Integration
Sozialdienst-Leiter: «Morgens bin ich Kommunist, abends SVPler»

Olaf Wirtz ist für Unterbringung und Beschäftigung von 100 Asylsuchenden verantwortlich. Nicht immer gefällt ihm, was er auf seinen Rundgängen durch die Asylunterkünfte sieht. Wirtz warnt: Wenn die Politik jetzt nicht handelt, wird es teuer.

Lucien Fluri
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Olaf Wirtz erwartet für 2016 das Doppelte an Asylbewerbern.

Olaf Wirtz erwartet für 2016 das Doppelte an Asylbewerbern.

Urs Byland

Olaf Wirtz ist bekannt dafür, dass er aus seinem Herzen keine Mördergrube macht. Kürzlich, als sich Kantons- und Gemeindevertreter zum Asylgipfel trafen, stand der Leiter des Sozialdienstes Wasseramt Ost auf. «Die Konzepte sind ja gut. Aber wie soll Integration funktionieren, wenn ich mit 1,4 Stellen 100 Asylsuchende betreuen und integrieren muss?» wollte Wirtz wissen. «Wenn wir jetzt nicht handeln, wird es teuer kommen», mahnt Wirtz fehlende Integrationsplätze an. Der frühere Berufsoffizier der deutschen Bundeswehr will sich dabei nicht in eine politische Ecke drängen lassen. «Morgens bin ich Kommunist, abends SVPler», sagt der 61-Jährige.

«Uns fehlen ja schon die einfachsten Möglichkeiten, um die Leute zu beschäftigen. Was haben wir denn? Wir können ihnen ein paar gelbe Westen anziehen und sie Papierfetzen auflesen lassen. Lasse ich sie öffentlich den Rasen mähen, kommt der erste Unternehmer und sagt: ‹Ihr nehmt uns die Aufträge weg.› Also können sie nur in den Gärten um ihre Unterkünfte arbeiten. Zum Glück haben wir da einige grosse Gartenanlagen. Ich habe gebettelt, bis mir ein paar Leute alte Gartengeräte zur Verfügung gestellt haben. Ich habe jetzt zwei Rasenmäher.

So versuchen wir, wenigstens stundenweise dem Tag einen Sinn zu geben. Wir zeigen, dass man im Garten selbst Gemüse anbauen kann. Letztes Jahr, da hatten wir einen Apfelbaum. Niemand nahm die reifen Äpfel. Viele Asylsuchende kennen das gar nicht. Wir haben in der Regel Männer. Und für die ist schon Geschirrwaschen Frauensache. Da müssen wir zeigen, dass wir hier Gleichberechtigung haben. Wenn einer kommt und eine Abwaschmaschine fordert, weil seine Frau krank ist, dann sage ich: «Nein, das können auch Sie machen!»

Wir müssen die morgens zum Bett rausholen. Im März konnte ich probeweise einen Mann anstellen, der so etwas ist wie Abwart und Kontrolleur. Der geht morgens in den Unterkünften vorbei und sagt: Hier ist der Spaten, jetzt stechen wir mal ein Beet um. Dann geht er zum nächsten Haus, und wenn er zurückkommt, liegen die im ersten Haus wieder alle im Bett. Es fehlt einigen Leuten schon nach einer Weile an Eigeninitiative. Es gibt bestimmte Völkergruppen, die können den ganzen Tag im Bett liegen. Und ringsherum liegt der Dreck. Die kennen keinen geregelten Tagesablauf.

Seitdem wir diesen neuen Mitarbeiter haben, können wir mehr tun. Wir sagen: Ihr habt in der Wohnung zu tun. Ich gehe hin und wieder mit. Es gibt Leute, da stehen die Schuhe aufgereiht vor der Türe. Andernorts gibts keine Schuhe, sondern Mülltüten vor der Türe. Es gibt Küchen, da sehen Sie den Kochherd nicht mehr. Der ist so verdreckt. Und auf der Terrasse liegen Berge von Müll, obwohl wir ihnen zeigen: PET-Flaschen kann man dorthin bringen, Glas-Flaschen dorthin. Das machen die, wenn wir kommen und schauen. Ich habe jetzt einen Brief entworfen mit vielen Hinweisen, etwa dass man Müll nicht auf die Strassen schmeisst oder Frauen gleich behandelt. Den Brief gibt es auf Arabisch, Dari, Persisch und Tigrynia.»

