Versicherungsschutz
Starke Erdbeben-Schäden sind nicht gedeckt

Würde es im Kanton Solothurn ein starkes Erdbeben geben, entstünden Gebäudeschäden in bis zu 200 Millionen Franken. Eine Versicherung übernimmt Kosten aber nur, wenn der Hauseigentümer speziell gegen Erdbeben versichert ist.

Morena Adimari
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Solche Schäden, wenn sie von einem starken Erdbeben herrühren, sind in der Schweiz nicht abgedeckt. Symbolbild

Solche Schäden, wenn sie von einem starken Erdbeben herrühren, sind in der Schweiz nicht abgedeckt. Symbolbild

Chris Iseli

Solothurn 1853, ein starkes Erdbeben erschüttert die Stadt und verursacht sogar an der St.-Ursen-Kathedrale Schäden. Heute würde ein solches Ereignis, je nach Szenario, örtliche Gebäudeschäden in einer Höhe von 32 oder 200 Millionen Franken verursachen.

Dieser Schluss kann aus den Berechnungen des Pools für Erdbebendeckung entnommen werden. Dabei wurden durch die Kalkulation des Schadenausmasses historischer Erdbeben die Zahlen auf die heutige Zeit übertragen.

Die Versicherungssituation in einem solchen Ernstfall erwiese sich als höchst problematisch: Versicherungstechnisch ist der Hauseigentümer bei Erdbebenschäden auf sich gestellt. Erdbeben gelten in der Schweiz nämlich nicht als Elementarschäden. Es wird gänzlich dem Hauseigentümer überlassen, ob er sich überhaupt gegen ein Erdbeben versichern möchte.

Mehr Anfragen bei Versicherung

Nach der Erdbebenkatastrophe von 2009 in L’Aquila und spätestens seit den letzten Beben im laufenden Jahr rückt die Erdbebenthematik wieder mehr ins Interesse sowohl bei der Bevölkerung wie auch in der Politik. Wie auch Alain Rossier, Direktor der Solothurnischen Gebäudeversicherung (SGV), feststellt: «Seit den schweren Erdbeben in Italien ist diese Thematik aktueller denn je, es kann beispielsweise beobachtet werden, dass vermehrt nach Erdbebendeckungen gefragt wird.»

Die Erdbeben in Italien 2016 Die Richterskala zeigt am 24. August ein Beben der Stärke 6 an. Nur wenige Stunden später gibt es ein Nachbeben, das noch stärker ist. Die Beben waren in weiten Teilen Mittelitaliens zu spüren gewesen – vor allem in Perugia, aber auch in Rom, Neapel und Florenz.
11 Bilder
24.August 2016 Überall wird nach Überlebenden gesucht. Fast 300 Menschen kommen ums Leben gekommen.
24.August 2016 Einige der Ortschaften werden teilweise dem Erdboden gleichgemacht; wie hier Amatrice.
27.August 2016 Italien trauert: Offizieller Staatsakt für die Beerdigung einiger der Opfer in Ascoli Piceno mit dem italienischen Staatspräsidenten und Premier Renzi.
26.Oktober 2016 2 Monate nach dem verheerenden Beben wird die Erde in Italien erneut erschüttert. Zwei Beben mit 5,4 und 5.9 auf der Richterskala werden registriert.
27.Oktober 2016 Der heftigste Erdstoss wird nahe der Ortschaft Visso südöstlich von Perugia gemessen. Ganze Häuser werden zerstört, wie ein Augenschein am Tag nach dem Beben zeigt.
27.Oktober 2016 Einwohner verlassen mit einigen Habseligkeiten ihre Häuser
30.Oktober 2016 Nur drei Tage später: Ein Beben von 6,6 mit Epizentrum 6 km nördlich von Norcia sorgt für grosse Schäden
30.Oktober 2016 Feuerwehrleute räumen in Norcia die Strasse frei
30.Oktober 2016 In Norcia und auch in anderen Dörfern gibt es Verletzte
30.Oktober 2016 In anderen betroffenen Dörfern (wie hier Rapino) waren die Schäden teilweise nicht so gross.

Die Erdbeben in Italien 2016 Die Richterskala zeigt am 24. August ein Beben der Stärke 6 an. Nur wenige Stunden später gibt es ein Nachbeben, das noch stärker ist. Die Beben waren in weiten Teilen Mittelitaliens zu spüren gewesen – vor allem in Perugia, aber auch in Rom, Neapel und Florenz.

