Was zwischen Emre C.* und Julia S.* am 21. Februar 2004 vorgefallen war, wurde am Dienstag am Obergericht kaum noch diskutiert. Vielmehr wollte Opferanwalt Roger Burges den Richtern glaubhaft machen, dass Julia S. eine Genugtuung und Schadenersatz erhalten sollte. Natürlich wehrte sich Daniel Vögeli, der amtliche Verteidiger von Emre C., gegen diese Forderung und versuchte die Richter andererseits davon zu überzeugen, dass sein Mandant damals nicht gewusst habe, wie alt das Mädchen war.

Dann war da noch Ursina Stocker. Die Staatsanwältin hielt sich kurz und verteidigte den Schuldspruch betreffend die sexuellen Handlungen mit einem Kind. Und Emre C. und Julia S.? Ersterer verhielt sich während der Verhandlung äusserst ruhig und Julia S. war gar nicht im Gerichtssaal anwesend. Ihr Anwalt erklärte dies mit der Angst, einen weiteren Zusammenbruch zu erleiden. Was nur war im Jahr 2004 geschehen?

Opfer legt Berufung ein

Die Geschichte beginnt während der Jahreswende. Julia S. war damals noch keine 16 Jahre alt, Emre C. hatte ein halbes Jahr zuvor die Mündigkeit erreicht. Er arbeitete in Basel an einer Silvesterparty. Auch Julia S. war anwesend und das, obwohl der Eintritt erst ab 16 Jahren erlaubt war. Die beiden kamen sich näher und pflegten fortan während rund zwei Monaten eine Beziehung.

Hauptsächlich ging es dabei um Sex. Ihre Treffen fanden nämlich jeweils in einem Hotel in Zürich statt. Bis zum 21. Februar 2004 ging das gut. An diesem Abend soll es dann aber im Schlafzimmer von Julia S. – sie wohnte damals in einer Gemeinde im Schwarzbubenland – zu einer Vergewaltigung gekommen sein. Der Polizei erzählte das Mädchen, Emre C. habe sich ein Messer an den Hals gehalten und ihr gedroht, sich etwas anzutun, sollte sie nicht mit ihm Sex haben. Am 26. Juli 2012 wird Emre C. deswegen verhaftet und muss einen Tag in Polizeihaft verbringen. Von Anfang an bestreitet er eine Vergewaltigung. Den Geschlechtsverkehr streitet er hingegen nicht ab, behauptet aber, nicht gewusst zu haben, dass sie noch keine 16 Jahre alt war.

Anfang Juli 2014 kommt der Fall vors Amtsgericht Dorneck-Thierstein. Emre C. ist angeklagt wegen Vergewaltigung und mehrfacher sexueller Handlungen mit einem Kind. Julia S. hat sich inzwischen als Privatklägerin eingeschaltet, verlangt Schadenersatz und Genugtuung. Die Verhandlung ist emotional, Julia S. bricht zusammen und muss den Saal verlassen. Die Vorwürfe des Verteidigers waren zu viel für sie: Immer und immer wieder behauptet dieser, sie mache falsche Anschuldigungen und habe ihren Ausweis für die Party gefälscht.

Am 10. Juli gibt das Amtsgericht das Urteil bekannt: der gebürtige Türke Emre C. wird der Vergewaltigung frei-, aber der mehrfachen sexuellen Handlungen mit einem Kind schuldig gesprochen. Die Strafe ist eine bedingte Geldstrafe von 30 Tagessätzen à 110 Franken (Probezeit 3 Jahre). Schadenersatz und Genugtuung lehnt das Gericht ab. Damit wollte sich Julia S. nicht abfinden.

Sie reicht eine Berufungserklärung ein und verlangt Schadenersatz in der Höhe von 20 000 Franken zuzüglich fünf Prozent Zinsen und eine Verurteilung wegen Vergewaltigung. Die Staatsanwaltschaft verzichtete auf eine Berufung. Emre C. sah erst ebenfalls davon ab, reichte dann aber noch eine Anschlussberufung ein und verlangte so am Dienstag einen kompletten Freispruch.

Opfer hatte bereits Probleme

Während ihres kurzen Plädoyers sprach Staatsanwältin Ursina Stocker davon, dass der Freispruch für die Staatsanwaltschaft nicht überraschend gewesen sei. «Es galt und gilt der Grundsatz im Zweifel für die Anklageerhebung. Im Gerichtssaal galt und gilt dann aber im Zweifel für den Angeklagten.» Darum sei Emre C. der Vergewaltigung freizusprechen. Im Gegensatz dazu hielt Stocker aber am zweiten Vorwurf fest und bezeichnete die bedingte Geldstrafe als angemessen.

Opferanwalt Roger Burges machte von Anfang an klar, dass er den Schuldspruch wegen der Vergewaltigung verlangt, damit die Schadenersatzforderung überhaupt eine Chance hat. So kam er auch gleich auf diese zu sprechen und versuchte dem Gericht anhand einer bildhaften Geschichte klarzumachen, dass Julia S.s frühere psychischen Probleme durch den Vorfall noch verschlimmert worden seien. «Das Gesetz will unmündige schützen, und wenn ein Mädchen schon eine gewisse Veranlagung hat, auf sexuelle Geschichten extrem zu reagieren, so gehe ich doch davon aus, dass dieser Fall sich in ihr manifestiert hat und noch heute ein Thema ist.»

Der Verteidiger Daniel Vögeli äusserte sich nicht zum Vergewaltigungsvorwurf und verwies auf das erstinstanzliche Urteil. Dann kam er auf den zweiten Vorwurf zu sprechen und bemerkte zum wiederholten Mal, dass der Sex einvernehmlich war und dass Emre C. nicht Julia S.s erster Sexualpartner gewesen sei. «Zudem hat mein Mandant angenommen, dass alle Personen an der Party mindestens 16 Jahre alt sein müssen.» So sei zwar der objektive Tatbestand erfüllt («es kam zum Sex»), aber der subjektive nicht («er kannte ihr Alter nicht»).

Zu der Genugtuungsforderung sagte Vögeli, dass der Anspruch verfalle, weil keine Vergewaltigung stattfand. «Und sonst wurde schon vor Amtsgericht bemerkt, dass Julia S. bereits vor und auch lange Zeit nach dem Vorfall Suizidversuche begangen hatte. Beim letzten versuchte sie sich im Rhein zu ertränken, weil sie sich von ihrem Freund enttäuscht fühlte», sagte Vögeli und fügte an: «Zugegeben, Julia S. hat grosse Probleme, diese aber haben nicht mit meinem Mandanten zu tun.» Das Urteil wird am Mittwoch bekannt gegeben.

* Namen von der Redaktion geändert.