Offene Rechnungen
Strom nicht bezahlt: Es braucht viel, bis man im Dunkeln sitzt

Säumige Mieter können sich einiges erlauben, bis ihnen Elektrizitätswerke das Licht abstellen. Bevor es nämlich zu einer Stromabschaltung kommt, mahnen die Versorger erst mal wochenlang und prüfen dann noch die persönliche Situation ihrer Kunden.

Simon Binz
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Kann in Derendingen nicht passieren: Haushalten mit Kleinkindern wird der Strom trotz ausstehender Rechnung nicht abgestellt.(Symbolbild)

Kann in Derendingen nicht passieren: Haushalten mit Kleinkindern wird der Strom trotz ausstehender Rechnung nicht abgestellt.(Symbolbild)

Keystone

Was tun, wenn ein Kunde die Rechnung auch nach der x-ten Mahnung nicht bezahlt? Mit dieser Frage werden etliche Gläubiger öfter konfrontiert, als ihnen lieb ist – so auch Stromversorger. Diese jedoch haben gegenüber allen anderen einen Vorteil, um effizient auf ihre Forderungen zu pochen: Bezahlt jemand nicht, stellt man ihm einfach den Strom ab. Laut einem Artikel der «SonntagsZeitung» ist diese Praxis bei Schweizer Elektrizitätswerken Usus; sitzt der Mieter oder Hauseigentümer nämlich im Dunkeln, dauert es in der Regel nicht lange, bis plötzlich Geld vorhanden ist.

Nach der Abschaltung: Wann reagiert der Kunde?

Eine Umfrage unter den regionalen Elektrizitätswerken zeigt, dass es je nach Grösse des Unternehmens unterschiedlich lange dauert, bis die Kunden nach einer Stromabschaltung reagieren. So spricht die Regio Energie AG von einer Zeitspanne zwischen einem Tag und mehreren Wochen, die Elektrizitäts- und Wasserversorgung Derendingen jedoch nur von wenigen Stunden. Unterschiedliche Reaktionszeiten kennt auch die AEK Energie AG. Für die Kunden des Unternehmens spielt offensichtlich auch die Jahreszeit eine Rolle. Mediensprecherin Susanne Rufer: «Im Winter reagiert der Grossteil der Kunden sehr schnell und tilgt die Schuld innerhalb eines Tages. Im Sommer kommt es vor, dass sie eine Woche ohne Strom auskommen.» Werde die Rechnung nicht innerhalb von 7 Tagen bezahlt oder reagiere der säumige Zahler nicht, informiere die AEK den Eigentümer der Liegenschaft. (sbi)

Auch regionale Stromversorger kennen diese Praxis. Die AEK Energie AG in Solothurn zählt rund 40 000 Endkunden; im letzten Jahr musste monatlich bei rund 20 von diesen eine Abschaltung vorgenommen werden. Bevor es aber bei den betroffenen Personen dunkel wird, leitet die AEK ihren Mahnprozess ein. Säumige Strombezieher erhalten erst eine Zahlungserinnerung, später dann eine Mahnung mit der Ankündigung, dass der Strom bei Nichtbezahlen unterbrochen wird. «Bevor wir vor Ort den letzten Schritt einleiten, sucht der Zählermonteur zudem das persönliche Gespräch», erklärt Mediensprecherin Susanne Rufer. In rund der Hälfte der Fälle führe dies zu einer Lösung, sodass ein Unterbruch verhindert werden könne. Sollte es zu einer Abschaltung kommen, geht die AEK durchaus human vor, denn der soziale Aspekt spiele eine Rolle. «Unsere Zählermonteure vor Ort handeln nach gesundem Menschenverstand. Frieren muss niemand. In einzelnen Fällen ziehen wir nach Absprache mit dem Kunden die Behörde, beispielsweise das Sozialamt, bei», sagt Rufer.

Auch die Regio Energie mit rund 12 000 Stromkunden stellt bei Nichtbezahlen der Rechnungen den Strom ab. Im letzten Jahr sei dies in zirka 75 Fällen vorgekommen, ist von Mediensprecherin Sandra Hungerbühler zu erfahren. Vor der Abschaltung werde die betroffene Person aber erst über drei Mahnstufen hinweg aufgefordert, die Rechnung zu bezahlen. Die Stromzufuhr unterbreche man dann nach vorheriger Information mit genauer Datumsangabe, so Hungerbühler.