Keystone

Die Menschen scheinen eher sensibilisiert; wie lange dies anhält, ist aber noch offen. Christoph Geiser, Präsident des Hauseigentümerverbandes Region Solothurn, meint dazu: «Längerfristig machen sich die wenigsten Gedanken über eine Erdbebenversicherung.»

Pool-Mitgliedschaft freiwillig

Es gibt einen kantonsübergreifenden Erdbebenpool, dem die Solothurnische Gebäudeversicherung zusammen mit 17 weiteren Kantonen angeschlossen ist. Auf freiwilliger und solidarischer Basis können die Mitglieder diesen Pool seit 1978 mit Beiträgen äufnen. Die Konditionen sind klar definiert: Insgesamt zwei mal zwei Milliarden könnten ausgezahlt werden, aber nur im Falle eines Bebens ab Stärke 7 der Richterskala. Weil keine Prämien bezahlt werden, darf niemand klagbaren Anspruch auf die Gelder erheben. Sollten die Schäden höher als zwei Milliarden sein, wäre die Auszahlung folglich kürzer.

Wie Alain Rossier erklärt, stellt der Erdbebenpool «eine gute Deckung für kleinere bis mittlere Schäden dar», für ganz grosse Schäden wäre dieser jedoch nicht ausreichend. Der Bundesrat hat, wie in einer Stellungnahme des Regierungsrates zu einer Interpellation von Kantonsrat Dieter Leu (CVP) festgehalten wurde, eine Versicherungslücke festgestellt: Im Ernstfall gäbe es in der Schweiz keine Schadenorganisation, die sowohl für die Schadenaufnahme und Bewertung als auch für die Kontrolle des Geldflusses zuständige wäre.

Wie Alain Rossier erklärt, darf diesbezüglich nicht vergessen werden, dass eine Schadenorganisation auch mit Kosten verbunden ist: «Wenn ein massives Erdbeben wie in Basel 1356 stattfände, würden sich die Kosten für die sicherlich einjährige Arbeit der Schadenorganisation auf geschätzte 300 Millionen belaufen.»

Auch für Christoph Geiser scheint es wichtig, den Aufbau einer Schadenorganisation in Erwägung zu ziehen. «Hauptsächlich die einzelnen Versicherungen sollten hierfür sorgen», betont Geiser. Mittels Statistiken könnten die tatsächlichen Schäden erhoben werden, dann könne man die Folgegeschäfte vorbereiten. Die Notwendigkeit einer Schadenorganisation scheint auf breite Zustimmung zu stossen. Gemäss Regierungsrat wird diesbezüglich
auf einen bundesrätlichen Auftrag gewartet.

Nationale Erdbebenversicherung?

Eine mögliche Lösung, die auch das Problem der Schadenorganisation beheben würde, könnte eine gesamtschweizerische Gebäudeversicherung sein. Eine 2012 im Ständerat überwiesenen Motion Fournier «Obligatorische Erdbebenversicherung» regt dies an. Wegen mangelnder Unterstützung durch die Kantone wurde die Motion nicht umgesetzt – «gestorben» ist sie aber auch nicht gänzlich: Die kantonalen Regierungen sollten nun weiter über das Thema diskutieren. Die Befürworter hoffen auf einen Konsens zwischen privaten Versicherern, kantonalen Gebäudeversicherern und Hauseigentümern.

Die Gegner einer gesamtschweizerischen Erdbebenversicherung erachten eine solche Einrichtung rundweg als unnötig: Unabhängig von einer Versicherung müsse der Bund auf jeden Fall finanziell eingreifen und die betroffene Region unterstützen, folglich wäre es wenig sinnvoll, im Voraus und vielleicht umsonst eine Prämie zu bezahlen. In der Schweiz bestehe ein eher geringes Erdbebenrisiko, so Christoph Geiser.

Eine Versicherung sei nur in einigen Gebieten des Landes nötig, wo ein höheres Risiko bestehe. Geiser: «In unserer Gegend wurden Erdbebenversicherungen nur sehr selten effektiv abgeschlossen.» Bei all diesen Diskussionen dürfe nicht vergessen werden, dass die neueren Bauten in der Schweiz eine gute Bauqualität aufweisen.

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