Kanton Solothurn
Spitalschwester weiss: «Wenn du gibst dann kommt sehr viel zurück»

Die «Seelsorgerin» Verena ist 80 Jahre alt – und immer noch hört sie anderen zu. Sie ist Mitglied der Spitalschwestern vom Bürgerspital Solothurn. Ausgebildet wurde sie zur Sozialarbeiterin - heute schaut sie tagtäglich zu ihren Patienten.

Elisabeth Seifert
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Schwester Verena auf dem Gelände des Bürgerspitals, ihrem zu Hause.

Schwester Verena auf dem Gelände des Bürgerspitals, ihrem zu Hause.

Elisabeth Seifert

Schwester Verena – von vielen vertraut mit «Verena» angesprochen – will nicht so recht in das Bild passen, das ich mir von einer Spitalschwester gemacht habe. Das liegt nicht nur an der legeren Kleidung, Dreiviertelhose mit sommerlichem Shirt und Bluse. Längst haben die Ordensfrauen ihre Spitalschwesterntracht abgelegt. Ein spitzbübisches Lächeln huscht über die resoluten Gesichtszüge. Herausfordernd mustert sie ihre Gesprächspartnerin. Unser Zusammensein dauert länger als geplant, kurz entschlossen lädt sie mich zum Mittagessen mit den Spitalschwestern ein, ein Anruf ins Gemeinschaftshaus, dem Haus Nummer 10 auf dem Areal des Bürgerspitals genügt.

Ende der 50er-Jahre ist Schwester Verena, mit bürgerlichem Namen Trudi Walter, der Gemeinschaft beigetreten, da war sie 23 Jahre alt, kürzlich hat sie im Bürgerspital ihren 80. Geburtstag gefeiert. «Das Bürgerspital ist mein Zuhause», sagt sie. Sie hat ihr Leben der Sorge um andere Menschen gewidmet. Mit Selbstaufopferung aber habe das gar nichts zu tun, stellt sie richtig. «Ich habe immer das gemacht, was ich machen wollte.» Das Leben in der Gemeinschaft hat ihr dabei den Rücken freigehalten. «Ich musste mich so nicht um die vielen kleinen Alltäglichkeiten kümmern.»

Innere Freiheit

Mir sitzt eine Frau gegenüber, die schon immer wusste, was sie will. Ihre innere Freiheit setzte sie gegen so manche Grenzen durch, die ihr von aussen gesetzt worden sind. Beim Eintritt in den Orden etwa war ihr ein Weg in der Krankenpflege vorgezeichnet. Eine Vorstellung, die ihr gar nicht behagte. Deshalb stellte die junge Frau die Ordensleitung vor die Alternative: «Entweder darf ich die Sozialschule besuchen, oder ihr müsst auf mich verzichten.» Sie absolvierte die Sozialschule in Solothurn, wo sie zur Sozialarbeiterin ausgebildet wurde. Aufgewachsen ist sie auf dem Land, im Reckenkien ob Mümliswil, als Ältestes von vier Mädchen. Um eine gute Ausbildung zu bekommen, trat damals so manche junge Frau in einen Orden ein. «Heute hat sich das natürlich alles geändert», weiss Schwester Verena.

Die Tage der Spitalschwestergemeinschaft, die in Solothurn derzeit noch aus 13, zumeist hoch betagten Frauen besteht, sind gezählt. Das sieht Schwester Verena ganz realistisch. Nach ihrer Ausbildung an der Sozialschule arbeitete sie im Kinderheim Deitingen («Ich hatte hier meine eigenen Kinder»). Danach folgten viele Jahre als Religionslehrerin in Biberist, bis sie schliesslich 1988 in den Dienst des Bürgerspitals eintrat, als Seelsorgerin. Arbeitsplatz und Wohnung lagen Tür an Tür. Das konnte manchmal ganz schön anstrengend sein. «Oft bin ich mitten in der Nacht zu einem schwerkranken oder sterbenden Patienten gerufen worden.» 2004 wurde sie dann pensioniert. Offiziell jedenfalls. Noch immer schaut sie Tag für Tag nach «ihren» Patienten. «Jetzt muss ich nicht mehr, jetzt darf ich einfach.»