Dabei macht die Regio Energie keine Ausnahmen. «Als öffentlich-rechtliche Unternehmung sind wir verpflichtet, alle Kunden gleich zu behandeln.» Bei der Elektrizitäts- und Wasserversorgung Derendingen, wo derzeit rund 3800 Kunden mit Strom versorgt werden, mussten im letzten Jahr 12 Abschaltungen vorgenommen werden, davon drei wiederkehrende, erklärt EWD-Geschäftsleiter Martin Reinhard. In Derendingen droht man ab der zweiten Mahnung mit der Stromabstellung oder Betreibung. Vor der effektiven Abschaltung versuche man dann aber, den Kunden nochmals zu erreichen, damit er seine Schuld begleichen oder eine Zahlungsvereinbarung abschliessen könne. «Da wir eng mit der Einwohnerkontrolle zusammenarbeiten und wir nur Derendingen mit Strom versorgen, kennen wir die jeweilige Situation unserer Kunden.» Bei Familien mit Kleinkindern, behinderten oder erkrankten Personen versuche man immer, eine Lösung ohne Stromunterbrechung zu finden.

Er habe sich über den Artikel der «SonntagsZeitung» etwas genervt, sagt Gebnet-Geschäftsführer Peter Woodtli. «Es wird dargestellt, als ob in jedem Fall bei Nichtbezahlen der Strom abgeschaltet wird, so läuft das aber in der Praxis überhaupt nicht», so der Geschäftsführer des Bucheggberger Stromversorgers. Die Stromabschaltung sei nämlich in der Regel das allerletzte Mittel. «Da wären wir an einem Punkt angelangt, wo bereits Betreibungsverfahren in Betracht gezogen werden oder schon laufen.» Bevor es so weit käme, müsste eine Person aber die erste, zweite und dritte Mahnung sowie eine Inkassosystem-Androhung und eine persönliche Kontaktaufnahme ignorieren. Sollte sich zudem jemand in einer finanziellen Notlage befinden und könne dies auch nachweisen, dann biete man Lösungen an – als Beispiel Ratenzahlungen. «Man muss aber auf uns zukommen», so Woodtli.

Beim Stromversorger Onyx Energie Mittelland mit Sitz in Langenthal erfolgt eine Abschaltung nur ausnahmsweise, nie unangekündigt und ist daher nur ein paar Mal vorgekommen. «Zuvor werden verschiedene andere Inkassomassnahmen ergriffen», sagt Tom Dietschi, Leiter Marketing und Kommunikation. Er spricht von Ratenzahlungen und Gesprächen mit den Kunden. «Die persönliche Situation der Betroffenen wird zudem auch berücksichtigt», so Dietschi. Die Onyx zählt rund 25 000 Kunden.

Obwohl viele erste und auch zweite Mahnungen verschickt würden, sind Abschaltungen auch bei den Industriellen Betrieben Langenthal (IBL) sehr selten, erklärt Direktor Rudolf Heiniger. Denn nach dem Mahnprozess werde eine Abschaltung erst angedroht und dann ein Kartenautomat, ein sogenanntes Prepaid-System (siehe Artikel unten), eingebaut. Bei einem solchen System wird der «normale» Zähler durch einen Kartenautomaten ausgewechselt. Der Strombezüger kann dann einen Geldbetrag auf eine Karte laden und zahlt den Strom im Voraus. Bei der IBL sind zurzeit bei knapp 10 000 Kunden 26 solcher Geräte im Einsatz. Dass die Kartenautomaten nicht öfter zum Zug kommen, hat laut IBL-Direktor Heiniger damit zu tun, dass in der Regel die Stromrechnung spätestens dann bezahlt werde, wenn der Monteur mit dem Gerät vor der Türe stehe. «Dann muss der Kunde aber auch noch den vergeblichen Aufwand des Monteurs bezahlen», so Heiniger.

Sollte es so weit kommen, dass ein Gerät eingebaut wird, verteuert sich der Strom für den säumigen Kunden. «Denn er muss dann nicht nur für den aktuellen Verbrauch, sondern auch die in der Vergangenheit aufgelaufenen Kosten bezahlen.» Bei der IBL sei der Kartenautomat die letzte Härtemassnahme. Dies werde im Einzelfall geprüft, speziell wenn zum Beispiel Kinder oder Personen mit einem medizinischen Problem betroffen seien. «Wenn der Kunde aber dann die Karte nicht auflädt, hat er es selber zu verschulden, wenn die Wohnung im Dunkeln liegt», so der Direktor.

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