Staatsarchiv

Staatsarchiv muss definieren, welche Dokumente ins Archiv kommen

Ist auf Ordnung bedacht: Staatsarchivar Andreas Fankhauser findet trotz 9000 Laufmeter Papier meist das richtige Blatt.

Ist auf Ordnung bedacht: Staatsarchivar Andreas Fankhauser findet trotz 9000 Laufmeter Papier meist das richtige Blatt.

Andreas Fankhauser ist der Herr über das Solothurner Staatsarchiv. Ohne Ordnung findet er nichts. Einige Ämter spielen aber nicht mit. Jetzt muss das Staatsarchiv genau definieren, welche Dokumente abgeliefert werden sollen.

Es geht um viel mehr als um irgendwelche Akten. Staatsarchivar Andreas Fankhauser hält das Mail eines ehemaligen Verdingkindes in den Händen. Ein älterer Mann möchte jetzt endlich etwas zu seiner Identität erfahren.

Eigentlich beginnt jetzt die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. 9000 Laufmeter Akten und Hunderttausende Seiten Papier sind im Staatsarchiv gelagert. «Und die Leute erwarten, dass wir genau die eine benötigte Information auf irgendeinem Blatt finden», sagt Fankhauser. Anfragen gibt es zahlreiche: Angehörige von Mordopfern möchten in den Gerichtsakten Informationen finden, Familienforscher und Wissenschafter sichten die Zivilstandsregister, die bis ins 16. Jahrhundert zurückgehen, und Juristen finden an der Bielstrasse die Dokumente, die bestimmen, wer bei Altlastensanierungen zahlen muss. «Wir sind manchmal die Einzigen, die helfen können», sagt Fankhauser. Nur ein ausgeklügeltes Ordnungssystem ermöglicht es, dass die entscheidenden Dokumente überhaupt auffindbar sind.

Doch die Ordnung ist in Gefahr. Dem Langzeitgedächtnis des Kantons drohen Lücken und unkontrollierte Datenverluste. Dies hat die Geschäftsprüfungskommission des Kantonsrates festgestellt. Der Grund liegt bei der kantonalen Verwaltung. «Höchst unterschiedlich» sei dort die Aktenführung, so die Kommission.

Mit Möbelwagen vorgefahren

Umzüge haben sich als besonders heikel erwiesen. Da haben einige Ämter gleich alle Akten entsorgt, andere haben den Möbelwagen vollgepackt und sind damit beim Staatsarchiv vorgefahren. Zwar sind dann die Akten noch vorhanden, der Inhalt ist aber ebenso verloren: Was unsortiert ins Archiv kommt, das wird inhaltlich nie mehr konsultierbar. «Diese Informationen sind nicht mehr zugänglich», sagt Fankhauser. «Wir haben kein Personal, um dies aufzuarbeiten.» Jahre vergehen mit dem Sichten einzelner Blätter. Einige Amtsstellen haben gar Dinge gebracht, die nie hätten abgeliefert werden müssen, etwa Quittungen von Einkäufen.

Jetzt muss das Staatsarchiv bei jeder Dienststelle genau definieren, was künftig ins Staatsarchiv kommt. Aber allein bis die Archivare wissen, welche Dokumente eine Amtsstelle überhaupt produziert, vergehen manchmal Wochen oder Monate. Dann muss ein Registraturplan erarbeitet werden. Und mit der genauen Ordnung muss das Staatsarchiv auch bestimmen, welche Unterlagen künftig nicht mehr an die Bielstrasse kommen. – Die Solothurner Gerichte etwa bewahren heute immer noch sämtliche Prozessakten auf. Langfristig, so Fankhauser, reicht dafür der Platz im Archiv gar nicht aus.

Und anders als sich das einige Amtsstellen vorstellen, sind platzsparende CDs für das Staatsarchiv keine Lösung. Denn wer kann garantieren, dass abgelieferte CDs in 20 Jahren noch gelesen werden können? Die digitale Langzeitspeicherung stellt für die Archive eine der grössten Herausforderungen dar. «Unsere Aufgabe ist, dass der Überlieferungsfaden nicht abreist», sagt Fankhauser.

Bedingte Hilfe für Verdingkinder

Seit April ist das Staatsarchiv beauftragt, Verdingkinder und administrativ Versorgte bei der Aufarbeitung ihrer Geschichte zu helfen. Seither hat bereits eine Frau – einst administrativ versorgt – Details zu ihrem Leben angefragt. «Es gibt Leute, die erwarten, dass sie hier ein Dossier über ihr Leben finden», sagt Fankhauser. Doch helfen können der Staatsarchivar und seine Mitarbeitenden nur bedingt, viele Akten befinden sich nicht im Staatsarchiv. In den Gemeinden waren Vormundschaftskommissionen oder Bürgergemeinden für die Fälle verantwortlich, Armenerziehungsvereine, Hilfswerke oder Kirchen waren an der Unterbringung beteiligt.

«Was ist 40 Jahre später noch archiviert, wenn ein Solothurner Kind im St. Galler Rheintal untergebracht wurde», fragt Fankhauser. «Vielen Leuten können wir nur aufzeigen, wo sie weitere Informationen finden.» Bei der Frau, die im Frühling angefragt hat, konnte Fankhauser sieben Jahre des Lebens rekonstruieren – alles aus einzelnen Blättern zusammengesucht. «Für einige Menschen sind wir nichts Positives. Sie verbinden uns mit Staub und Altpapier», sagt Fankhauser. Für andere ist der Betonbau an der Bielstrasse genau der Ort, wo die entscheidenden Informationen liegen.

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