Eigentlich sieht Ueli P.* aus wie der nette Nachbar, genau so, wie man ihn sich wünscht. Doch am Dienstag musste sich der ungelernte Hilfsarbeiter wegen fünf sehr unterschiedlichen Delikten vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern verantworten. So hatte Ueli P. vom 4. bis 6. April 2011 dem in der Zwischenzeit bereits zu 16 Jahren Gefängnis und Verwahrung verurteilten Messerstecher Unterschlupf gewährt, der im Grenchner Luxory Club einen Türsteher getötet hatte (wir berichteten).

Die Anklage lautete auf Begünstigung. «Er wollte bei mir schlafen, er habe Probleme mit dem Vater», rechtfertigte sich Ueli P., der sich am Abend der Messerstecherei ebenfalls im «Luxory» aufhielt. «Ich wusste nur, dass jemand umgebracht worden war, ich wusste nicht, dass er es war.»

Opfer leidet heute noch

In sich hat es auch der Anklagepunkt der fahrlässigen Körperverletzung. Der 29-jährige Grenchner hatte nach durchzechter Nacht am Morgen des 29. April 2012 mit einem Freund Charles C.* vor dem Grenchner Südbahnhof einen gewaltigen Unfug aufgezogen, den ein Zeuge als «Affenzoo» bezeichnete. In dem Gerangel nahm er seinen Kumpel in den «Schwitzkasten» und hob ihn über die Schulter.

Nach einem 30-sekündigen Würgegriff setzte Ueli P. seinen Kumpel wieder auf den Boden, doch der war ohnmächtig geworden. Charles C. knallte ungebremst mit dem Hinterkopf auf den Beton. «Er fiel um wie eine Bahnschranke», sagte der Zeuge, den lauten Knall werde er nicht so schnell wieder vergessen.

Charles C. erlitt einen Schädelbruch mit Hirntrauma und Gehirnblutungen. Nach fünf Wochen in Spital und Reha-Klinik war Charles C. während mehr als einem Jahr arbeitsunfähig. Heute arbeitet er zu 70 Prozent als Maurer und macht geltend, noch immer nichts zu riechen, ständig müde zu sein und unter Schwindel zu leiden. Rechtsanwältin Stephanie Selig, die das Opfer vertrat, forderte deshalb Schadenersatz und Genugtuung von insgesamt
10 000 Franken.

«Wir machten nur Spass, er wollte das auch so, es war nicht ernst gemeint», erklärte der Angeklagte den «Affenzoo». Es sei alles nur ein unglücklicher Unfall gewesen. Rechtsanwältin Cornelia Dippon Hänni, die Ueli P. verteidigte, zog einen interessanten Vergleich zum Sport: «Auch da nehmen alle Beteiligten freiwillig teil und gehen ein gewisses Risiko ein. Charles C. wollte den Kampf aus Spass, er hat ebenfalls freiwillig mitgemacht.»

Die weiteren drei Anklagepunkte machten da den Braten auch nicht mehr fett. So fuhr Ueli P. mit dem von seinem Bruder am 26. April 2009 an der Däderizstrasse gestohlenen Opel Astra mit ebenfalls gestohlenen Nummernschildern herum, und er gestand, regelmässig Marihuana geraucht zu haben. Diese drei Delikte gestand der Angeklagte denn auch ohne Einschränkungen ein.

34 Monate Gefängnis gefordert

In ihrem Plädoyer führte Staatsanwältin Melanie Wasem die Vorstrafen wegen Verstosses gegen das Waffengesetz (2003) und Körperverletzung (2009 schlug er einem Mann an der mia eine Flasche über den Kopf) ins Feld. Sie forderte in allen Punkten Schuldsprüche. «Er handelte mit direktem Vorsatz. Einen Mordverdächtigen zwei Nächte zu beherbergen und ihn vor der Polizei zu verbergen, ist an Dreistigkeit kaum zu überbieten», argumentierte sie bei der Begünstigung.

Die Verteidigung forderte einen Freispruch bei der Begünstigung, weil Ueli P. gar nicht gewusst habe, dass sein Freund von der Polizei gesucht wurde. «Es war ein Unfall, der aus einem Spass hervorging», begründete die Verteidigerin den Antrag auf Freispruch bei der fahrlässigen Körperverletzung. Für die drei eingestandenen Anklagepunkte beantragte sie eine Geldstrafe. Das Urteil wird heute Mittwoch bekannt gegeben.

*Namen von der Redaktion geändert.