Wenn heute Donnerstag bei der Sankt-Ursen-Kathedrale die neuen Gondeln der Seilbahn Weissenstein enthüllt werden, wird sich einer ganz bestimmt nicht unter die Zuschauer mischen: Heinz Rudolf von Rohr. Beharrlich hat der Präsident des Vereins Pro Sesseli für den Erhalt der alten Bahn gekämpft, ein halbes Jahrzehnt lang, manchmal auch mit harten Bandagen.

Nun meldet sich der inzwischen 75-jährige Geograf wieder zu Wort. Drei Monate, bevor die ersten Gondeln auf den Hausberg fahren sollen, sagt Rudolf von Rohr dieser Zeitung: «Was wir gerade erleben, ist schlicht ein neuer Skandal.» Der Stein des Anstosses ist ein nüchterner Satz. «Die Projektkosten betragen rund 24 Millionen Franken», heisst es in einem Regierungsratsbeschluss vom Mai dieses Jahres. 24 Millionen Franken? Tatsächlich bezifferte Rolf Studer, Vizepräsident der Seilbahn, die Investitionen vor zwei Jahren noch auf 12 Millionen Franken. Dazu kämen 3 Millionen Franken für Gebäude.

Nun wird die Seilbahn offenbar also doppelt so teuer, wie ursprünglich kommuniziert. «Eine wahre Kostenexplosion», kommentiert Rudolf von Rohr die neusten Zahlen. Für ihn ist das eingetreten, was Pro Sesseli schon immer befürchtet hat: «Die Kosten sind von der Betreiberin viel zu tief angesetzt worden.» Und die Finanzierung des Projekts, so der Solothurner weiter, «entspricht einer Fata Morgana».

«Erhebliche Zeitverzögerungen»

Rolf Studer ist es gewohnt, gegen Widerstände anzukämpfen. Spätestens seit dem jahrelangen Sesseli-Gondeli-Hickhack würde das niemand bestreiten. Auch jetzt zeigt sich der Seilbahn-Vizepräsident gelassen, mindestens nach aussen hin. Studer will zu den Vorwürfen Rudolf von Rohrs nicht Stellung nehmen. Und von einer Kostenexplosion oder gar einem Kostenbluff will er erst recht nichts wissen. «Es gibt keine Unregelmässigkeiten», sagt Studer. Im Übrigen habe man stets nur vom Bau der eigentlichen Seilbahn gesprochen. Demnach koste das Herzstück – die Seilbahn mit Technik und Gondeln – auch weiterhin 12 Millionen Franken. Studer: «Die 24 Millionen Franken umfassen die Kosten des ganzen Projekts. Diese beinhalten auch Landkäufe, Parkplätze sowie Kosten für Gebäude und Projektierung.» Zudem seien seit 2009 durch Zeitverzögerungen erhebliche Mehrkosten entstanden.

Geldgeber sind Firmen, Vereine, Gemeinden und private Gönner. Im März betrug das Eigenkapital der Seilbahn Weissenstein AG rund 14 Millionen Franken. Die genaue Zusammensetzung des Aktionärskreises ist unbekannt. Bei den Anteilen handelt es sich um Inhaberaktien, und diese sind nicht meldepflichtig.

Kanton greift Bahn unter die Arme

Bei Kritik an ihrer Finanzierung hat die Seilbahn Weissenstein AG in den vergangenen Jahren oft und gerne auf ihren privatrechtlichen Charakter verwiesen. Doch zumindest das Argument, man trage finanzielle Risiken alleine, können die Verantwortlichen kaum mehr anführen. Wie in diesem Sommer bekannt wurde, erhält die Seilbahn vom Staat nämlich ein zinsloses Darlehen von 3 Millionen Franken.

Konkret heisst das: Bund und Kanton beteiligten sich über die «Neue Regionalpolitik» mit je 1,5 Millionen Franken. Die Laufzeit beträgt 20 Jahre. Der Regierungsrat verweist in seinem Beschluss auf die zentrale Bedeutung der Seilbahn für den Tourismus Solothurns. Im Mai liess sich Baudirektor Roland Fürst (CVP) dazu so zitieren: «Die Seilbahn hat Hilfe gesucht und wir haben geschaut, was möglich ist.»

Bei der Betreiberin wird das freilich ein wenig vorsichtiger ausgedrückt. Man freue sich sehr über die Unterstützung des Kantons, sagt Verwaltungsrat Studer. «Aber es ist nicht so, dass wir unser Gesuch aus einer akuten Not heraus einreichen mussten.» Bereits 2013 sei man an die Behörden gelangt. Laut Seilbahn haben Investoren sogar «zusätzliche Gelder in Aussicht gestellt», falls über die «Neue Regionalpolitik» ein Darlehen gesprochen werde.

Namensschilder sind beliebt

In diesen Tagen wird das 4,6 Kilometer lange Gondelseil den Weissenstein hinaufgezogen. Bereits nächste Woche sollen die Seilenden verbunden werden. Und positive Signale gibt es auch von der Wirtschaftsfront: Auf der Einnahmeseite seien weitere Erfolge zu verzeichnen. Jede der 49 Gondeln soll einen Paten erhalten. Stolze 5000 Franken kostet ein Namensschild in einer der Kabinen. Doch: «Fast alle Namensschilder sind verkauft», sagt Rolf Studer. Die Werbeflächen an den Seilbahnmasten seien sogar ausgebucht.

Ob Heinz Rudolf von Rohr diese jemals zu Gesicht bekommen wird? Trotz Protest wolle er die Gondeln nicht boykottieren, sagt der Präsident von Pro Sesseli. « Zu tun gibt es ja noch genug.» Der Verein, so viel scheint klar, will auch künftig von sich hören lassen – dann halt eben im Kampf für einen naturbelassenen Weissenstein.