Sömmerung

Stefan Oser und Petra Voss sind die Pferdeflüsterer von Himmelried

Stefan Oser und Petra Voss sömmern Rinder, Mutterkühe und Pferde. Letztere bildet das Paar zum Reiten und Kutschenfahren aus. Warum Oser seine Sömmerungsweide für Pferde mit einem Kindergarten vergleicht.

Den Sömmerungsbetrieb Steinegg in Himmelried im Bezirk Thierstein findet man wohl nur per Zufall oder mit einem guten Navigationsgerät. Die Strasse schlängelt sich durch hügeliges Gebiet und durch kleine Dörfer. Erst kurz vor dem Hof heisst ein Schild die Besucher auf der Bergwirtschaft Steinegg willkommen.

«Auch die Wirtschaft gehört zu uns. Wir haben sie aber an eine Familie verpachtet», erklärt Stefan Oser, während er mit dem Auto über eine Schotterstrasse auf die Weide fährt. So können sich seine Lebensgefährtin Petra Voss und er ganz auf den Hof und die Tiere konzentrieren. Seine drei Kinder aus erster Ehe leben nur noch am Wochenende auf dem Hof. 65 Rinder und Kühe und 50 Pferde tummeln sich auf den weitläufigen Sömmerungsweiden. Gemeinsam schreitet das Paar über die Weide, dicht gefolgt von einer Herde Pferde. «Die sind ganz zahm, manchmal fast zu sehr», sagt Oser. Und tatsächlich, die Tiere scharen sich um die beiden Pferdeflüsterer, beginnen an Kleidern und sogar am Auto zu knabbern.

Der «Kindergarten» für Pferde

«25 Pferde sind eigene, die andere Hälfte sind fremde», erklärt der gelernte Hufschmied. Einige sind nur während des Sommers auf dem Hof, andere sind Pensionspferde. Aber warum schickt man Pferde auf einen Sömmerungsbetrieb? «Bei uns können sie sich an der frischen Luft bewegen, sind in einer Herde und werden sozialisiert», erklärt Stefan Oser und fügt schmunzelnd hinzu: «Ein bisschen wie ein Kindergarten für Pferde». Das sei unter anderem wichtig, um die Tiere auf das spätere Einreiten und den sogenannten «Feldtest» – eine Art Zuchtprüfung – vorzubereiten.

Oser und Voss sömmern und züchten die Freibergerpferde nämlich nicht nur, sie bilden sie auch aus. «Vier bis acht Wochen Zeit benötigen wir, um ein junges Pferd einzureiten», erklären sie. «Für die Fasnacht braucht es aber mindestens zwei Jahre». Bitte, was? «Ja, mit ausgewählten Pferden nehmen wir mit der Kutsche am Umzug der Basler Fasnacht teil», sagt Voss, als wäre es das normalste der Welt. Das gelinge aber nicht mit jedem Pferd, die Charaktere seien schliesslich unterschiedlich und für die Fasnacht eignen sich Voss zufolge nur die ruhigen Pferde.

Kutschen aus dem 19. Jahrhundert

In einem Unterstand stehen, mit einer feinen Staubschicht bedeckt, einige ältere Kutschen. Das sind die Fahrzeuge für Hochzeitsfahrten und den Fasnachtsumzug? Da schreitet Stefan Oser zum Stall und öffnet eine unscheinbare Holztür. Mit einem Strahlen in den Augen zeigt er hinein und sagt: «Nein, mit dieser Kutsche fahren wir an Hochzeiten». Mitten im Raum steht, wie eine Königin, eine glänzend polierte, schwarze Kutsche.

Stefan Oser vom Sömmerungsbetrieb Steinegg ist neben Kühen auch von anderen Vierbeinern umgeben: «Pferde zu züchten ist unsere Leidenschaft.»

Stefan Oser vom Sömmerungsbetrieb Steinegg ist neben Kühen auch von anderen Vierbeinern umgeben: «Pferde zu züchten ist unsere Leidenschaft.»

Auf der Seite sind gläserne Kerzenhalter montiert, eine Lederhaube schützt die Fahrgäste vor Sonne und Regen. «Sie ist 130-jährig und war früher im Besitz von ‹Kleider Frey› in Basel», erzählt Stefan Oser. Neben der schwarzen Königin stehen etwas weniger pompöse, aber nicht weniger gepflegte Gefährte. Das Paar besitzt zudem eine alte Postkutsche, welche zurzeit restauriert werde. Der Pferdezüchter öffnet eine nächste Tür und zum Vorschein kommen Hunderte, fein säuberlich aufgehängte Pferdezäume. «Einige davon sind Erb- oder Erinnerungsstücke, andere sind einfache Arbeitszäume.»

Holzen mit wahren Pferdestärken

Stefan Oser schweift mit seinen Gedanken in die Vergangenheit ab. «Früher haben wir viele Arbeiten mit dem Pferd erledigt. «Wir haben Baumstämme aus dem Wald gezogen oder Kartoffeln angehäuft», erinnert er sich. Oser ist auf einem Bauernhof an der Grenze zum Elsass aufgewachsen, bereits sein Vater sei ein «Rösseler» gewesen. «Ich hätte gerne den elterlichen Betrieb übernommen. Aber bei uns hatte damals mein ältester Bruder Vorrang». Er selbst durfte nicht einmal Landwirt lernen, so Oser. So habe er eben zuerst Hufschmied gelernt und mit 18 Jahren seine ersten eigenen Pferde gekauft. Vor neun Jahren konnte Stefan Oser dann den Betrieb Steinegg einer Pferdezuchtgenossenschaft abkaufen.

«Noch heute verbringe ich jeden Donnerstag damit, die Hufe von Pferden aus der Umgebung zu beschlagen.» Die anderen Tage verbringt das Paar damit, Zäune aufzustellen, die Weiden zu pflegen, Unkraut auszureissen und die Pferde auszubilden. Dadurch entstehe eine Vertrauensbeziehung zwischen Mensch und Tier. «Erst kürzlich mussten wir eines der Pferde aufgrund gesundheitlicher Probleme einschläfern. Das tut dann schon sehr weh».
Die Pferde sind Stefan Osers und Petra Voss’ Ein und Alles. «Wir bleiben hier, so lange wir können», sagt Oser lachend. Zwei seiner Kinder lernen Landwirte, «wer weiss, was die Zukunft bringt».

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