Olaf Wirtz, Sie wählen stets deutliche Worte: Getrauen sich das andere nicht?

Ich sage meinen Leuten immer: Das Herz darf bei der Arbeit dabei sein. Aber schaffen müssen wir mit dem Kopf. Es nützt uns nichts, wenn die Klienten jammern und wir Mitleid zeigen. Da ändert sich nichts. Als Sozialdienst sind wir – bildlich gesagt – die Krücken beim Beinbruch. Nach einer gewissen Zeit sollen die Leute ohne Krücken laufen. Nur geht das bei uns nicht so schnell wie beim Beinbruch. Beim Asyl wird es Jahre dauern, bis die Leute Deutsch können, arbeiten können oder überhaupt die Einstellung zum Leben in der Schweiz finden.

Hatten Sie nie Angst, dass man Sie aufgrund Ihrer Aussagen in eine politische Ecke drängt?

Ich bin nicht einreihbar. Ich bin morgens Kommunist und abends SVPler (lacht). Ich möchte mich keinem Zwang und keiner Parteidoktrin unterstellen. Ich bin Pragmatiker. Ich muss schauen, was vor Ort ist und was wir da machen können. Zuhause mag es anders aussehen. Da haben wir unsere Tischgespräche. Meine Frau ist Grüne, ich war jahrelang in der SPD, meine drei Söhne sind bei der Jungen SVP. Wenn wir am Tisch diskutieren, ist das Essen bald nur noch Nebensache.

Auch jetzt wählen Sie deutliche Worte. Haben Sie keine Angst vor negativen Rückmeldungen?

Ich gehe in 45 Monaten in Pension. Die nächste Generation hat den Ärger (lacht laut). Aber das möchte ich eben nicht. Ich möchte meinen Nachfolgern nicht sagen müssen: Wir haben es gewusst, aber wir haben nicht versucht, etwas zu ändern, und immer wieder auf Probleme aufmerksam gemacht. Ich möchte hier gehen und sagen: Wir konnten die Leute unterstützen, auf einen anderen Weg zu kommen. Aber allmählich sehe ich mein Endziel ein wenig am Bröckeln. Wir haben Leute aus dem Kosovo, die seit 15 Jahren vorläufig aufgenommen sind – ohne Möglichkeit zur Integration.

«Die Schweiz hat einfach eine andere Einstellung zur Zeit. Wer nicht pünktlich ist, macht sich alles kaputt. Es ist nun einmal so: Wenn Sie einem einen Termin geben, montags um zehn, kommt der vielleicht dienstags. Wir üben jetzt Pünktlichkeit. Ein Beispiel: Die Einzelpersonen müssen hierherkommen, um ihr Geld abzuholen. Ich kann nicht eine Frau in die Häuser schicken mit Tausenden von Franken. Also geben wir einen Termin: vielleicht 14 Uhr. Dann stehe ich um 14 Uhr draussen, gucke mir die Ausweise an und schicke einen nach dem anderen rein. Was passierte? Etwa zehn kamen, da war schon alles vorbei. Da ging ich raus: Es ist 10 vor drei, nicht 14 Uhr. Jetzt gibts kein Geld mehr. Punkt. 14 Uhr ist 14 Uhr und nicht 14.15 Uhr. Wer nicht da ist, kriegt kein Geld. Nächster Auszahlungstermin: nächste Woche. Das klingt bösartig und bürokratisch. Aber sonst kommen sie wieder zu spät. Und wer reinkommt, sagt: «Guten Tag». Es heisst nicht einfach: «Wirtz». Es heisst: «Guten Tag, Herr Wirtz». Da nehme ich mir auch eine halbe Stunde Zeit, um das zu erklären.»

Olaf Wirtz, was fordern Sie von der Politik?

Zuerst einmal fehlt uns das Know-how. Wir sind ja nun keine Experten für arbeitsmarktliche Integration. Mit unseren 354 Sozialhilfedossiers haben wir in diesem Bereich schon unsere Probleme. Aber jetzt kommen noch Leute dazu aus anderen Kulturen, mit anderen Erwartungen. Und die sollen wir jetzt möglichst schnell integrieren. Ich frage mich: wie?

Wie ginge es besser?

