Babyfenster

Spital gibt radikalen Abtreibungsgegnern eine Plattform

Babyfenster beim Kantonsspital Olten. Hier wurde am Sonntag zum ersten Mal ein Baby hineingelegt.

Babyfenster beim Kantonsspital Olten. Hier wurde am Sonntag zum ersten Mal ein Baby hineingelegt.

Erstmals ist am Sonntag ein Neugeborenes ins Oltner Babyfenster gelegt worden. Die Solothurner Spitäler haben dabei Abtreibungsgegnern eine Plattform zur Profilierung geboten.

Es hätte Grund zu einigen kritischen Bemerkungen gegeben. Doch davon war nichts zu lesen, als die Solothurner Spitäler (soH) am Montag in einer Medienmitteilung vermeldeten, dass zum ersten Mal ein Neugeborenes ins Oltner Babyfenster gelegt worden ist. – Im Gegenteil: In der Mitteilung der Solothurner Spitäler erhielt eine Stiftung eine grosse Plattform zur Selbstprofilierung, die alles andere als unumstritten ist: Es handelt sich um die Schweizerische Hilfe für Mutter und Kind (SHMK).

Sie hat das Oltner Babyfenster gemeinsam mit den Solothurner Spitälern aufgebaut. Dass die Stiftung aber dem ultrakonservativen Verein Mamma nahe steht, der sich radikal und mit umstrittenen Methoden gegen Abtreibungen einsetzt – das machen die Solothurner Spitäler in ihrer Mitteilung nicht transparent. – Im Gegenteil: Über die Stiftung stehen in der Medienmitteilung nur positive Sätze: «Es wird der Mutter unbürokratische Hilfestellung zugesichert, um für sie und das Kind die beste Lösung zu finden», steht dort. Weiter heisst es: «Die SHMK leistet Beratung und Direkthilfe an Frauen, Paare und Familien, die durch Schwangerschaft oder Geburt eines Kindes in Not geraten.»

Schreiben einfach übernommen

Dass kritische Angaben zum Hintergrund der Stiftung fehlen, erstaunt nicht weiter, wie Recherchen dieser Zeitung zeigen. Denn die Mitteilung stammt gar nicht von den Solothurner Spitälern selbst. Die soH hat offenbar lediglich eine von der SHMK vorgefertigte Mitteilung verschickt, wie es auch andere Spitäler tun, die gemeinsam mit der Stiftung ein Babyfenster aufgebaut haben - etwa das Lindenhofspital in Bern oder das Spital Einsiedeln.

Dürfen die Solothurner Spitäler in einer Mitteilung quasi-Werbung für eine Stiftung machen, die aus dem Umfeld radikaler Abtreibungsgegner stammt? «Wir werden die Mitteilung beim nächsten Mal anpassen», versichert Gudrun Hochberger, Direktorin Pflege der Solothurner Spitäler. Grund für die ungefilterte Meldung war offenbar, dass die Solothurner Spitäler den Text für die erste Medienmitteilung mit der Stiftung vertraglich vereinbart hatten.
Kein Zusammenhang mit Betrieb

Bleibt die Frage, ob nicht wenigstens ein kritisches Wort zum Hintergrund der Stiftung in die soH-Publikation gehört hätte? «Wir wollten mit der Medienmitteilung auch der Mutter signalisieren, dass ihr Kind in sicheren Händen ist. Es gibt für uns keinen Grund, die SHMK zu kritisieren», verteidigt Hochberger den publizierten Text. Grundsätzlich hält sie fest: «Wir haben beim Aufbau des Babyfensters vom Know-How der SHMK profitiert. Mit dem Betrieb des Babyfensterns hat die Stiftung heute aber nichts mehr zu tun». Grundsätzlich wollen die Solothurner Spitäler das Engagement der SHMK oder des Vereins Mamma nicht kommentieren. «Wir arbeiteten mit der SHMK in Sachen Babyfenster zusammen, da wir von der Einrichtung eines Babyfensters überzeugt sind», heisst es. Man arbeite frei von religiösen oder politischen Motiven.

Kritischer hat sich in der Vergangenheit der Dachverband «Sexuelle Gesundheit Schweiz» geäussert, der staatlich anerkannte Beratungsstellen vertritt. Er hat in einem Schreiben die kantonalen Gesundheitsdirektorien aufgefordert, Zusammenarbeiten mit der SHMK kritisch zu hinterfragen. Dessen dogmatische Haltung passe nicht zu öffentlichen Spitälern.

Ganz deckungsgleich ist der Text nicht bei allen Spitälern, die mit der SHMK ein Babyfenster aufgebaut haben. Bei den Mitteilungen des Berner Lindenhof-Spitals findet sich das Wort «Kindstötungen», das in Zusammenhang mit Abtreibungen schwer missverstanden werden kann, nicht. In Solothurn findet sich dagegen der Satz: «Das Babyfenster soll helfen eine Kindstötung oder Kindesaussetzung zu verhindern».

Die Wortwahl erstaunt nicht, der Verein Mamma greift gerne zu drastischen Bildern. «550 ausradierte Schulklassen», schrieb er auf seiner Homepage, als das Bundesamt für Statistik die Zahl der Abtreibungen 2013 publizierte. Wie sehr der Verein werdende Mütter unter moralischen Druck setzt, hat die Journalistin Sarah Jäggi letztes Jahr in einer preisgekrönten, verdeckten Recherche aufgezeigt.

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