Start der Filmtage
Alain Berset im falschen Film – oder: Wie der Gesundheitsminister an den Filmtagen eine falsche Normalität vortäuscht

Die Fallzahlen steigen, Wissenschafter warnen. Trotzdem finden die Solothurner Filmtage vor Ort statt - und eröffnet werden sie erst noch von Gesundheitsminister Alain Berset höchstpersönlich. Ein falsches Zeichen oder ein Start zurück in die Normalität? Eine Analyse.

Lucien Fluri
Lucien Fluri
Drucken
Alain Berset eröffnete bereits 2018 und 2020 die Solothurner Filmtage.

Alain Berset eröffnete bereits 2018 und 2020 die Solothurner Filmtage.

Hanspeter Bärtschi

Die Fallzahlen steigen, Firmen leiden unter den Quarantänevorschriften, vor wenigen Tagen waren die Intensivstationen der Solothurner Spitäler noch bis auf den letzten Platz besetzt. Diese Woche nun besucht Gesundheitsminister Alain Berset den Kanton. Nicht etwa, um sich mit der Coronasituation zu befassen. Sondern um die Filmtage zu eröffnen.

Fasnachtsanlässe sind abgesagt, der Kanton hat die Gemeinden dringend gebeten, bis in den Frühling keine Anlässe zu genehmigen. Aber am Mittwochabend startet mit den Filmtagen einer der grössten Publikumsanlässe überhaupt im Kanton. Tausende sollen, aus der ganzen Schweiz, nach Solothurn reisen.

Sie werden nicht nur mit Masken in den Kinosälen sitzen. Sie werden danach miteinander diskutieren, sich in Restaurants treffen, in geselliger Runde Wein trinken. Ist es wagemutig oder leichtsinnig, einen solchen Anlass durchzuführen? Soll man sich freuen, dass das endlich wieder möglich ist? Dass die Filmtage wieder vor Ort stattfinden? Oder sollte man Bedenken haben aufgrund der Pandemie? Ist die Austragung vor Ort ein untrügliches, wenn vielleicht auch gewöhnungsbedürftiges Zeichen dafür, dass nun die Normalität kommt, dass wir bald wieder bessere Zeiten haben? Oder ist es ein Durchstieren, das das Steigen der Fallzahlen anheizt?

Ein Trötzeln gegen den Pandemiekoller

Für die Filmtageorganisatoren ist die Sache klar. Sie lassen sich nicht beirren. Eine Absage scheint nicht infrage zu kommen. Ihr Credo: Solange die Behörden den Anlass nicht verbieten, wird er durchgeführt. Das ist nicht nur ein – nicht ganz unsympathisches – Trötzeln gegen den Pandemiekoller.

Man kann getrost argumentieren: Wenn es erlaubt ist, ins Kino zu gehen, können auch in Solothurn Kinosäle gefüllt werden. Das Leben war genug beschnitten worden in den vergangenen zwei Jahren, um sich nun auch noch freiwillig und in vorauseilendem Gehorsam einzuschränken.

Dennoch bleiben Zweifel und ein mulmiges Gefühl über den Grossanlass. Die Fallzahlen steigen in neue Höhen. Die Wissenschaft warnt vor unterschätzten Long-Covid-Folgen und davor, dass das Gesundheitssystem wieder an die Grenzen kommen könnte. Verstärkt wird dieses Gefühl der Ungewissheit durch das kommunikative Vakuum, in dem uns Bundesrat – und Regierungsrat – lassen. Wir wissen nicht genau, wo wir jetzt eigentlich stehen. Man weiss nicht mehr so genau: Ist jetzt alles nicht mehr so schlimm?

Der Bundesrat schien vergangene Woche keinen grossen Handlungs­bedarf zu sehen. Entwarnung wird aber nicht gegeben. Am Freitag sagte Berset gegenüber dem Westschweizer Radio, für Geimpfte sei Corona nicht schlimmer als eine Grippe. Gleichzeitig warnte er, dass durch die hohen Ansteckungszahlen die Spitäler nochmals vor eine Belastungsprobe kommen.

Eine Regierung, die sich nicht stressen lässt

Die Solothurner Regierung blieb zwischen Weihnachten und Neujahr, als die Intensivbetten voll waren, quasi auf Tauchstation. Das sendete das Signal aus: Alles im Griff. Auch das Bildungsdepartement liess sich den ganzen Dezember über nicht stressen, während andere Kantone Masken für die ganz Kleinen und Tests an den Schulen anordneten. Dann, am 24. Dezember (!), kam plötzlich eine Maskenpflicht für Drittklässler. Vergangene Woche der nächste Eilbeschluss: Ab heute Montag müssen Erstklässler die Maske tragen. Eine Hauruck-Aktion für Schulen und Eltern.

Alain Berset eröffnet also die Filmtage. Es wirkt, also ob ein Stück Normalität zurückkehrt. Doch die vermeintliche Normalität wirkt zu erzwungen, um normal zu sein. Wir wüssten lieber, wo wir genau stehen, als zu wissen, hinter welchem Mikrofon der Gesundheitsminister am Mittwochabend stehen wird.

Aktuelle Nachrichten