Heftige Diskussionen fanden um die Masseneinwanderungsinitiative statt. Einige Köpfe blieben auch rot, als dann die Umsetzung da war: Inländervorrang light. Offene Stellen in Berufsfeldern, in welchen die Arbeitslosenquote bei über 8 Prozent liegt, müssen zuerst dem RAV – dem regionalen Arbeitsvermittlungszentrum – gemeldet werden.

Nach Ablauf einer 5-Tagesfrist darf auch die Firma selbst sie ausschreiben. So sollen Schweizer Stellensuchende einen Vorsprung erhalten. Eingeführt wurde diese Stellenmeldepflicht auf 1. Juli 2018. Erste Rückmeldungen aus dem Aargau oder dem Luzernischen fallen kritisch aus: Es sei ein grosser Mehraufwand, dem RAV jede Stelle zuerst zu melden. Und dann bekäme man Personen vorgeschlagen, die sich gar nicht für die Stelle eigneten. Ein Bürokratiemonster für nichts? Nicht, wenn man im Kanton Solothurn nachfragt.

Stellenmeldungen Kanton Solothurn

«Das kann auch eine Chance sein»

«Die Suppe wird nicht so heiss gegessen, wie sie gekocht wird», sagt etwa Peter Oesch, Präsident des Solothurner Gastroverbandes. «In meinen Augen ist der Aufwand machbar», sagt Oesch, der den Ablauf einmal durchgespielt hat. Er sehe in der Stellenmeldepflicht auch eine Chance: «Sie könnte Betrieben helfen, gewisse Stellen zu besetzen.»

Etwa Küchengehilfen. Aber auch Oesch räumt ein: Einen Koch, der den Anforderungen des Stelleninserates entspreche, finde man so kaum. Dies sei aber auch vorher schon schwierig gewesen. Es schiene auf jeden Fall, als machten die Arbeitgeber bisher ihren Job bezüglich Stellenmeldepflicht. 

Auf einen Blick informiert.

Das bestätigt das Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA). 1508 stellenmeldepflichtige Jobs wurden dort seit Juli gemeldet. Marc Huggenberger, stellvertretender Leiter Betriebswirtschaft: «Grundsätzlich halten sich die Arbeitgeber an ihre Pflicht und offene Stellen lassen sich mit Solothurner Stellensuchenden besetzen.» Konkrete Zahlen dazu gibt es nicht. Diese werden laut Huggenberger vom Bund zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.

Landwirte «umgehen Bürokratie»

Noch keine meldepflichtigen Stellen wurden aus der Landwirtschaft gemeldet – zumindest nach Kenntnis von Andreas Vögtli, Präsident des Solothurner Bauernverbandes; obschon etwa Hilfsarbeiter meldepflichtig sind.

Das hat einen einfachen Grund: Dieses Jahr schlossen die meisten Betriebe auf Empfehlung des Schweizer Bauernverbandes die Verträge mit ihren Erntehelfern schon vor dem 1. Juli ab. Ein einfacher Kniff, um «die Bürokratie zu umgehen», wie Vögtli erklärt. Und nächstes Jahr? «Wir hoffen, dass es bis dahin eine andere Lösung gibt», so Vögtli. Denn: In den meisten Kantonen gehen ausländische Hilfsarbeitende zwischen den Ernten wieder nach Hause und werden nicht zu Stellensuchenden in der Statistik.

Anders im Kanton Wallis, wo die Arbeiter bleiben und so die Arbeitsquote in die Höhe drücken – weshalb diese Stellen auch in anderen Kantonen meldepflichtig sind.

Mehr Aufwand für Temporärbüros

Vorwiegend Stellen für Hilfsarbeiter müssen auch in der Industrie gemeldet werden. So etwa Uhrenarbeiter. Laut Josef Maushart, Präsident des Industrieverbandes INVESO, habe man erst wenige Erfahrungen mit der Auswirkung der Stellenmeldepflicht. Hilfsarbeiter würden oft über Temporärbüros vermittelt.

Dasselbe in der Baubranche: Maler etwa sind nicht meldepflichtig – Strassenbauer schon. Viele Firmen suchten nicht aktiv nach Handlangern, heisst es beim kantonalen Baumeisterverband. Diese kämen von sich aus auf Unternehmen zu, oder würden durch Stellenvermittlungsbüros vermittelt. Das Jobbüro hat den Mehraufwand – nicht die Firma. Das bestätigt das Stellenvermittlungsbüro asoag beim Solothurner Hauptbahnhof.

Zwar könne man dem RAV in einer einzigen Mitteilung melden, wenn ein Unternehmen 10 Arbeiter mit derselben Qualifikation suche, berichtet Filialleiterin Martina Niggli. Dann müsse man aber immer fünf Tage warten – auch wenn beim RAV nach dreien schon klar sei, dass keine für die Stelle geeignete Person vorhanden ist. «Das verzögert die Arbeit.»

Wenn etwa ein Unternehmen einen meldepflichtigen Lagerist auf die Schnelle sucht, seien den Stellenberatern die Hände gebunden – ausser, beim RAV gibt es einen Kandidaten. «Wir konnten bisher schon die eine oder andere Person vom RAV vermitteln», räumt Niggli ein. Das habe man aber schon vorher gemacht. Ohne Stellenmeldepflicht und ohne 5-Tagesfrist.

Auch für den Kanton bedeutet die Stellenmeldepflicht einen Mehraufwand. Sieben neue Mitarbeitende wurden eingestellt. Laut Huggenberger vom AWA sei der Aufwand so zu bewältigen. 2020 müssen dann aber auch offene Stellen in Berufsfeldern mit einer Arbeitslosenquote von bereits fünf Prozent gemeldet werden. So könnten zusätzliche Berufe aus Solothurner Industrie, Bau und Gastronomie meldepflichtig werden, die es heute noch nicht sind.