Solothurn

«Sterben auf Raten» bei Mitel? Ein Weltkonzern taucht ab – und schweigt

Firmengebäude Mitel Solothurn

Firmengebäude Mitel Solothurn

Die vierte Entlassungswelle beim Solothurner Betrieb des Telekommunikations-Weltkonzerns Mitel gibt Anlass zur Sorge: Was hat das kanadische Mutterhaus vor? Antworten auf Anfragen bleiben aus und der Vorwurf des scheibchenweisen Ausblutenlassens wird immer lauter.

Bei der Mitel Schweiz AG ist der Wurm drin. Anfang September machen Arbeitgeberorganisationen bekannt, dass am Standort Solothurn des Herstellers von Kommunikationssystemen 26 von noch rund 60 Arbeitsplätzen abgebaut werden sollen.

Es ist die vierte Abbau-Welle innert weniger Jahre: 2014, als der kanadische Mitel-Konzern das Ruder übernommen hat, existierten am Standort Solothurn noch 240 Arbeitsplätze. Dass es am Ende des aktuellen Abbaus nur noch rund ein Achtel davon sein werden, lässt Zabedin Iseini von der Gewerkschaft Syna wohl nicht ganz grundlos von «Salamitaktik bis zum bitteren Ende» sprechen. Zumal: Die letzte Entlassung von über 20 Personen liegt gerade mal erst ein Jahr zurück.

Zuerst das grosse Schweigen ...

Und was sagt die Firma Mitel Schweiz AG? Erste Anfragen gingen am 6. September telefonisch an den Solothurner Standort. Dort wird nach einigem Hin-und-her an die Schweizer Zentrale in Zürich verwiesen. Die Direktionsassistentin erklärt, dass Fragen zur Zukunft des Standortes Solothurn per Mail an die Geschäftsleitung in Deutschland zu richten seien. Trotz wiederholter Nachfragen – auch direkt beim erst seit dem letzten Mai auch für die Schweiz zuständigen Managing Director Manuel Ferre Hernandez in Deutschland – bleiben jegliche Antworten aus. Ein Mediensprecher mag sich nicht melden – der Direktionsassistentin in Zürich bleiben nur Vertröstungen.

Pikant: Als Ferre Hernandez, für Deutschland zuständiger Manager, im Frühling auch Nachfolger des langjährigen Solothurner Geschäftsführers Ulrich Blatter wurde, trat er mit dem Vorsatz und Auftrag an, «weiteres Wachstum zu forcieren». Dazu, dass die Entwicklung nun offensichtlich eine ganz andere ist, mochte Ferre Hernandez nicht Stellung nehmen.

... und dann nichts als Worthülsen

Ein letzter Versuch diese Woche: In einer Mail an Manuel Ferre Hernandez (sowie an die geplagte Direktionssekretärin) bittet die Redaktion erneut um Antworten und weist darauf hin, dass das Ausbleiben von entsprechenden Informationen publik gemacht werde.

Nun erfolgt tatsächlich eine Reaktion auf die Nachfrage. Eine Mail nicht etwa aus Deutschland, wo der Gebietszuständige sitzt, sondern aus Frankreich, von Mitel France. Man bedaure, dass eine erste Antwort offenbar nicht angekommen sei.

Die Hoffnung auf Informationen und Antworten – an denen nicht zuletzt das betroffene Personal in Solothurn interessiert wäre – zerschlägt sich jedoch rasch. Was Sandrine Quinton, Senior Public Relations Manager von Mitel France schreibt, sind nichts als Worthülsen. Die «Antwort» aus 78286 Guyancourt cedex - France im Wortlaut:

«Wie alle Unternehmen muss Mitel von Zeit zu Zeit seine Unternehmensstruktur prüfen, um sicherzustellen, dass sie mit den Geschäftsanforderungen und der Marktdynamik übereinstimmt. Wir verstehen, dass diese möglichen Änderungen Verunsicherung bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verursachen können. Mitel arbeitet eng mit der lokalen Arbeitnehmervertretung zusammen, um sicherzustellen, dass alle möglichen Veränderungen im Rahmen der etablierten Prozesse angemessen berücksichtigt, kommuniziert und durchgeführt werden.»

Das «Sterben auf Raten» scheint unaufhaltsam

In den Augen von Syna-Gewerkschafter Iseini bestätigt sich zusehends das «Sterben auf Raten» von Mitel Schweiz. Die Syna habe der Arbeitnehmervertretung in der Firma ihre guten Dienste angeboten, stosse dort aber auf Zurückhaltung. Jedenfalls habe das Personal ein Anrecht auf offene Informationen zur Zukunft des Standortes, so Iseini.

Zumindest rechtlich läuft die jüngste Massenentlassung bei Mitel im gesetzlichen Rahmen ab – samt Sozialplan, bestätigt Jonas Motschi, Chef des kantonalen Amtes für Wirtschaft und Arbeit (AWA). Im Weltkonzern Mitel sei der Standort Solothurn offensichtlich «vernachlässigbar» geworden, verweist Motschi auch darauf, dass hier zuletzt kaum mehr in Forschung und Entwicklung investiert worden sei. Für das Personal sei diese Entwicklung «natürlich sehr bedauerlich», so der AWA-Chef. Aber wenn Jahr für Jahr ein Abbau stattfinde, dann sei «das Ende wohl bald absehbar».

Der Standort Solothurn von Mitel geht auf die 1922 gegründete einstige Autophon (Telefonapparate, Funkgeräte usw.) zurück. Die Firma war Anfang 1987 – bei der Fusion mit Hasler und Zellweger Uster zum Ascom-Konzern – der grösste Telekommunikationsanbieter der Schweiz. Die Ascom-Gruppe sah sich im Verlauf der Jahre zu diversen Absplitterungen gezwungen. So auch jenes Bereichs in Solothurn, der zunächst in der kanadischen Aastra aufging. Diese wiederum wurde 2014 ihrerseits (samt der Solothurner Tochter) dem ebenfalls kanadischen Mitel-Konzern einverleibt.

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Autor

Urs Mathys

Urs Mathys

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