Es braucht Fachinstitutionen für die Integration, die uns sagen: Das braucht der Arbeitsmarkt. Wo werden überhaupt noch Hilfskräfte gebraucht? Das wissen wir hier nicht. Ein Grossteil der Asylsuchenden wird Hilfskraft. Weil sie teils gar nicht schreiben oder lesen können. Wir können nicht jemanden, der keine Schulbildung hat, zum Banker machen. Aber es bringt auch nichts, das sie irgendwann einfach einen Staplerkurs machen. Die Schweiz ist voll mit Rot-Kreuz-Helfern und Staplerfahrern.

Stichwort Hilfsarbeiter: Gerade in Ihrer Sozialregion verloren viele Personen einfachere Stellen in der Industrie. Stichworte: Scintilla, Attisholz, Papierfabrik Biberist.

Das merken wir. Schon diese Leute haben manchmal keine Möglichkeiten mehr. Wir können auch nicht mehr jeden irgendwohin schicken. Früher haben wir einen 55-jährigen Sozialfall zuerst sechs Monate ins Netzwerk Grenchen geschickt, damit er dort wieder raufkommt. Das können wir uns nicht mehr immer leisten. Wir müssen uns in der Sozialhilfe wegen der Finanzen überlegen, wen wir wohin schicken können.

Institutionen wie die Regiomech bieten sehr wohl Kurse an, die auf den Arbeitsmarkt vorbereiten.

Ja, es gibt Kurse bei der Regiomech. Aber da wollen alle ihre Asylsuchenden unterbringen. Die Kurse sind hoffnungslos überfüllt. Sie sind auf Wochen und Monate hinaus belegt. Die warten zwei bis drei Monate, um nur schon einen Grundkurs Deutsch zu machen. Und ohne die deutsche Sprache geht in diesem Land gar nix. Wir verständigen uns hier mit den Asylsuchenden mit Hand und Fuss. Wir zeichnen manchmal Strichmännchen auf Papier, um uns zu verständigen.

Spüren Sie die Solidarität der Bevölkerung, etwa bei Freiwilligen?

Bei uns hat sich so gut wie kein Freiwilliger gemeldet, der helfen will. Es ist ein Erfolgserlebnis, dass wir mit der Laufgruppe Derendingen jetzt einmal pro Woche anfangen, ein Training zu machen. Auch bei einem Fussballklub sind wir dran. Das gibt ein bisschen Kontakt. Aber freiwillig kommt keiner auf uns zu.

«Ich mische mich im Moment sehr ein. Wir spielen böser und guter Polizist. Und ich bin der böse. Ich komme in die Wohnungen und sage: Hier wird jetzt Ordnung gemacht. Anders geht das nicht. Ich gehe wöchentlich fast zweimal durch alle Wohnungen. Es gibt ja immer einen kleinen Teil, der nicht will. Im Asylwesen ist aber bei einem guten Teil der Wille da, sich hier ein Leben aufzubauen. Wenn wir jetzt nicht versuchen, für die Leute etwas zu finden, mit dem sie sich selbst über Wasser halten können, sehe ich schwarz. Wir schaffen ein riesiges Potenzial an Fürsorgefällen, was uns enorm viel kosten wird.»

Eine «Glückssträhne» habe er, sagt Olaf Wirtz. Trotz Schwierigkeiten auf dem Wohnungsmarkt hat er gerade verschiedene Wohnungen für die Asylsuchenden gefunden. Warum also nicht vorbeischauen gehen? Wir verlassen das Büro. Wirtz fährt zu einem geräumigen, aber in die Jahre gekommenen Haus mit viel Umschwung, das bald zur Asylunterkunft wird. Wirtz fährt im «Firmenwagen» durch Derendingen. Ihr Auto haben die sozialen Dienste erst seit kurzem. Luxus ist verpönt: Der weisse Dacia ist ohne Radio oder Zentralverriegelung.

«Ich habe ein Aufnahmesoll von 70 Asylsuchenden dieses Jahr. 40 haben wir schon aufgenommen, dank einer Glückssträhne bei der Wohnungssuche. Etagenbetten sind bei uns Standard. Die Mieten, die heute verlangt werden, die können wir nicht bezahlen. Das sprengt unser Budget. Pro Asylsuchenden haben wir vom Kanton etwa 250 bis 300 Franken für die Wohnung pro Monat. Ich muss also wenigstens fünf, sechs, sieben Leute in eine Wohnung einziehen lassen. Was wir über den 250, 300 Franken brauchen, müssen die Gemeinden der Sozialregion obendraufschmeissen. Aber das sagt mir die Politik: so nicht. Wir legen doch nicht drauf. Wir müssen auch dafür sorgen, dass sich zwei oder drei Asylsuchende zusammentun, wenn sie als vorläufig Aufgenommene selbst eine Wohnung suchen dürfen. Aber die wollen eine eigene Wohnung. Mein Standardspruch ist: Wie habt ihr zuhause gelebt? Hattet ihr auch ein eigenes Appartement? Nein, da hat eine Familie in einem Raum gewohnt.»

