Ein kalter, nebliger Januarabend in Solothurn. Die Altstadt ist menschenleer und wirkt ungewohnt gespenstisch. Ein bärtiger junger Mann mit Cap und hochgezogener Fellkapuze schreitet mit federndem Gang über den Amthausplatz – die Hände in den Jackentaschen vergraben schaut er wie ein Verbrecher unauffällig umher.

Am Tag sozial, nachts kriminell

Der etwa 25-jährige Mann aus der Umgebung Solothurn verhält sich nicht nur wie ein Krimineller, er ist auch einer. Denn sein nächtliches Hobby, das Sprayen, ist eine Form des Vandalismus und kann laut der Kantonspolizei Solothurn mit bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug bestraft werden. Mit seinen mindestens 200 an illegalen Orten gesprayten Graffitis gehört er zu den bekannteren Gesichtern in seiner Szene.

Verständlich, dass der junge Mann weder Name, noch berufliche Tätigkeit oder Wohnort preisgeben will. Doch wer steckt hinter der hochgezogenen Kapuze und was treibt einen Menschen an, immer wieder dieses Risiko einzugehen? Im Restaurant wählt er den Tisch in der Ecke und den Sitzplatz an der Wand. Der erste Eindruck wirkt klischeehaft, der zweite überrascht schon eher: Der Sprayer ist im sozialen Bereich tätig, zuvorkommend und wortgewandt. Eigentlich wirkt er sogar ziemlich konservativ. Auf die Frage, wie ihn seine Freunde beschreiben würden, antwortet er: «Zuverlässig, konsequent und loyal.»

Zeichnen gehöre seit seiner Kindheit zu seinem Leben, mit 13 Jahren ist er über die Hip-Hop-Szene im Sprayer-Milieu gelandet. Inzwischen sind seine Graffitis in der ganzen Schweiz und in allen Nachbarländern zu betrachten. «Auch in Australien findet man Graffitis von mir», sagt er. In der Stimme des sonst bescheiden wirkenden Sprayers schwingt ein Quäntchen Stolz mit. Doch wie sieht es mit Verantwortungsgefühlen aus?

Auf Kosten der Anderen?

Laut der Grenchner Stadtpolizei kostet die Reinigung einer besprayten Fläche pro Quadratmeter durchschnittlich 200 bis 250 Franken. Kosten, die der Beschädigte selber tragen muss, wenn der Täter nicht ausfindig gemacht wird. Mit seinen mindestens 200 Graffitis beläuft sich die Schadenssumme auf mindestens 50'000 Franken. Der junge Mann atmet tief ein und fixiert das Wasserglas auf dem Tisch. Dann sagt er bestimmt: «Wir haben Grundsätze in unserer Crew. Niemals würden wir ein Auto, private Hauswände oder anderen Besitz von Privatpersonen besprayen.» Auch Kirchen, Sehenswürdigkeiten und die ganze Altstadt seien tabu.

Dadurch gehöre er wohl zu den Sprayern, die verhältnismässig wenig Schaden anrichten. Ihm scheint wichtig zu sein, dass er nicht mit den Sprayern, die sich an möglichst vielen Hausmauern verewigen, in einen Topf geworfen wird.

«Die meisten meiner Graffitis werden nicht entfernt», sagt er. «Ich will nichts kaputtmachen, ich will aufwerten.» Auf die Frage, weshalb seine Crew solche Grundsätze habe, antwortet er: «Wir wollen nichts beschädigen, was einem Menschen am Herzen liegt oder was an sich schon ästhetisch ist.» Kritiker kann er aber gut verstehen, besonders solche, deren Privatbesitz besprayt wurde. «Würde ich am Morgen aufstehen und mein Auto wäre verschmiert, wäre ich auch sauer», sagt er und nimmt einen Schluck Wasser. Wer das Sprayen aber per se verteufle, den nenne er ignorant. Warum also sprayt er nicht nur an legalen Orten, wie zum Beispiel an der öffentlichen «Hall of Fame» der Kulturfabrik Kofmehl? Hier kommt das Zusammengehörigkeitsgefühl und der Reiz des Verbotenen ins Spiel.

Adrenalinkick mit Risiko

Klar, bei der ganzen Sache gehe es auch um das Dekorative, um die Ästhetik; graue Betonwände finde schliesslich niemand schön. «Ausser man steht auf Konstruktionen wie die Westumfahrungsbrücke», fügt er stirnrunzelnd hinzu. Aber der Reiz liege im Gesamtpaket: In der Nacht mit seiner Crew rauszugehen, den Zusammenhalt und die Loyalität zu spüren und dann vor einer Wand zu stehen, in einer Art meditativem Zustand, und doch immer fluchtbereit. Es sei einfach ein unglaubliches Gefühl – Adrenalin lässt grüssen.

Erwischt wurde er noch nie. «Aber fast», sagt er und verzieht dabei das Gesicht. Seine Crew und er seien von der Polizei entdeckt worden. Was folgte, war eine mehrstündige Verfolgungsjagd. «Das ist mir ziemlich eingefahren», sagt er mit hochgezogenen Augenbrauen. Als Sprayer müsse man sehr vorsichtig sein. Er habe keine Fotos der Graffitis zu Hause, macht selten Tags (die «Unterschrift» der Sprayer) und erzählt nur seinen engsten Freunden davon.

Auf die Frage, ob seine Mutter von der ganzen Sache wisse, wechselt sein Gesichtsausdruck zu dem eines Schuljungen, der bei einer Dummheit erwischt worden ist. Dass er früher unterwegs war, wisse sie schon. Aber nicht, dass er immer noch sprayt. Doch der junge Mann ist ruhiger geworden.

«Es gab Zeiten, da war ich praktisch jede Nacht unterwegs», sagt er nachdenklich. Man werde eben älter und die Prioritäten verschieben sich auch im Leben eines Sprayers. «Wenn man alleine ist, ist das Risiko, erwischt zu werden, nebensächlich», erklärt er.

Aber jetzt habe er eine Freundin und beim Gedanken an eine Familie sei man plötzlich nicht mehr so risikofreudig. Man beginne an die Folgen von Geldbussen und Freiheitsentzug zu denken – besonders in Bezug auf Kinder und Beruf. «Ich frage mich manchmal schon, ob es das Risiko noch wert ist», sagt er. Nach dem Gespräch verlässt er das Lokal und verschwindet, nach zwei prüfenden Blicken links und rechts, mit demselben federnden Schritt wieder in die Dunkelheit.