Kanton Solothurn

Still und leise abgebrochen: Vorzeigeprojekt «Raumnot» wird mangels Nachfrage eingestellt

«Raumnot»-Projektleiter Andreas Kallweit (links) im Gespräch mit Jugendlichen - ein wichtiger Teil seiner Arbeit.

«Raumnot»-Projektleiter Andreas Kallweit (links) im Gespräch mit Jugendlichen - ein wichtiger Teil seiner Arbeit.

Die Aktion «Raumnot» wollte Gemeinden im Kanton Solothurn bei Konflikten im öffentlichen Raum helfen – doch nur eine Kommune war nach der Pilotphase interessiert.

Schon die Vorschusslorbeeren waren üppig, und die Pilotphase versprach erst recht Potenzial. Kein Wunder also, begann die Aktion «Raumnot» voller Erwartungen. Vom Blauen Kreuz im Rahmen des Solothurner Gewaltpräventionsprogramms gestartet, sollten Gemeinden bei Konflikten im öffentlichen Raum unterstützt werden. Entsprechende Probleme gebe es überall und immer wieder, unterstrich das kantonale Amt für Soziale Sicherheit (ASO) bei der Lancierung im August 2016.

Doch nun ist die Aktion bereits wieder Geschichte: Das Vorzeigeprojekt wurde still und leise abgebrochen. Das Blaue Kreuz hat entschieden, «Raumnot» wegen mangelnder Nachfrage einzustellen. Bereits im vergangenen Sommer zog die Organisation für Alkoholprävention die Reissleine. Publik wird der Entscheid erst jetzt, weil der Solothurner Regierungsrat das Angebot nicht mehr in seine Jahresplanung «Gewaltprävention» aufgenommen hat.

Das Blaue Kreuz bestätigt das Aus gegenüber dieser Zeitung. «Trotz durchweg positiver Feedbacks war die Einstellung unumgänglich», sagt Philipp Frei, bei der Organisation für Innovationen zuständig. Oder wie man es beim ASO formuliert: «Im vergangenen Jahr konnte mit grossem Aufwand nur eine neue Gemeinde für das Projekt gewonnen werden.»

Nur Zuchwil war dabei

Einzig Zuchwil hat sich 2017 an «Raumnot» beteiligt. Die Wasserämter Gemeinde arbeitet nun auf eigene Faust mit dem Blauen Kreuz zusammen, der Regierungsrat unterstützt das Projekt mit einem Beitrag von 7500 Franken aus dem Lotteriefonds.

Es ist ein Problem, das nicht wenige Gemeinden kennen: Jugendliche in Gruppen, die auf öffentlichen Plätzen umherziehen und sich, wie es heisst, «auffällig verhalten». Meist werden damit Schlagworte wie Lärm, Littering oder Sachbeschädigung verbunden. Und allzu oft ist Alkohol im Spiel.

Dank der Aktion «Raumnot» sollten Gemeinden das Thema offensiv angehen können. Die Idee: Das Blaue Kreuz sucht mit allen Beteiligten nach niederschwelligen Lösungen, berät die Behörden und entwickelt Nutzungskonzepte. Vor Ort kooperiert es jeweils mit der lokalen Jugendarbeit. Die beteiligten Fachleute sollen einerseits nach Lösungen suchen, damit sich im öffentlichen Raum alle wohlfühlen. Andererseits werden den Jugendlichen auch eigene Räume zur Verfügung gestellt. Der Kanton wollte jeweils die Hälfte der Kosten übernehmen, zudem beteiligte sich der Bund über das Programm «Jugend und Gewalt». Die Ausgaben einer teilnehmenden Gemeinde sollten sich zwischen 4000 und 7000 Franken bewegen.

Im Jahr 2015 arbeitete «Raumnot» mit mehreren Pilotgemeinden zusammen, als Aushängeschild diente Trimbach. Die Gemeinde ortete grossen Handlungsbedarf: Die Jugendlichen wünschten einen Raum, wo sie unter sich sein könnten. Zum Abschluss der Pilotphase im Dezember 2015 stellte der damalige Gemeindepräsident Karl Tanner ein gutes Zeugnis aus: «Das Projekt hat uns geholfen, vermehrt mit den Jugendlichen in Kontakt zu kommen.»

Vor diesem Hintergrund schien es nur folgerichtig, dass das Projekt fortgeführt wird. Mehr noch: Das Blaue Kreuz plante nach den positiven Erfahrungen im Solothurnischen gar eine schweizweite Umsetzung.

Fehlende Jugendarbeit

Warum stiess «Raumnot» dann doch nicht auf den erhofften Anklang? Philipp Frei vom Blauen Kreuz sagt, vielerorts habe wohl kein Druck bestanden, Prävention zu betreiben. «Es herrscht offenbar die Ansicht vor, dass das Problem erst angegangen werden muss, wenn es akut ist.» Ebenso gebe es in den meisten Gemeinden keine professionelle Jugendarbeit, auch, weil dafür die Mittel fehlten. «So ein Projekt braucht jedoch eine enge Begleitung.»

Gleich ganz will sich das Blaue Kreuz aber nicht von der Aktion verabschieden. Bei Bedarf werde man weiterhin mit Gemeinden zusammenarbeiten, betont die Organisation.

Autor

Sven Altermatt

Sven Altermatt

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