Bellach/Derendingen
Spezielle Förderung: Was brauchen die Kleinen aus der Unterstufe?

Zwei Lehrerinnen beurteilen die Aufhebung der Einführungsklassen. Zu diesem Thema vertreten sie ganz unterschiedliche Meinungen. Wenn es aber um die integrative Schule geht sind sie sich einig: ohne Zusammenarbeit geht es nicht.

Elisabeth Seifert
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Nicht alle Lehrerinnen und Lehrer auf der Unterstufe beurteilen die Aufhebung der Einführungsklassen als Segen. (Symbolbild)

Nicht alle Lehrerinnen und Lehrer auf der Unterstufe beurteilen die Aufhebung der Einführungsklassen als Segen. (Symbolbild)

Oliver Menge

Serie Spezielle Förderung

Viele Schulen im Kanton unterrichten integrativ und unterstützen schwächere Schüler mit den Instrumenten der «Speziellen Förderung». Noch allerdings sind eine Reihe von «Baustellen» zu bewältigen, bis das Projekt die Chance auf allgemeine Akzeptanz hat. Wir beleuchten in einer Artikelfolge solch kritische Punkte – und lassen dabei neben der Bildungsverwaltung Lehrerinnen und Lehrer, Verbandsvertreter sowie Bildungspolitiker zu Wort kommen. Erschienen: «Schulen brauchen klare Führung» (24.7.). (esf)

Gerade auf der Unterstufe bedeutet der Wechsel zur integrativen Schule eine Zäsur. Die in diesem Alterssegment zum Teil grossen Leistungsunterschiede wurde seit den 80er-Jahren mit Einführungsklassen aufgefangen. Die kleinen «Knöpfe», die noch etwas mehr Zeit brauchten, konnten den Schulstoff der ersten Klasse in zwei Jahren bewältigen. In der integrativen Schule indes besuchen die einstigen Einführungsklässler ganz regulär die ersten Klassen, werden dort aber entlang ihrer individuellen Bedürfnisse gefördert.

Mehr Zeit

Liliane Ricciardi – und das ganze Lehrerteam in Bellach – findet es «schade», dass die Einführungsklassen abgeschafft wurden. Ihre Kritik wollen sie aber nicht als grundsätzliche Ablehnung der Speziellen Förderung verstanden wissen. Im Unterschied zu ihren Lehrerkollegen in Bellach weint das Lehrerteam in Derendingen der Einführungsklasse keine Träne nach. «Nein, wir vermissen die EK nicht», sagt Brigitte Häner, ohne zu zögern.

Die Bellacher Lehrerin sieht «den grossen Vorteil» der Einführungsklasse mit maximal 12 Schülerinnen und Schülern darin, dass sie genügend Zeit und Raum bietet, um eine ganze Reihe schulischer oder persönlicher Defizite aufzuarbeiten. Seien diese sprachlicher oder motorischer Natur oder weil die Kinder aus eher bildungsfernen Familien stammen. Ricciardi: «Die Heilpädagogin hat dann nicht nur einige wenige Stunden Zeit für diese Kinder, sondern kann sich ihnen die ganze Woche über widmen.» Die zweijährige Einführungsklasse habe sich insbesondere sehr bewährt, eine noch fehlende Reife auszugleichen. Einzelne Förderstunden indes, so Ricciardi, könnten einen entwicklungspsychologischen Rückstand nicht wettmachen.

Sie hat während vieler Jahre jeweils die Einführungsklässler in die zweite Primarschulklasse übernommen – und damit nur gute Erfahrungen gemacht: «Die meisten dieser Schülerinnen und Schüler hatten in der zweiten Klasse keine Probleme mehr.» Sie selbst musste nur zwei ehemalige Einführungsklässler in eine Kleinklasse überweisen. Und etliche der einstigen EK-Schüler schafften es später sogar in die Bez und an die Kanti. Nach den Sommerferien übernimmt Ricciardi zum dritten Mal eine integrierte erste Klasse.

