Nicht nur die Solothurner CVP musste am vergangenen Wahlsonntag um ihren zweiten Nationalratssitz bangen, den sie letztlich verlor. Auch für die kantonale SP war es eine spannungsvolle Wahl: Erst gegen Ende der Auszählung war klar, dass sie auch in der 50. Legislatur mit zwei Sitzen in Bern vertreten sein wird.

Zudem sorgte auch die SP-interne Stimmenverteilung für Spannung: Auf Liste 4 («SP Süd/West») kam es zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem bisherigen Nationalrat Philipp Hadorn und Parteipräsidentin Franziska Roth. 122 Stimmen kam diese letztlich hinter ihrem Parteikollegen zu liegen.

Nicht zum ersten Mal verpasst Franziska Roth den Einzug in den Nationalrat um nur wenige Stimmen: 2011 machte sie nur gerade 28 Stimmen weniger als Hadorn. Enttäuscht sei sie darüber aber auch diesmal nicht: «Ich habe mich sehr gefreut über das Ergebnis».

Seinen Vorsprung verdankt Philipp Hadorn den 285 Panaschierstimmen, die er von EVP-Wählern erhalten hat. Kein anderer SP-Kandidat stiess bei den evangelischen Wählern auf derart viel Zustimmung.

«Ich habe mich im Wahlkampf als klar gewerkschaftlich, klar sozial und auch klar christlich positioniert», erklärt Hadorn den Zuspruch aus dem religiösen Lager. Auch er habe die Wahl mit Spannung mitverfolgt.

«Es war von Beginn weg klar, dass es knapp werden würde.» Doch auch, wenn es ihm diesmal nicht gereicht hätte, ist für ihn klar: «Der Wert einer Person hängt nicht nur von ihrer Funktion ab».

Daher wäre für ihn bei einer Nichtwahl keine Welt zusammengebrochen, auch wenn sie ihn geschmerzt hätte. Er sei als Mensch sehr gefestigt, sagt Hadorn.

Dabei helfe ihm auch seine Spiritualität: «Der Glaube ist für mich ganz klar eine Kraftquelle».

«Ganz andere Probleme»

Bisweilen scheint Hadorns christlicher Glaube auch Einfluss auf seine politischen Standpunkte zu haben. Wie auf der Wahlplattform Smartvote ersichtlich ist, ist der Gerlafinger Nationalrat beispielsweise «eher gegen» ein Adoptionsrecht für homosexuelle Paare.

Dies seien «facettenreiche Fragen», in denen man sich parteiintern vielleicht auch mal ein wenig unterscheide. Bei Adoption und Kinderwunsch stelle sich für ihn aber generell die Frage: «Kann man grundsätzlich einen Anspruch auf Kinder haben?».

Der «Nicht-Diskriminierungs-Ansatz» sei für ihn genauso wichtig, wie für den Rest der SP. «Wohl zu über 95 Prozent» seien seine Ansichten deckungsgleich mit denjenigen seiner Partei.

«Ausserdem haben wir in den nächsten vier Jahren ganz andere Probleme». Derartige gesellschaftliche Fragen würden in der kommenden Legislatur kaum ein Thema sein.

Vielmehr werde man sich der nun gefährdeten Energiewende, der Altersvorsorge sowie wirtschaftlichen und aussenpolitischen Fragen widmen müssen.

Vereinzelte Skepsis in Jungparteien

Dass eine Öffnung in Bereichen wie den Rechten gleichgeschlechtlicher Paare sehr wichtig sei, findet hingegen Brigitte Kissling, Co-Präsidentin der SP Olten. Da sie selbst Sozialarbeiterin sei, habe sie sich oft mit derartigen Fragen auseinanderzusetzen.

Daher wäre bei ihr eine persönliche Präferenz für Roth vorhanden gewesen — auch im Sinne eines Geschlechterausgleichs im Nationalrat. «Philipp Hadorn ist jedoch auf anderen Gebieten sinnvoll», und dort widme er sich der Sache mit Leib und Seele.

«In der JUSO hätten einzelne Fränzi Roth lieber im Nationalrat gehabt», erklärt deren Präsident Matthias Enggist. Denn Hadorn sei teilweise wertkonservativ, beispielsweise auch in der Frage der Abtreibung.

«In diesem Bereich teilt die JUSO sicherlich nicht die Ansichten Hadorns.» In allen anderen Fragen würden die Linien jedoch übereinstimmen. Deshalb werde sicher auch Hadorn einen guten Job in Bern verrichten.

Die Wahl Roths klar bevorzugt hätte der bestplatzierte Nationalratskandidat der Liste der Jungen SP Olten, Daniel Kissling: «Ich trete für einen laizistischen Staat ein und bin selber Atheist. Dass mir jemand mit einem Christen-Fischlein auf den Wahlplakaten nicht so nahesteht, versteht sich von selbst», gibt er offen zu.

SP-Kantonalpräsidentin Roth findet gut, innerhalb ihrer Partei unterschiedliche Meinungen zu haben: «Das belebt». Sie habe nicht erwartet, dass Hadorns Wahl bei allen Freude auslösen würde. «Das hätte ich aber auch nicht erwartet, wenn ich gewählt worden wäre.»