Langenthal

Stadtpräsident Thomas Rufener: «Das Geld löste neue Debatten aus»

Nimmt Abschied: Stapi Thomas Rufener in dem im Umbau befindlichen Stadttheater Langenthal – das sein Urgrossvater einst mitgründen half.

Nimmt Abschied: Stapi Thomas Rufener in dem im Umbau befindlichen Stadttheater Langenthal – das sein Urgrossvater einst mitgründen half.

Der Langenthaler Stadtpräsident Thomas Rufener zieht nach zehn Jahren Bilanz. Und sagt, was er nun vorhat.

Nach zehn Jahren ist Schluss. An Silvester tritt Thomas Rufener als Stadtpräsident von Langenthal ab. Beim Abschiedsgespräch stapeln sich im Büro bereits Kisten. Schon in der Altjahrswoche zieht Nachfolger Reto Müller (SP) ein. Nach einem Titel gefragt, sagt Rufener: «Eine Ära geht zu Ende.» Und als Privatperson, ergänzt der 63-Jährige, würde was passen à la «Ein interessanter Lebensabschnitt ist vorbei».

Erinnern Sie sich noch an Ihre 100-Tage-Bilanz?

Thomas Rufener: Nein, die Berichte dazu habe ich nie mehr angeschaut.

Nach acht Jahren sparen als Finanz-Gemeinderat konnten Sie für 2006 sagenhafte 101,005 Millionen Franken Gewinn verkünden. Ein traumhafter Einstieg als Stapi?

Finanzpolitisch wurde das Regieren natürlich einfacher, dafür bin ich dankbar. Wir konnten teilweise seit Jahrzehnten diskutierte Projekte wie die Neugestaltung des Wuhrplatzes, die Sanierung der Marktgasse, der Schulhäuser oder aktuell des Stadttheaters endlich realisieren. Auch die Eisbahn konnte entschuldet werden. Bei all dem spürte ich ein grosses Vertrauen, und wir wurden nicht gross bekämpft.

Kein Wunder, auch die Steuern sanken massiv – von 1,62 auf 1,38 Zehntel!

Entscheidend scheint mir, dass der Steuerertrag heute fast wieder so hoch ist. Sprich: Die wirtschaftliche Stärke hat sich sogar deutlich verbessert. Ich möchte aber auch betonen: Die ganze Diskussion um den Verkauf der Onyx-Aktien war für mich nicht immer einfach, schliesslich war mein Urgrossvater – der um die Jahrhundertwende Gemeindepräsident war – Mitgründer des EW Wynau.

Mit dem Polster regierte es sich dann leicht?

(Schmunzelt) Das sagen Sie! Punkto Eigenkapital stehen wir heute natürlich gut da. Das Geld löste aber auch ganz neue Debatten aus, wie man damit umgehen soll.

Obwohl Sie das immer anpacken wollten, zehrt die Stadt noch heute vom Eigenkapital!

Wer investiert, muss abschreiben. Das neue Rechnungsmodell HRM2 kommt uns da etwas entgegen. Zudem sind Fremdmittel heute fast gratis. Klar ist aber: Um das strukturelle Defizit wegzubekommen, müsste man die Ausgaben weiter im Auge behalten.

Auch ein Stadtgespräch übergeben Sie Ihrem Nachfolger: Wann öffnet die Alte Mühle wieder?

Sie ist offen (lacht). Mir ist wichtig, dass das Gebäude belebt ist. Und die Zwischennutzung mit dem Stadttheater scheint gut zu laufen. Welche Rolle Stadt und Private künftig spielen, soll der neue Gemeinderat entscheiden.

Auch Kita-Plätze bleiben Mangelware.

In kleinen Schritten kommen wir voran. In diesem Jahr beispielsweise haben wir 14 neue Plätze eröffnet. Aber auch hier gilt: Es gibt Alternativen zu staatlichen Angeboten, die Familien dienen können.

Themawechsel: Langenthals Bevölkerung wächst jedes Jahr ein Prozent: Bereitet das Ihnen keine Sorgen?

