Aprupter Abgang
Spannungen in der Vebo-Chefetage

Vebo-Direktor Gilbert W. Giger nimmt nach nur zwei Jahren den Hut. Ein wesentlicher Grund: Die Übermacht von Verwaltungsratspräsident Martin Plüss

Elisabeth Seifert
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Ein Bild aus besseren Zeiten: Ex-Direktor Gilbert W. Giger (links) und Verwaltungsratspräsident Martin Plüss an der Vebo-Generalversammlung in Oensingen im Juni 2015.

Ein Bild aus besseren Zeiten: Ex-Direktor Gilbert W. Giger (links) und Verwaltungsratspräsident Martin Plüss an der Vebo-Generalversammlung in Oensingen im Juni 2015.

Archiv/OT

Vor wenigen Tagen noch sass Gilbert W. Giger in seinem Büro. Dann war er weg. Einen offiziellen Abschied gab es nicht und wird es auch nicht mehr geben. Seit Mai 2014 erst hatte er die mit Abstand grösste Behindertenwerkstätte im Kanton mit über 1600 Mitarbeitenden geleitet. Gegen innen wurde der abrupte Abgang des Vebo-Direktors ebenso knapp kommuniziert wie gegenüber der Öffentlichkeit.

Auf einigen wenigen Zeilen teilte die Vebo Genossenschaft mit Sitz in Oensingen am Mittwoch mit, dass Giger sich entschieden habe, die Institution zu verlassen. Und: Ab sofort werde Verwaltungsratspräsident Martin Plüss interimistisch die operative Leitung übernehmen. Auch auf Nachfrage war nicht viel mehr zu erfahren. Martin Plüss sprach gegenüber dieser Zeitung von «unterschiedlichen Vorstellungen bezüglich der Unternehmenskultur».

Der Austritt sei «einvernehmlich» erfolgt und man habe sich darauf geeinigt, den Austritt «nicht weiter zu kommentieren».

Dünne Erklärungen, die mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten. Vor allem für einen Betrieb wie die Vebo, die mit der Öffentlichkeit stark vernetzt ist. Zu rund 60 Prozent lebt die Vebo von öffentlichen Geldern.

Aufgrund ihres gesellschaftlichen Engagements wird sie im Rahmen der Interessengemeinschaft (IG) pro Vebo auch von zahlreichen Politikern aller Parteien mitgetragen. Präsidiert wird die IG von SP-Ständerat Roberto Zanetti, gegen 20 Kantonsräte sitzen im Vorstand.

Martin Plüss bestimmt den Stil

«Wir haben diese Meldung nicht erwartet», sagte gestern Claudia Hänzi, Chefin im Amt für soziale Sicherheit, gegenüber dieser Zeitung. Der Kanton erteilt der Vebo die Betriebsbewilligung und ist über Leistungsvereinbarungen mit der Behindertenwerkstatt verbunden.

«Nachdem wir am Mittwoch über den Abgang des Direktors informiert worden sind, haben wir gestern im Rahmen eines persönlichen Besuchs geklärt, ob es Gründe gibt, die ein Handeln der Aufsichtsbehörde verlangen.» Dies ist aktuell nicht der Fall, versicherte Hänzi – und fügte bei: «Alle weiteren Gründe werden von uns weder bewertet noch kommentiert.»

«Ich habe erst kurz vor der offiziellen Mitteilung davon erfahren und war sehr überrascht», meinte auf Anfrage auch Roberto Zanetti. Zu möglichen Gründe für den unvermittelten Abgang von Giger will er nichts sagen.

Hört man sich bei Politikern, Mitarbeitenden und Kennern des Vebo-Innenlebens um, wird schnell einmal klar: Auch wenn der Zeitpunkt überraschend kommt, hat sich der Weggang abgezeichnet. Ohne dass jemand direkt zitiert werden will, ist die Rede von «vorprogrammierten Spannungen» zwischen Direktor Gilbert W. Giger und Verwaltungsratspräsident Martin Plüss.

Dafür verantwortlich sei, dass Plüss, der die Vebo von 1988 bis 2014 als Direktor geführt hatte, im Anschluss daran von der Generalversammlung zum Verwaltungsratspräsidenten ernannt worden ist. Zur Vize-Präsidentin gekürt wurde mit Aloysia Sieber seine langjährige «rechte Hand».

Auch wenn sich Plüss von der operativen Leitung verabschiedet hat, sei er weiterhin im Alltagsgeschäft sehr präsent. Allgemeine Anerkennung findet sein «grosses Fachwissen». Anderen aber werde es schwer gemacht, ihre Meinung zu äussern. Gilbert W. Giger habe insbesondere in den letzten Wochen versucht, eigene Ideen einzubringen.

Insos verlässt Interessengruppe

Die Vebo-Leitung sieht sich nicht zum ersten Mal der Kritik ausgesetzt. Im Nachgang zu den Feierlichkeiten anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums der Vebo im Sommer 2014 kritisierte FDP-Kantonsrat Alexander Kohli die «Selbstdarstellung des Managements». Dies im Rahmen der Parlamentsdebatte über eine Interpellation der FDP. Damit forderten die Freisinnigen eine Offenlegung der Löhne von Verwaltungsrat und Direktion, wozu die Vebo – auf politischen Druck hin – schliesslich auch Hand bot.

Von der Öffentlichkeit unbemerkt hat sich vor rund zwei Jahren zudem die Solothurner Sektion von Insos, dem Branchenverband der Institutionen für Menschen mit Behinderung, aus der gemeinsamen IG pro Vebo und Insos verabschiedet.

Die IG sei immer stark auf die Bedürfnisse der Vebo ausgerichtet gewesen, sagt der Leiter einer Institution, der nicht genannt werden will. Der Verband aber verstehe sich als Vertreter aller Institutionen. Zudem kritisiert er die auf permanentes Wachstum ausgerichtete Geschäftsphilosophie der Vebo. Statt einem Anbieter sei heute vielmehr ein differenziertes, vielfältiges Beschäftigungsangebot für Behinderte gefragt.