Sind Sie manchmal wütend auf die Politik?

Solange ich lachen kann, nein. Manchmal muss ich über die Unwissenheit lachen. Aber was ich von Politikern wirklich erwarten würde, ist, dass sie ihre Beschlüsse mal auf Machbarkeit überprüfen. Das findet oft nicht statt. Sie beschliessen etwas und sagen: Jetzt macht mal.

Und das funktioniert?

(lacht) Wir sollten jeden Tag die Quadratur des Kreises machen. Wir sollten Leute integrieren und wir sollten günstig sein. Von unten heisst es: Ich will und ihr gebt mir nicht. Und von oben heisst es: Ihr gebt zu viel. Und so stellen wir an vielen Abenden fest: Auch heute haben wir die Quadratur des Kreises nicht geschafft. Die Grundforderung ist ja: Wenn einer zu euch kommt, habt ihr ihn nach zwei Monaten zum Bankdirektor gemacht. (Lacht laut) Wenn das so weitergeht, ist die Burnout-Dichte hier hoch. Wir haben hier das Asylwesen, den Kindes- und Erwachsenenschutz und die Sozialhilfe sowie die Ausgleichskasse für vier Gemeinden. Wir betreuen alleine 354 Sozialhilfedossiers.

Sie haben zu wenig Ressourcen?

Biel hat 14 neue Vollzeitstellen für Integration bewilligt. Da kann ich nur weinen, wenn ich meine 1,4 Stellen für 100 Asylsuchende sehe. Ich werde dieses Jahr sicher auch noch einen Antrag stellen müssen. Das sollte finanzierbar sein, weil wir mehr Asylsuchende haben und somit auch etwas mehr Betreuungsgeld erhalten von Kanton und Bund. Wir brauchen personelle Ressourcen. Klar, Sozialdienste wollen immer mehr Personal, als die Politik Mittel geben kann. Aber irgendwo in der Mitte ist die Wahrheit.

«Diese irrsinnigen bürokratischen Anforderungen machen uns zu schaffen. Da sind wir tagelang nur mit Abrechnungen und Formularkriegen beschäftigt. Baut das ab! Ich nenne ihnen mal ein Beispiel: Jetzt hat endlich einer eine Wohnung gefunden. Dann erhält er etwas Geld, um Pfannen oder ein Bett zu kaufen. So, dann geben wir ihm das Geld. Aber da verlangt der Kanton für jedes gekaufte Möbel den Abrechnungsbon. Ohne Bons streicht uns der Kantonsmitarbeiter das Geld. Das bleibt an uns hängen. Stellen Sie sich vor: Jetzt zieht einer aus Derendingen weg und findet eine Wohnung in Grenchen. Da bringt der uns doch keine Quittungen.

Soll ich jetzt meine Mitarbeiter nach Grenchen schicken und bei dem die Schubladen durchwühlen lassen, damit wir endlich Bons für die Kopfkissen und die paar Kochtöpfe kriegen? Und dann müssen wir noch jeden Bon fotokopieren.

Das ist unmöglich. Solche Dinge sind künstliche Beschäftigung. Wir müssen zwischen Kanton und Gemeinden einen Weg miteinander finden. Ich habe immer noch das persönliche Gefühl, dass sich Kantonsangestellte uns vorgesetzt fühlen. Wir arbeiten auf einer Ebene. Jetzt gibt es immerhin ein Pilotprojekt, das uns Pauschalen gibt statt dieser Abrechnungen. Aber das ist im Moment auch sehr kompliziert, weil wir Listen führen müssen, wie teuer es jetzt ist und wie teuer es vorher war. Ich habe dazu eine Aushilfe anstellen müssen. Ich würde einfach den Betrag ausbezahlen. Ob sich einer ein Bett und zwei Kopfkissen kauft, oder ob er lieber am Boden schläft und dafür seiner Schwester in Polynesien eine Hochzeit bezahlt, ist mir eigentlich egal.»

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