Bürgerspital Solothurn

Spital-CEO zum Neubau des Bürgerspitals: «Es ging nie um einen Luxusbau»

Nicht nur eine schöne Fassade: Martin Häusermann, CEO der Solothurner Spitäler AG, sieht im Neubau neben ästhetischen Qualitäten insbesondere Vorteile bei der Behandlung von Patientinnen und Patienten.

Nicht nur eine schöne Fassade: Martin Häusermann, CEO der Solothurner Spitäler AG, sieht im Neubau neben ästhetischen Qualitäten insbesondere Vorteile bei der Behandlung von Patientinnen und Patienten.

In etwas mehr als einem halben Jahr wird der Neubau des Bürgerspitals Solothurn (BSS) in Betrieb genommen – die Arbeiten auf dem Areal werden bis Ende 2024 abgeschlossen sein. Martin Häusermann, CEO der Solothurner Spitäler AG und Direktor des BSS, sagt im Interview, wo die grossen Herausforderungen liegen.

Sie sprachen mit Blick auf den Neubau jüngst vom «schönsten Spital der Schweiz». Wie kommen sie zu dieser Einschätzung?

Martin Häusermann: Der Neubau Bürgerspital kann aus der Optik des Betrachters und der Besucherinnen und Besucher durchaus als das «schönste Spital» der Schweiz wahrgenommen werden. Dafür ist nicht nur die fantastische Aussicht von den oberen Stockwerken auf die erste Jurakette sowie Solothurn und die Umgebung verantwortlich, sondern vielmehr auch die Architektur des Gebäudes mit viel Licht und zusätzlichen Innenhöfen. Vergegenwärtigen wir uns: Menschen, die zu uns kommen, befinden sich in einer nicht alltäglichen Situation, empfinden vielleicht Unsicherheit betreffend ihre Gesundheit und haben teilweise Angst vor der Diagnose oder einer Behandlung.

Das heisst, der Bau leistet mitunter einen Wohlfühlbeitrag?

Die freundliche Architektur kann einen Beitrag leisten, Unsicherheit und Angst abzubauen. Aber die Architektur ist nicht Selbstzweck, sondern sie erlaubt uns, unsere bisherigen Behandlungsprozesse zu überdenken und für die Patientinnen und Patienten zu optimieren. Ihre Bedürfnisse können im Neubau zeitgemässer erfüllt werden. Und schliesslich löst er auch bei den Mitarbeitenden einen positiven Schub aus. Denn: Wer arbeitet nicht gerne in einem schönen neuen Gebäude?

Mit Schönheit allein ist allerdings kein Blumentopf zu gewinnen im Gesundheitswesen.

Es ist unsere Aufgabe, diese Schönheit für ein optimales, zeitgemässes Prozessmanagement zu nutzen. In der Pflege werden wir zum Beispiel in Zukunft nach Lean-Management-Grundsätzen arbeiten. Wir testen das bereits heute auf einzelnen Stationen in Solothurn und setzen das Konzept laufend auch an den anderen Standorten um. Der Neubau bietet zudem auch mehr Flexibilität bezüglich der Raumnutzung. Beispielsweise wird es in Zukunft nicht mehr für jede Klinik ein eigenes Ambulatorium geben. Einige Kliniken werden ambulante Patientinnen und Patienten in einem Multiambulatorium behandeln können, wo die Wege zwischen verschiedenen Disziplinen sehr kurz sind und die Interdisziplinarität noch besser zum Tragen kommen kann. Dadurch, dass das neue Gebäude flexibler gebaut ist als das bisherige Bettenhaus, können wir in Zukunft auch schneller auf Bedürfnisse der Bevölkerung reagieren und unser Behandlungsangebot anpassen.

CEO Solothurner Spitäler AG

Martin Häusermann

CEO Solothurner Spitäler AG

Und was ist mit der Grösse der Patientenzimmer?

Es ist ein grosses Plus, dass wir künftig nur noch Patientenzimmer haben werden, die als Ein- oder Zweibettzimmer genutzt werden können. Im Hinblick auf die demografische Entwicklung und andere gesellschaftliche Trends ist die Belegung einfacher. Dank grösserer Ruhe im Raum geht der Heilungsprozess des Patienten schneller vonstatten.

Die öffentlichen Spitäler sind unter Druck. Sinkende Basispreise und Taxpunktwerte als Stichworte. Nun baut Solothurn für 340 Mio. Franken. Ein Widerspruch?

