Wahlpaar

Stiller Schaffer Schläfli und politischer Networker Müller-Altermatt im Duell

Bauer Urs Schläfli (links) und Biologe Stefan Müller: Inhaltlich liegen die beiden Solothurner CVP-Nationalräte nicht um Welten auseinander, aber in ihrem Politik-Stil unterscheiden sie sich frappant.

Bauer Urs Schläfli (links) und Biologe Stefan Müller: Inhaltlich liegen die beiden Solothurner CVP-Nationalräte nicht um Welten auseinander, aber in ihrem Politik-Stil unterscheiden sie sich frappant.

So viel ist den beiden CVP-Nationalräten gemein: Weder Stefan Müller-Altermatt noch Urs Schläfli haben ihre Wiederwahl auf sicher.

Für diese beiden heissts im Wahlkampf Hoffen und Bangen. Wenn die Solothurner CVP ihre zwei Sitze nicht halten kann, steht einer ihrer bisherigen Nationalräte vor einem Karriereknick. Urs Schläfli aus Deitingen und Stefan Müller-Altermatt aus Herbetswil sind im Nationalrat Sitznachbarn, aber als Politiker-Typen könnten sie kaum unterschiedlicher sein.

Der bekanntere von beiden ist Stefan Müller-Altermatt, 39, eloquenter Energiepolitiker aus dem Thal, Biologe mit Doktortitel von der Uni Basel. Der quirlige Eierkopf mit Brille, Arena- und Giacobbo/Müller-erprobt, ist einer der eifrigsten Twitterer im Parlament, in dieser Zeitung kürzlich als penetranter Selbstvermarkter bezeichnet

Neben ihm wirkt Urs Schläfli, 52, mit Schnauz, bodenständig und bedächtig. Der Nebenerwerbslandwirt mit Meisterdiplom ist unfreiwillig zum Sicherheitspolitiker geworden. Ein Medienmuffel, der erst kürzlich auf Twitter einstieg, vom «Sonntags-Blick» zum grössten Hinterbänkler im Nationalrat gekürt.

Beide wurden vor vier Jahren im Sog des Bischof-Effekts nach Bern gewählt. Der 18. Oktober wird ihr Tag der Wahrheit: Schaffen sie die Wiederwahl auch ohne Pirmin Bischof auf der Liste?

Aussenwirkung unterschätzt

Das mit dem «Hinterbänkler» nervt Urs Schläfli langsam schon. Die Etikette wird er kaum mehr los. «Ich würde mich eher als stillen Schaffer bezeichnen», sagt er selbst. Aber er gibt zu: «Dass ich zu wenig wahrgenommen werde, ist wohl auch mein Fehler. Die Politik nach aussen zu tragen, ist ein Teil der politischen Arbeit. Das habe ich unterschätzt.»

Kandidaten-Spider von Urs Schläfli

Kandidaten-Spider von Urs Schläfli

Lehrgeld zahlte er im Umgang mit den Medien im Bundeshaus: Gleich in der ersten Woche äusserte er sich gegenüber der «NZZ» für eine mögliche Wahl des damaligen Bauernverbandspräsidenten Hansjörg Walter (SVP) in den Bundesrat. Dafür gabs einen Rüffel von seiner Fraktionsleitung.

Schläflis Einstieg in Bern war nicht einfach. Dass er Nationalrat wurde, stand erst am 4. Dezember 2011 fest, als Pirmin Bischof im zweiten Wahlgang zum Ständerat gewählt war – sechs Wochen nach der Nationalratswahl.

«Als ich am 12. Dezember nachträglich vereidigt wurde, musste mir Stefan die Krawatte zurechtrücken», erinnert er sich. Da waren die begehrtesten Kommissionssitze längst vergeben: «Ich erhielt einen Zettel, darauf stand die Sicherheitspolitische Kommission.» Lieber hätte er in der Landwirtschaftspolitik mitreden wollen.

