Sprachaufenthalt

Sprachaustausch im Welschen? – «ça n’existe pas à Soleure»

Biel/Bienne ist nur eine kurze Fahrzeit von Solothurn weg, den Schritt für einen Austausch wagen viele Schüler trotzdem nicht. Archiv/AZ

Biel/Bienne ist nur eine kurze Fahrzeit von Solothurn weg, den Schritt für einen Austausch wagen viele Schüler trotzdem nicht. Archiv/AZ

Vier Landessprachen in einem Land mit knapp mehr als acht Millionen Einwohnern sind viel. Umso wichtiger sollten der gegenseitige Austausch und das Interesse am Erlernen anderer Landessprachen sein. Im Kanton Solothurn ist dies anders.

Die Jugendlichen im Kanton Solothurn scheinen jedoch ein verhältnismässig kleines Interesse an Sprachaufenthalten in der Westschweiz zu haben – und dies trotz der Tatsache, dass man weniger als eine halbe Autostunde benötigt, um in das zweisprachige Biel zu gelangen.

Das geringe Interessen belegen neue Zahlen: Die ch Stiftung – verantwortlich für den Sprach- und Kulturaustausch in der Schweiz mit Sitz in Solothurn – hat eben eine Statistik veröffentlicht, welche aufzeigt, dass die Austauschzahlen des Kantons Solothurn zu den tiefsten Werten im schweizweiten Vergleich gehören.

Trotz der Tatsache, dass etwa die Stadt Solothurn eine französische Vergangenheit hat, waren von 14'960 Schülern, die 2012/13 einen Sprachaustausch innerhalb der Schweiz machten, lediglich 94 aus dem Kanton Solothurn. Alle 94 Schüler fanden ihren Weg in die Romandie, davon 60 aus Klassenverbänden und 34 Schüler im Rahmen eines Einzelaustausches. Mit der Zahl von 94 Personen ist der Kanton Solothurn vergleichbar mit kleineren Kantonen wie zum Beispiel Schaffhausen (90).

In Freiburg sind es 20 Mal mehr

Laut Angaben von Anouk Hiedl, Redaktorin der ch Stiftung, sind geringere Zahlen normalerweise auf die Zahl am Projekt teilnehmender Schulen und auf das Fehlen einer Universität zurückzuführen – ebenso wie auf die Bevölkerungszahl des jeweiligen Kantons. Eine ähnliche Einwohnerzahl wie der Kanton Solothurn weist Freiburg auf. Dort haben 2012/13 mehr als 1820 Personen einen Sprachaustausch im Rahmen eines Projekts der ch Stiftung absolviert. Der Kanton Freiburg verfügt jedoch über ein professionelles Austauschbüro, welches den Austausch koordiniert.

Jessica Gygax, stellvertretende Geschäftsführerin vom «Forum für die Zweisprachigkeit» in Biel, sieht generell den Grund für ein kleines Interesse an Austauschprogrammen bei den Lehrern und Schulen, welche zu wenig Zeit zu Verfügung hätten, den administrativen Mehraufwand zu bewältigen und sich mit ihren Schülern intensiver damit zu beschäftigen. – Offensichtlich aber scheinen Schulen anderer Kantone dieses Zeitproblem jedoch besser im Griff zu haben als die Solothurner, wie es sich aus den Statistiken herauslesen lässt.

Den finanziellen Aspekt erachtet Gygax nicht als den Hauptgrund für die geringe Zahl an Austauschprogrammen im Kanton Solothurn. Wichtig seien vor allem Lehrer, welche bereits Kontakte mit französisch sprechenden Schulen haben und mit den Programmen vertraut seien. Diese Lehrer seien eher dazu geneigt, ihre Schüler auf solche Austauschmöglichkeiten aufmerksam zu machen und sie zu motivieren, eine Fremdsprache besser zu erlernen – ausserhalb der obligatorischen Klassenexkursionen.

Wenig Zeit an der Kanti

Auch Dieter Müller, Konrektor an der Kantonsschule Solothurn, weiss um die tiefen Zahlen der Klassen und Schüler, welche einen solchen Austausch machen. So erwähnt er, dass die zahlreichen Austauschprojekte mit Klassen aus der französischen Schweiz heute «nur noch mit Zurückhaltung praktiziert» würden. Auch Müller sieht eine Verbindung zwischen den tiefen Austauschzahlen und dem sehr dichten Stoffplan, welchen die Lehrer einzuhalten haben. Müller gibt aber auch die zahlreichen Umwälzungen und Reformen im Bildungsbereich als möglichen Grund dafür an, dass «sich die Möglichkeiten, aufwendige Austauschprojekte zu organisieren, reduziert haben.»

Für Jessica Gygax vom «Forum für Zweisprachigkeit» sind Austauschprogramme über die Sprachkenntnisse hinaus ein sehr wichtiger Teil der Ausbildung, was die Akzeptanz anderer Sprachen betrifft. Die schweizweite Kommunikation werde dadurch gefördert und die Distanz zwischen den Menschen durch das Erlernen der jeweils anderen Muttersprache reduziert.

Chance mit Frühfranzösisch

Neben dem jährlichen Austauschkongress für Lehrer und die kantonalen Austauschverantwortlichen schlägt Gygax weiter vor, die Zahlen der Austauschschüler durch Partnerschaften unter Schulen zu erhöhen. Und sie erwähnt ausserdem das Frühfremdsprachen-Projekt Passepartout, welches mit dem neuen Lehrbuch «Mille Feuilles» den Austausch und das frühe eigenständige Lernen einer Fremdsprache explizit fördern möchte. Insofern sieht sie ein Anstieg an Austauschen in der Zukunft.

Susanne Flükiger von der Stabsstelle für Pädagogik beim Departement für Bildung und Kultur gibt die «Vorverlegung des Französisch auf die 3. Klasse» als Chance für mehr Begegnungen mit Schülerinnen und Schülern aus der Westschweiz und somit einer grösseren Nutzung der Austauschprogramme an.

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