Es ging nie darum, einen überproportionierten Luxusbau entstehen zu lassen! Spitäler werden für einen Zeitraum von mindestens 30 bis 40 Jahre gebaut. Die Infrastruktur wird über den gesamten Zeitraum enorm belastet. Die materielle Wertigkeit eines solchen Baus ist deshalb nicht zu unterschätzen. Was bringt es, wenn wir nach zwei Jahren schon wieder sanieren müssen? Es liegt nun an uns, das neue Gebäude auch unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten zu führen. Einen Widerspruch sehe ich trotz der grossen Investition nicht, im Gegenteil.

Trotzdem: Die Ausgangslage ist aber anspruchsvoll. Die Preise sinken, die Kosten steigen.

Das ist richtig. Wer aber seine Prozesse konsequent immer wieder hinterfragt, wird immer wieder Dinge entdecken, die nicht mehr zeitgemäss sind und die sich unter anderem ressourcenschonender erbringen lassen. Es ist die Aufgabe der Unternehmensführung, gemeinsam mit den Bereichsverantwortlichen ständig am Ball zu bleiben.

Das Betriebsergebnis 2018 war leicht negativ. Wie sieht es 2019 aus?

Mit den Leistungszahlen sind wir insgesamt, über die ganze Gruppe gesehen, sehr zufrieden. Mehr werden wir dazu nach der Generalversammlung im April 2020 sagen.

Leistung und Effizienz in Ehren. Irgendeinmal ist es damit aber nicht mehr getan . . .

Wir haben diesen Punkt noch nicht erreicht. Bei uns gibt es noch einiges zu tun, was mir auch die Bemühungen unserer Mitarbeitenden in allen Bereichen zeigen. Auch die zunehmende Digitalisierung spielt uns in die Hand und wird uns noch Möglichkeiten geben. Zudem überprüfen wir laufend unser Leistungsangebot und engagieren uns in Kooperationen.

Also nicht mehr Fälle bolzen und auf Teufel komm raus dort operieren, wo Fallschwere und Preis stimmen?

Das würde klar unserem Leistungsauftrag und unseren ethischen Grundsätzen widersprechen. Wir bieten dem Patienten die Behandlung an, die nötig und aus medizinischer Sicht sinnvoll ist.

Wie behalten Sie so die Rechnung im Gleichgewicht? Immer mehr Spitäler, auch öffentliche, kommen mit den Rahmenbedingungen nicht mehr klar.

Dies hat allerdings nicht nur mit den Spitälern selber beziehungsweise mit der Spitalführung zu tun, sondern vielmehr mit der Finanzierung der Leistungen seitens der Kostenträger, vor allem in öffentlichen Spitälern. Ich sage es so: Die Systeme hinken dem Bedarf hinterher. Partikularinteressen seitens der Krankenversicherer, aber auch der öffentlichen Hand schaffen Rahmenbedingungen, die gerade für Häuser wie unsere sehr herausfordernd sind. Aber wir stellen uns dieser Aufgabe, weil wir als grösster regionaler Gesundheitsanbieter für die Bevölkerung bestmögliche Leistungen erbringen wollen. Ich bin sicher, dass unser neues Spitalgebäude auch den einen oder anderen, der bisher nicht zu uns gekommen ist, zu uns führen wird.

Viele Solothurnerinnen und Solothurner gehen aber nach Bern oder Basel ins Spital.

Unser Ziel ist es, dass möglichst viele Solothurnerinnen und Solothurner, welche in der westlichen Kantonshälfte wohnhaft sind, in Zukunft als erste Anlaufstelle das Bürgerspital Solothurn wählen. Der erste Eindruck, den wir mit dem Neubau hinterlassen, wird zählen.

Das wird allein nicht reichen. Wie schaffen Sie es, dass das Bürgerspital die erste Adresse für die hiesige Bevölkerung bleibt beziehungsweise wird?

Wir hinterfragen unser Leistungsangebot permanent und passen es den Bedürfnissen an. Wir haben bereits Bereiche eruiert, für die wir Lösungen suchen. Der Neubau wird aber auch in Bezug auf die Digitalisierung einen grossen Fortschritt bringen. Durch neue Leitsysteme, die Möglichkeit eines elektronischen Check-in, neue Terminals an den Patientenbetten, die nicht nur Fernsehen und Internet, sondern auch Informationen zur Behandlung bieten, werden wir den Patientinnen und Patienten im Spitalalltag vieles erleichtern. Wichtig ist auch, dass wir unsere Patientinnen und Patienten noch stärker als heute in die gesamte Behandlungskette einbeziehen. Das heisst, wir müssen die Zusammenarbeit mit den zuweisenden Ärztinnen und Ärzten sowie mit den nachgelagerten Institutionen – sprich Rehabilitationskliniken, Pflegeheimen, Spitex und so weiter – gezielt weiterentwickeln.

Autor

Balz Bruder

Balz Bruder

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