Frau Schaffner, mit diesem Interview müssen wir zeitig fertig sein, weil Sie anschliessend zu Mittag kochen müssen. Ist das immer so?

Susanne Schaffner: Zurzeit bin ich mit meiner Tochter allein, da mein Mann mit unserem Sohn für zwei Monate in Amerika weilt. Aber auch sonst haben wir uns die Hausarbeit aufgeteilt. Dazu gehört, dass ich zweimal pro Woche koche und am Samstag einkaufe. Letzteres mache ich meistens auf dem Markt im Bifang.

Neben der Familie sind Sie als Anwältin, Kantonsrätin, Präsidentin der Finanzkommission und bald auch als Kantonsratspräsidentin tätig. Geht das alles zusammen?

Die Last durch das Fiko-Präsidium war schon sehr gross. Beim Kantonsratspräsidium wird es anders sein: Diese Aufgabe ist mehr repräsentativ, die Auftritte werden eher abends und an den Wochenenden sein. Das ist besser mit dem Beruf vereinbar.

Die Kombination von Fiko-Präsidium und Ratspräsidium ist ungewöhnlich. Sind Sie machthungrig?

Mein Fiko-Präsidium endet ohnehin mit dem Ende dieser Legislatur im Frühling. Als Ratspräsidentin werde ich in den Sessionen von Januar und Februar nicht als Fiko-Präsidentin auftreten. Machthungrig? Gefällt mir nicht. Richtig ist, dass ich gerne Einfluss auf Sachgeschäfte nehme. Wer das nicht will, hat in der Politik nichts verloren.

Nach dem unerwarteten Ausscheiden von Markus Schneider im August brauchte die SP-Fraktion sofort jemand fürs Kantonsratspräsi- dium. Warum gerade Sie?

Ich musste mich innert drei Tagen entscheiden. Im Sommer stand ich vor der Frage: Kandidiere ich nächstes Jahr nochmals für den Kantonsrat? Ich rang schwer mit mir und fasste auch eine berufliche Weiterbildung ins Auge. Als plötzlich das Kantonsratspräsidium neu zu besetzen war, wusste ich, dass die Fraktion das von mir erwartete. Dass ich Ja sagte, war wohl ein emotionaler Entscheid. Die Fraktion zeigte grosse Freude, dass ich es mache - so viel wie sonst nie . . . Das war für mich eine schöne Wertschätzung.

Jetzt sind drei Regierungsratssitze zu vergeben, in Olten das Stadtpräsidium, und die SP suchte vergeblich eine Frau für den Stadtrat. Interessiert Sie die Exekutive nicht?

Doch, das würde mich schon interessieren. Aber dafür muss es immer der richtige Moment und die richtige Konstellation sein. In Olten kann man ja nicht direkt fürs Stadtpräsidium kandidieren, sondern muss zuerst in ein 30-Prozent-Pensum als Stadtrat oder Stadträtin gewählt werden. Das ist ein viel schwierigerer Entscheid als die Bewerbung für ein Vollamt und stand für mich nie zur Diskussion. Ich fände einen Stadtrat aus drei vollamtlichen Mitgliedern besser.

Seit wann sind Sie politisch tätig?

Ich war schon seit der Kantizeit immer aktiv, aber in Frauenorganisationen oder in der Friedensbewegung. Etwa in diese Zeit fiel auch die Initiative für ein AKW-Moratorium. In die SP eingetreten bin ich mit etwa 26 Jahren, als ich gleichzeitig für den Gemeinderat Däniken und für den Kantonsrat kandidierte.

Welche Einstellung hatten Sie zum Atomkraftwerk in Däniken?

Ich sah als Kind die Anti-AKW-Demonstrationen, die zum Teil auf dem Land meines Vaters stattfanden, der in Däniken Landwirt war. Dabei erlebte ich Macht, Polizei und Tränengas. Ich erinnere mich, dass die Demonstranten sich am nächsten Tag entschuldigten für die Schäden, die es gegeben hatte. Als Kind hatte ich Sympathie für diejenigen, die sich wehrten. Von klein auf nahm ich an heftigen Diskussionen teil. Die Haltung meines Vaters war klar gegen das AKW. Anders mein Onkel: Für ihn waren die Gegner alle von den Russen unterwandert.

