten oder Präsidentin Patientenstelle Aargau Solothurn. Seit 2005 vertritt sie die SP im Solothurner Kantonsrat.

Dort konnte sich Schaffner mit ihrem Fachwissen als Finanz- und Sozialpolitikerin einen Namen schaffen. Sie ist seit zehn Jahren Mitglied der wichtigen Finanzkommission, die sie von 2009 bis 2013 auch präsidierte. «Ich vertrete – auch als damalige Kommissionspräsidentin – klare Positionen.» Stichworte sind gerechte Steuerpolitik, keine Reduktion der Krankenkassen-Prämienverbilligungsbeiträge, für ein soziales Sicherheitsnetz ohne Löcher oder bessere Integration in den Arbeitsmarkt.

Sie agiere nicht im luftleeren Raum, sondern aus beruflicher Erfahrung. «Ich bin in meinem Beruf tagtäglich mit solchen Problemstellungen konfrontiert.» Schaffner weiss, dass ihr gerade wegen des engagierten Einsatzes auch weniger Schmeichelhaftes nachgeredet wird. Adjektive sind etwa unnahbar, stur, streng oder verbissen. Sie wehrt sich gegen dieses «falsche Bild».

Als Präsidentin der Finanzkommission und vor allem als Kantonsratspräsidentin habe sie gezeigt, dass sie kompromissbereit sei und auch keine Berührungsängste gegenüber anderen Parteien oder Bevölkerungsschichten kenne. Aber: «Ich arbeite seriös und versuche mit vollem Einsatz, Ziele zu erreichen.» Dasselbe gelte auch in ihrer beruflichen Tätigkeit. «Als Anwältin will ich für eine gute Lösung verhandeln und nicht von Beginn weg klagen.»

Kompromissbereit – mit Grenzen

Die Seriosität wird von der politischen Gegenseite bestätigt. «Susanne Schaffner ist dossierfest, das muss man neidlos anerkennen», sagt FDP-Kantonsrat Beat Loosli, der seit Jahren mit Schaffner in der Finanzkommission eng zusammenarbeitet. Sie vertrete sehr konsequent ihre Haltung. Dies setze der Kompromissbereitschaft Grenzen. Ab einem bestimmten Punkt sei mit ihr kein Kompromiss mehr möglich.

Obwohl politisch nicht auf der gleichen Bühne zu Hause, schätze man sich. «Wir diskutieren hart in der Sache, aber immer auf einer fairen Ebene». Seiner Meinung nach vertritt sie manchmal ihre Position zu dezidiert. Trotzdem: «Als Kantonsratspräsidentin und Präsidentin der Finanzkommission hat Schaffner gezeigt, dass sie das Format als Regierungsrätin hat.»

Menschen in schwierigen Lagen zu helfen ist das eine. Aber wäre es nicht zielführender sich dafür einzusetzen, dass möglichst wenig Menschen in die Bredouille geraten? Zum Beispiel möglichst gute Rahmenbedingungen schaffen, damit Unternehmer bestehen können und Arbeitsplätze schaffen. Das bringt Susanne Schaffner in Fahrt: «Ich bin keine Sozialromantikerin.»

Als Anwältin sorge sie gerade dafür, dass ihre Klienten zu ihren Rechten kämen und nicht zu Sozialfällen würden. Und: «Ich bin selbst Unternehmerin mit sechs Angestellten.» Sie habe ein positives Bild des Patrons. Bei 90 Prozent von ihnen stehe nicht die Gewinnmaximierung zuvorderst, sondern die Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen. Deshalb würde sie sich als Regierungsrätin nicht nur für den sozialen Ausgleich einsetzen, sondern auch für einen möglichst attraktiven Standortkanton, für bestehende und für potenzielle Firmen.

Ein Rezept dazu sei die Bereitstellung einer guten Bildungsinfrastruktur. Dazu zählt sie etwa die Nachholbildung, damit sich auch bestandene Berufskräfte ohne Lehrabschluss das theoretische Rüstzeug holen können.

Im Ja zu guten Rahmenbedingungen sieht Schaffner keinen Widerspruch zu ihrem vehementen Widerstand gegen die Unternehmenssteuerreform III. Im Parlament, landauf landab an Podien, kämpft sie dagegen an. Sie spricht von Steuergeschenken an die Reichen, von Steuerausfällen, die auf dem Buckel der Bevölkerung kompensiert werden sollen.

«Standortförderung ist nicht alleine Steuerpolitik.» Letzterem Faktor werde zu viel Gewicht beigemessen. Grundvoraussetzung für gute Rahmenbedingungen sei, dass der Kanton einigermassen finanziell solide dastehe. «Was kann sich der Kanton leisten und was nicht?», sei die Frage. Und die prognostizierten Steuerausfälle würden eben das Gleichgewicht aus dem Lot bringen.

Für «eine Kurskorrektur»

Damit wird sie als mögliches Mitglied in der Kantonsregierung auf Granit beissen. Bei der Umsetzung der Steuerreform will diese nämlich die Steuerbelastung für Unternehmen radikal senken. Und Schaffner weiss, dass die Regierung auch nach den Wahlen mehrheitlich bürgerlich zusammengesetzt sein wird. Trotzdem. Auch hier gibt sich die Oltnerin kämpferisch. «Ich würde mich in Sachen Steuerreform für eine Kurskorrektur einsetzen im Sinne einer verträglicheren Umsetzung.»

Nach ihrer fast einstimmigen Wahl zur alleinigen Regierungsrats-Kandidatin der SP hiess es, sie sei praktisch gewählt. Schaffner sei die «natürliche Nachfolgerin» des abtretenden Genossen Peter Gomm; ebenfalls Anwalt und ebenfalls Oltner. Schaffner wehrt sich vehement: «Wir leben nicht in einer Monarchie. Gewählt wird die Regierung durch die Bevölkerung.» So betreibt sie einen aktiven Wahlkampf mit zahllosen Auftritten und Inseraten.

Dazu braucht es viel Durchhaltewillen und Ausdauer. Kein Problem für Schaffner, die mit ihrem Ehemann und zwei Kindern in einem Einfamilienhaus in Olten lebt. Sie liebe die Natur. «Meine Eltern konnten als Bauern keine Ferien machen. So habe ich als Kind viele Wochen bei meiner Tante in den Bergen im Wallis verbracht.» Sie hält sich bis heute auf anspruchsvollen Wanderungen fit.

Noch heute werde sie von Ratskollegen auf die von ihr als Kantonsratspräsidentin organisierten Wandertour angesprochen. «Diese brachte einige an ihre Grenzen», berichtet sie lachend.