Wir sitzen im Garten hinter dem Haus 9. Immer wieder macht sich das schnurlose Telefon bemerkbar, das sie bei sich trägt. Neben ihren eigenen Besuchen bei Schwerkranken koordiniert sie die Arbeit verschiedener Gruppen von Freiwilligen. Gefragt ist sie auch bei der Spitalleitung. Beinahe jeder, der den Garten quert, nickt freundlich zu uns herüber, macht ein Spässchen. Schwester Verena ist bekannt und wird geschätzt. Darauf ist sie auch ein wenig stolz. «Ich bin selber nie zu kurz gekommen, wenn Du gibst, dann kommt viel zurück.»

Keine Rezepte

Sie erzählt von einem Ehepaar, dem sie nach vielen Jahren im Bürgerspital wieder begegnet ist. Ein freudiges Wiedersehen nach 16 Jahren. Schwer an Krebs erkrankt, hatten die Ärzte der Frau kaum Überlebenschancen eingeräumt. Schwester Verena war Tag für Tag an ihrem Bett, tröstete auch ihren Mann bei so manchem Kaffee. Aus Dankbarkeit lud das Paar Schwester Verena zu einem Essen ein. Genauso freut sie sich über die Briefe, die sie von Menschen bekommt, für die sie offenbar irgendwann einmal die richtigen Worte gefunden hat. Und manchmal ist es auch nur ein Lächeln. Zum Beispiel von jenem alten Mann, einem ehemaligen Verdingbub, der schwer verbittert und apathisch in seinem Spitalbett lag. «Ich bin einfach immer wieder bei ihm vorbei gekommen und irgendwann, plötzlich, hat er gelächelt.»

«Jedem Menschen ist ein Lächeln zu entlocken, wenn man sich die Zeit für ihn nimmt.» Mit der Zeit kommt das Vertrauen und dann beginnt jemand, zu erzählen. Ihre Besuche dauern dabei selten wirklich lange. «Ich gehe meist am Morgen und Abend vorbei». Manchmal nur während einiger weniger Minuten. Der Besuch am Abend sei besonders wichtig. «Dann ist die Angst meist grösser als am Morgen und viele fühlen sich alleine». Das Erzählen hilft. «Ich höre zu und frage dann nach.» Sie selber hat keine Rezepte parat. «Ich weiss nicht, was der einzelne Mensch braucht, er aber weiss es. Nur manchmal kann er es nicht sagen.» Das Gespräch hilft dann solche Blockaden zu lösen.

Lust an der Debatte

Schwester Verena bezeichnet sich als «religiös» («Nach dem Tod trete ich in ein neues Leben ein, wo Licht und Frieden ist»). Bei «ihren» Patienten aber sieht sie einfach den Menschen, «ich nehme jeden, wie er ist». Und viele sind manchmal gläubiger, als sie das selbst ahnen. «Bei mir ist es der Glaube an Gott, es kann aber auch Buddha oder einfach die Natur sein.» – «Es braucht einfach etwas, zu dem man stehen kann, das einem wirklich wichtig ist.» Nichts anfangen kann Schwester Verena mit der Vorstellung eines strafenden Gottes. «Gott ist ein guter Vater, der beschützt und leitet und jeden Menschen so annimmt, wie er ist.» Das sagt sie sterbenden Menschen und hilft ihnen damit «in Ruhe und Sicherheit zu sterben».

Mit aus ihrer Sicht überholten religiösen Vorstellungen geht sie genauso hart ins Gericht wie mit etlichen kirchlichen Vorschriften. Manchmal wurde sie deswegen auch schon zum Bischof zitiert. Zum Beispiel wenn sie aus Zeitgründen selbst die Krankensalbung vornahm, statt auf den Priester zu warten. Oder wenn sie als Pfarrhelferin die Kommunion an Menschen austeilte, welche diese nicht entgegennehmen dürfen. «Man darf die Menschen nicht mit kleinlichen Regeln kaputtmachen.» Die kritische Auseinandersetzung mir ihren «Chefs», den Priestern oder Bischöfen, ist für Schwester Verena eine positive Erfahrung. «Ich schätze den Austausch mit Menschen.»

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