Im Gegenteil! Ein gewisses Wachstum, bei dem die Infrastruktur mithalten kann, scheint mir erstrebenswert. Ein Zehntel der 1500 Zuzüger aus meiner Zeit stammt zudem aus der Fusion mit Untersteckholz. Und gerade älteren Menschen bieten wir die Möglichkeit, alles Nötige
in erreichbarer Distanz zu finden. Am wichtigsten ist mir aber, dass die Leute hier Arbeit finden. Was man dabei gern verkennt: Es hat so viele Arbeitsplätze, dass auch fast alle Kinder und Senioren hier arbeiten könnten! Ein schönes Beispiel ist natürlich die Ansiedelung des Europa-Hauptsitzes der Firma 3M mit bis zu 300 neuen Arbeitsplätzen.

Ein Ende des Booms scheint nicht absehbar. Und wenn die Verkehrsanbindung mit dem Autobahnzubringer Oberaargau noch attraktiver wird, wird nebst der Zersiedelung auch der Preisdruck weiter steigen …

… gerade als Landwirt stehe ich hier natürlich in einem Konflikt. Es geht bei diesem Projekt aber nicht darum, zwischen Städten schneller pendeln zu können, sondern neue Arbeitsplätze aufbauen zu können. Nebst neuen Stellen in Dienstleistungs- und Verwaltungsbetrieben war mein Ziel immer, dass wir auch richtige Arbeitsplätze bieten, die eine Wertschöpfung bringen.

Aber eben, als Landwirt muss Ihnen das Herz bluten, wenn Boden verloren geht?

Ich weiss ebenso gut, dass man irgendwann eine Gesamtschau machen und dann eine verhältnismässig vertretbare Lösung finden muss. Beim öffentlichen Verkehr haben wir das Problem, dass wir nur den Halbstundentakt haben und sich die Züge innerhalb von zehn Minuten kreuzen. Das erschwert die Feinerschliessung erheblich. Die neue Strasse ist aber auch noch aus einem ganz anderen Grund wichtig: Vor hundert Jahren kam die Industrie wegen der Bahn und der Energieversorgung aus dem Hinterland nach Langenthal. Heute liefert die Strassenerschliessung diesen Impulscharakter. Und gerade am Jurasüdfuss ist in den letzten Jahren extrem viel gegangen.

Apropos Landwirtschaft: Sie waren wohl der einzige Stapi, der jeden Morgen vor der Arbeit um seinen Hof läuft?

(Lacht) Das ist vielleicht eben gerade gut so! Ich habe noch gelernt, dass man erst säen muss, wenn man etwas ernten will. Dazu muss man die Frucht bis zum Schluss pflegen. Denn bis zur Ernte gibt es viele Feinde, Schädlinge und Unkraut oder Krankheiten. Natürlich kann man auch alles einfach sein lassen und am Ende beim Detailhändler einkaufen. Mein Anliegen – auch in der Politik – ist es immer gewesen, etwas von Anfang an bis zum Schluss zu begleiten. Diese Umsicht kommt unserer Gesellschaft gelegentlich abhanden.

Waren Sie damit ein einsamer Stapi?

Das kann sein. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich deswegen etwas verpasst hätte.

Auch sonst galten Sie als Stapi zum Anfassen: War das mehr Bürde oder Freude?

Dieses öffentliche Leben gehört einfach dazu. Ich hatte keine Berührungsängste und
es hat mich auch nie belastet. Wenn schon empfand ich die Begegnungen auf dem Märit oder an Anlässen als Bestätigung für meine Arbeit. Klar ist das bisweilen vor allem für das private Umfeld gewöhnungsbedürftig. Aberauch die Stadtpräsidenten-Sprechstunde wurde genutzt, im Grunde aber habe ich sehr wenig eigene Kompetenzen. Das vergessen die Bürger leicht. Am Ende entscheidet in den allermeisten Fällen der Gemeinderat.

Und was machen Sie nun mit all der zurückgewonnenen Zeit?

Davon reden alle. Ich zweifle aber daran, dass es mir langweilig wird. Vor allem freue ich mich darauf, dass ich nun wieder selber über meine Agenda entscheiden kann. Sicher werde ich nun wieder mehr Zeit haben für meine Familie. Beim Alterszentrum Haslibrunnen, bei der ASM und in der Bären AG werde ich mich aber weiter engagieren. Und sicher werde ich nun öfter auch auf dem Hof wieder Hand anlegen.

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