Doch in der Wirtschaftskommission (WAK) war mit dem St. Galler Markus Ritter der Präsident des Schweizerischen Bauernverbandes als Bauernvertreter der CVP gesetzt. Und das bleibt wohl auch in der nächsten Legislatur so.

Mit nur zwei Jahren Kantonsrat im politischen Rucksack brauchte der Wasserämter Bauer Anlaufzeit in Bern. Mittlerweile kann er einige Erfolge nennen: Die Information der Militärbehörden über hängige Strafverfahren von Armeeangehörigen etwa oder den Einsatz von Zivildienstleistenden im Schulwesen. Schläfli leitete eine Nationalratsdelegation auf einer unangemeldeten Inspektion bei der Panzer-RS in Bure.

Und er freut sich diebisch, dass es ihm diesen Frühling gelang, die Delegierten der Solothurner FDP von einem Ja zum Radio- und Fernsehgesetz zu überzeugen – gegen die heutige FDP-Ständeratskandidatin Marianne Meister. Für die nächste Legislatur hofft Schläfli denn auch auf einen zweiten Kommissionssitz in der Verkehrs- und Fernmeldekommission (KVF). Vorausgesetzt, er wird am 18. Oktober wieder gewählt …

«Vögeliwohl» im Nationalratssaal

Blitzartig verlief dagegen der Nationalratseinstieg für Stefan Müller. «Gleich am ersten Tag wurde ich als einer der Neulinge vor die Fernsehkameras gestellt», sagt er selbst. Seither ist er bei den Medien immer wieder gefragt, galt rasch als einer der führenden Köpfe in der CVP-Fraktion und als deren Spezialist für Energie- und Raumplanungsfragen. «Müller-Altermatt» ist heute eine Polit-Marke im Bundeshaus.

Kandidaten-Spider von Stefan Müller-Altermatt

Kandidaten-Spider von Stefan Müller-Altermatt

Den Eindruck, dass er sich im Parlamentsbetrieb wie ein Fisch im Wasser fühlt, bestätigt Stefan Müller ohne Zögern: «Das stimmt zu 100 Prozent, ich fühle mich dort vögeliwohl.» Er hatte Glück, kam gleich in seine Wunschkommission Urek (Umwelt, Raumplanung, Energie). Sein Highlight war die Rolle als Kommissionssprecher zur Energiestrategie 2050.

Ein Geschäft, das er voll mitträgt: «Die Vorlage ist jetzt mehrheitsfähig und wird sich auch im Volk durchsetzen.» Zentral ist für ihn das Bauverbot für neue Atomkraftwerke, kämpfen will er noch um die vom Ständerat fallengelassenen Langzeitbetriebskonzepte für die bestehenden AKW.

Ein spezielles Erlebnis hatte Müller 2014 mit seiner Motion für die Schaffung eines Nationalen Kompetenzzentrums Boden: Der Bundesrat war dagegen, der Nationalrat unentschieden; der damalige Ratspräsident gab den Stichentscheid – dafür, weil die Abstimmung auf Müllers Geburtstag fiel. Sinnbild für einen politischen Glückspilz? Derzeit ist Müller Vizepräsident der Urek – ihm winkt das Kommissionspräsidium für die nächsten zwei Jahre. Aber auch da gilt: Nur wenn er wieder gewählt wird.

Was, wenns nicht klappt?

Klar hoffen beide, dass die CVP ihre zwei Sitze behält. Dennoch – was, wenn es am 18. Oktober heisst: Abgewählt? Stefan Müller: «Ich weiss nicht, welches der 200 Projekte auf meiner Warteliste ich dann anpacken würde. Eins denke ich schon: In meinem Leben gäbe es wieder mehr Raum für Literatur und Musik.» Urs Schläfli: «Ich weigere mich, heute darüber nachzudenken, und konzentriere mich auf den Wahlkampf. Wenn es nicht funktioniert, gehe ich zuerst mal drei Tage in die Berge.»

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