Warum war Ihr Vater dagegen?

Mein Vater musste immer um die Existenz seines Landwirtschaftsbetriebs kämpfen. Sein Land war ursprünglich dort, wo dann das Postzentrum Däniken gebaut wurde (heute Tobler Haustechnik, Anm. d. Red.). Er musste umsiedeln, aber es war schwierig, in der Gemeinde Land zu finden. Schliesslich ergab sich eine Möglichkeit auf der anderen Seite der Bahnlinie. Kaum war er dort, kamen die AKW-Pläne, und die dafür neu gebauten Strassen zerschnitten sein Land. Er und mein Bruder waren in Däniken die einzigen Bauern, die eine Rückzonung ihres Landes von der Industrie- in die Landwirtschaftszone verlangten, weil sie ihren Betrieb sichern wollten. Ironischerweise plant die Nagra jetzt auf dem Land meines Bruders auch noch das Tiefenlager. . . Wir diskutierten viel zu Hause, und mein Vater wollte immer, dass ich Anwältin werde.

Das sind Sie ja auch geworden.

Nicht auf direktem Weg. Anfangs wehrte ich mich dagegen. Ich begann ein Geografiestudium, machte dann die Handelsschule, um Geld zu verdienen. Erst später habe ich doch noch das Jus-Studium angepackt, und das lag mir sehr.

Für welche Themen setzen Sie sich heute beruflich und politisch ein?

Ich setze mich immer für diejenigen ein, die ihre Rechte nicht selber wahrnehmen können. Wenn es um den Rechtsstaat geht, der das überhaupt ermöglicht, mische ich mich ein. In der Finanzkommission ging es dieses Jahr oft darum, das Gefälle zwischen Reichen und Leuten mit weniger Geld auszugleichen. Das ist der Sinn der Sozialpolitik, für die ich mich einsetze.

Haben Sie dabei Erfolge erlebt?

Der Kanton Solothurn hat in diesem Bereich viel Positives erreicht, etwa mit der Prämienverbilligung oder mit den neuen Ergänzungsleistungen für Familien. Ich sehe in meiner Praxis, dass dies eine sinnvolle und motivierende Massnahme ist, weil die Eltern ja erwerbstätig sein müssen, damit sie einen Anspruch darauf erhalten. Ein positives Bild gibt unser Kanton auch in der Gesundheitspolitik ab: Dass wir in Solothurn ein neues Spital bauen können, ist keineswegs selbstverständlich.

Was wollen Sie besser oder anders machen als der aktuelle Kantonsratspräsident Christian Imark?

Ich finde, er hat es sehr gut gemacht. Die Geschäfte effizient durchzubringen und dennoch allen Gelegenheit geben, sich zu äussern, das wird auch mein Ziel sein. Aber in meinem Präsidialjahr werden sich ganz andere Herausforderungen stellen als in seinem. So werden wir es mit einem neu zusammengesetzten Regierungsrat und auch mit einem neuen Kantonsrat zu tun haben.

Was wünschen Sie dem Kanton Solothurn für das Jahr 2013?

Dass die politische Kultur so wie bisher erhalten bleibt. An der Session in Nunningen fiel mir auf, dass wir Solothurner zusammen etwas zustande bringen können, obwohl ein Teil der Regionen an vielen Geschäften kaum interessiert ist. Besonders dringend wird es jetzt, Lösungen in Streitfragen zwischen Kanton und Gemeinden zu finden, zum Finanzausgleich und zur Sanierung der Pensionskasse. Hier eine Vermittlungsfunktion auszuüben, erachte ich als eine meiner Aufgaben im Präsidialjahr. Wir leben davon, dass die Gemeinden Teil des Entscheidungsprozesses sind. Dazu müssen wir Sorge tragen.