Häusliche Gewalt
Staatsanwälte schicken nur wenige Prügler zur Therapie - Programm wird abgebrochen

Der Kanton Solothurn bricht den Versuch mit einem «Besserungskurs» für Prügler ab. Er will stattdessen mit mehreren spezialisierten Gewaltberatern innerhalb des Kantons zusammenarbeiten.

Stefan Frech
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Schlagende Partner und Väter: Das erfolgreiche Präventionsprogramm stiess im Kanton Solothurn auf zu geringe Resonanz.

Schlagende Partner und Väter: Das erfolgreiche Präventionsprogramm stiess im Kanton Solothurn auf zu geringe Resonanz.

Keystone

«Wir haben beschlossen, das Ende Jahr auslaufende Projekt nicht weiterzuführen», erklärt Ursula Brunschwyler, stellvertretende Chefin des kantonalen Amts für soziale Sicherheit (ASO). Seit August 2010 konnten Solothurner Männer, die ihre Frauen oder Kinder schlagen und bedrohen, in ein halbjähriges Therapieprogramm geschickt werden (wir berichteten mehrfach). Das ASO rechnete mit zehn Teilnehmern pro Jahr.

Doch: Die Staatsanwaltschaft, die Gerichte und die Sozialdienste der Gemeinden verpflichteten nur ganz selten Prügler zum Besuch des «Lernprogramms gegen häusliche Gewalt für Männer» in Liestal BL. In den letzten drei Jahren waren es gerade mal 6 Männer: 2 wurden von der Staatsanwaltschaft verpflichtet (bei 70 bis 100 Verurteilungen pro Jahr), 2 schlossen bei der Staatsanwaltschaft mit dem Opfer einen Vergleich und 2 wurden von einem Sozialdienst zugewiesen. Kein einziger Richter hat vom Angebot Gebrauch gemacht. Immerhin: Fünf Prügler waren Manns genug und meldeten sich freiwillig für den Kurs an.

Neu mit mehreren Gewaltberatern

Und jetzt? Geht der Kanton nicht mehr präventiv gegen häusliche Gewalt vor? «Doch, wir wollen aber künftig mit mehreren spezialisierten Gewaltberatern innerhalb des Kantons zusammenarbeiten», sagt Brunschwyler. «Bis Ende Jahr präsentieren wir das neue Konzept.»

Zahl der Fälle steigt stark

Die Zahl der Fälle von häuslicher Gewalt ist im Kanton Solothurn in den letzten Jahren stark gestiegen. Während die Kantonspolizei Solothurn 2008 noch 589 Fälle registriert hatte, waren es vier Jahre später fast 100 mehr (681).

Ausserdem nimmt die Zahl der schweren Gewalttaten zu: Letztes Jahr kam es im Rahmen von häuslicher Gewalt zu zwei Tötungsdelikten und vier schweren Körperverletzungen. Die grösste Gruppe der Straftaten machen aber immer noch die Tätlichkeiten (2012: 259 Fälle), Drohungen (159), Beschimpfungen (97), «Telefonterror» (38) und einfache Körperverletzungen (30) aus. Die Zahl der Vergewaltigungen ist mit 10 in den letzten Jahren stabil geblieben. (sff)

Warum haben die Solothurner Behörden nur so wenige Männer in den Kurs nach Liestal geschickt - und damit das Projekt zum Scheitern gebracht? «Es fehlte offenbar an Akzeptanz für das Angebot», sagt Brunschwyler. «Es hiess, dass es den arbeitenden Tätern nur schwer zugemutet werden könne, während eines halben Jahres jeweils einmal pro Woche abends nach Liestal zu fahren. «Der Ort ist mit dem öV nur schlecht erreichbar.»

Solothurns Oberstaatsanwalt, Felix Bänziger, kann sich nicht erklären, weshalb seine Staatsanwälte so selten zum neuen Instrument gegriffen haben. Noch im Mai 2011 hatte er in dieser Zeitung seine Mitarbeitenden dazu aufgerufen, vor allem Wiederholungstäter zum Kursbesuch zu zwingen. Offenbar ohne Erfolg. «Ich habe mich schon darauf verlassen, dass mein Aufruf etwas nützt. Ich kann aber den einzelnen Staatsanwälten nicht vorschreiben, wie sie ihre Fälle abschliessen.» Persönlich finde er es schade, dass jetzt die Beteiligung des Kantons Solothurn am Lernprogramm eingestellt wird.

«Geld wäre vorhanden gewesen»

Beim Anbieter des Lernprogramms, der Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt des Kantons Basel-Landschaft, ist man natürlich enttäuscht. Auch Christine von Salis-Pughe weiss nicht so genau, weshalb die Solothurner Behörden im Vergleich zu den ebenfalls beteiligten Kantonen Aargau, Basel-Stadt und Basel-Landschaft (2011 zusammen 63 Teilnehmer) so wenige Männer geschickt haben. Der umständliche Weg nach Liestal habe sicher eine Rolle gespielt. «Ich hatte aber auch den Eindruck, dass das Interesse bei den Solothurner Staatsanwälten nur mässig war.»

Sie habe sich und das Therapieprogramm mehrfach auf der Staatsanwaltschaft vorgestellt. Vergeblich. «Ich finde es sehr schade und dumm, dass man nicht von der Möglichkeit profitiert hat. Das Geld wäre ja vorhanden gewesen.» Die Solothurner Regierung hatte für das vierjährige Projekt 300 000 Franken aus dem Lotteriefonds zur Verfügung gestellt. Von der neuen Idee des ASO, die tätlich gewordenen Männer ein paar Stunden zu einem Gewaltberater zu schicken, hält Christine von Salis-Pughe nicht viel. «Ein paar Gesprächsstunden nützen nichts. Aber vielleicht ist es besser als gar kein Angebot für die Täter.»