Beim ersten Durchgang hatte sie «grosses Glück», wie sie sagt, «alles hat gestimmt, gerade auch die Zusammenarbeit mit den Eltern war hervorragend». Ein Kind konnte sogar aus dem Förderstatus rausgenommen werden. Der zweite Durchgang sei dann nicht mehr ganz so problemlos verlaufen. «Es ist schwierig, in der zur Verfügung stehenden Zeit die Defizite aufzuarbeiten». Und: «Alle Kinder mit Förderstatus behalten diesen jetzt auch in der dritten Klasse.» Einzelne werden zudem vielleicht individuelle Lernziele haben.

Lilane Ricciardi ( oben im Bild) findet es schade, dass es keine Einführungsklassen mehr gibt.

Lilane Ricciardi ( oben im Bild) findet es schade, dass es keine Einführungsklassen mehr gibt.

szr

Individualisierter Unterricht

Was hält Brigitte Häner dem entgegen? Sie, die von sich sagt, dass sie «Null-Widerstand» gegenüber der schulischen Integration verspürt. «Mit Unterstützung der Lehrpersonen können Schüler mit einem Förderstatus dem Unterricht mehrheitlich folgen», stellt sie fest. Durch die Integration in die Regelklasse werde zudem deren Ehrgeiz angestachelt – «ohne dass jemand ausgelacht wird». Eine Hilfe sei dabei, dass in Derendingen die erste und zweite Klasse gemeinsam unterrichtet wird. «Wir haben viel Erfahrung mit einem breiten Leistungsspektrum in einer Klasse.» Ein entwicklungspsychologischer Rückstand könne mit den Einführungsklassen womöglich gut aufgefangen werden. «Schulische Probleme aber haben eine ganze Reihe von Ursachen», unterstreicht Häner. «Mit der speziellen Förderung können wir diesen begegnen, individuell auf den einzelnen Schüler zugeschnitten.» Häner teilt sich ihr Klassenlehrpensum mit einer Kollegin und ist – als ausgebildeter Lerncoach – zudem für die Kinder mit Förderstatus zuständig.

Ein wesentliches Plus der integrativen Schule liegt gemäss Brigitte Häner im sozialen Bereich. «In unseren integrierten Klassen ist es ruhiger als früher mit den Einführungsklassen», beobachtet sie. «Einzelne verhaltensauffällige Kinder werden von der Regelklasse besser getragen als in den Einführungsklassen.» Von der Speziellen Förderung profitieren zudem sämtliche Schülerinnen und Schüler, nicht nur die schwächeren. Häner: «Wir bemühen uns, den Unterricht für alle Kinder attraktiver zu gestalten.» Die Spezielle Förderung habe in Derendingen die Entwicklung hin zu einem individualisierten Unterricht wesentlich mitbeeinflusst.

Brigitte Häner ist Lehrerin an der Primarschule Derendingen.

Brigitte Häner ist Lehrerin an der Primarschule Derendingen.

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Wichtig: Hilfe der Schulleitung

Damit die integrative Schule gelingen kann, müssen die Rahmenbedingungen stimmen – betonen Brigitte Häner und Liliane Ricciardi. Die Zusammenarbeit im Team, mit den Eltern und der Schulleitung. In Derendingen etwa steht die Schulleitung in einem ständigen Austausch mit verschiedenen sozialen Stellen, um Lösungen für verhaltensauffällige Schüler zu finden. Zudem ermöglichen Schulprojekte ein gutes soziales Klima. Eine grosse Hilfe sei auch, dass die Unterstufenlehrkräfte sich gegenseitig ihre Unterrichtsvorbereitungen zur Verfügung stellen. «Dadurch haben wir dann mehr Zeit, um individuelle Anpassungen für die einzelnen Schülerinnen und Schüler vorzunehmen», so Häner.

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